18. giugno 2007
Medienmitteilung von Verbänden und Institutionen, die im Bereich der psychischen Gesundheit der schweizerischen Bevölkerung tätig sind, vom 18.6.2007
Bundesrat bagatellisiert psychische Gesundheit weiter
Nationalrat Felix Gutzwiller fordert in einer Motion, innert zwei Jahren Massnahmen zur Verbesserung der psychischen Gesundheit der Schweizer Bevölkerung zu ergreifen. Die nun vorliegende Antwort des Bundesrates auf diese Motion ist aus Sicht von 16 Verbänden und Institutionen, die in der Schweiz im Bereich der psychischen Gesundheit tätig sind, unhaltbar. Sie werden sich dafür einsetzen, dass dem Bundesrat vom Parlament der verbindliche Auftrag erteilt wird, bei der psychischen Gesundheit mehr Verantwortung zu übernehmen und zu ermöglichen, dass sich die Bevölkerung aktiver, besser und nachhaltiger schützen kann.
Die Wahrscheinlichkeit, einmal im Leben an einem schweren psychischen Leiden zu erkranken, beträgt in der Schweiz nahe zu 50% 1) und jedes Jahr erkranken 70'000 Menschen neu. Die Hälfte dieser Erkrankungen bricht bereits vor dem 14. Lebensjahr ein erstes Mal aus und gefährdet so die Zukunft unserer Kinder- und Jugendlichen. Die Folgekosten von psychischen Erkrankungen erreichen jedes Jahr zweistellige Milliardenbeträge. Dennoch besteht für die Schweiz auf Bundesebene bis heute weder ein Koordinationsauftrag, noch sind adäquate Massnahmen in Sicht, die der epidemienartigen Entwicklung psychischer Erkrankungen entgegentreten.
Unzeitgemässe Gesundheitspolitik des Bundesrates Die Verbände und Institutionen kritisieren, dass wider aller Erkenntnisse der epidemiologischen, psychiatrischen, psychologischen, psychotherapeutischen und pädagogischen Forschung die psychische Gesundheit in keiner Art und Weise den Stellenwert besitzt, den ihre individuellen, familiären und volkswirtschaftlichen Auswirkungen dringlich notwendig machen würden – dies notabene trotz der zumeist bundeseigenen alarmierenden Daten und Berichte zur psychischen Gesundheit (siehe Anhang II). Dies widerspricht auch anerkannten internationalen Erkenntnissen und Massnahmenplänen (OECD-Länderbericht Schweiz (2006) 2); WHO Region Europa 3), Helsinki 2005).
Der Bundesrat muss bei der psychischen Gesundheit mehr Verantwortung übernehmen und ermöglichen, dass sich die Bevölkerung aktiver, besser und nachhaltiger schützen kann. Bund und Kantone müssen diese Fragen engagiert und koordiniert anpacken. Dementsprechend ist die Antwort des Bundesrates auf die Motion Gutzwiller, welche den Bundesrat aufforderte innert zwei Jahren konkrete Massnahmen für den Schutz der psychischen Gesundheit zu ergreifen, inakzeptabel. Die unterzeichnenden Verbände und Institutionen setzen sich dafür ein, dass dem Bundesrat vom Parlament der verbindliche Auftrag erteilt wird, diese zentralen Anliegen endlich umzusetzen. Die unterzeichnenden Verbände und Institutionen fordern den Bundesrat auf, endlich seine Verantwortung für eine zeitgemässe und nachhaltig koordinierte Gesundheitspolitik wahrzunehmen, welche die psychische Gesundheit nicht weiter marginalisiert.
1) Gesundheit im Kanton Zürich, 2000 – 2006, Institut für Sozial und Präventivmedizin der Universität Zürich, Februar 2007. Zurich Longitudinal Studies on Growth and development; vgl. http://www.research-projects.unizh.ch/p1067.htm 2) OECD-Berichte über Gesundheitssysteme, Schweiz, OECD, WHO 2006; insb. S. 12, 78 und 94 3) http://gdk-cds.ch/fileadmin/pdf/Themen/Gesundheitssystem_und_ Strategien/Nationale_Gesundheitspolitik/gdoc07.pdf; ferner: http://www.bag.admin.ch/org/01044/03338/index.html?lang=de
Unterzeichnende Verbände und Institutionen:
Organisationen, die die Medienmitteilung oben zur Motion Gutzwiller „Psychische Gesundheit der Bevölkerung. Nachhaltige Massnahmen“ namentlich unterstützen sowie die Motion | Zeichnende Person | FMPP Verbindung der psychiatrisch-psychotherapeutisch tätigen ÄrztInnen Dazu gehören:
- SGPP Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie
- SGKJPP Schweizerische Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie
| Hans Kurt, Präsident, Tel. 031 313 88 33 / 079 689 18 39 | | FSP Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen | Daniel Habegger, Generalsekretariat FSP, Tel. 079 609 90 68 | | AFG Psychiatrische Pflege Akademische Fachgesellschaft für Psychiatrische Pflege | Christina Holzer-Pruss | | Fachverband Sucht Verband der Deutschschweizer Suchtfachleute und -institutionen | Markus Theunert, Generalsekretär | | GedaP Gesellschaft delegiert arbeitender Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten | Stefan Dietrich | | PMS Pro Mente Sana | Jürg Gassmann, Zentralsekretär | | SBAP Schweizerischer Berufsverband für Angewandte Psychologie | Heidi Aeschlimann | | Schweizer Charta für Psychotherapie | Ruedi Buchmann | | SGDP Schweizerische Ärztegesellschaft für Delegierte Psychotherapie | Christian Bernath, Präsident | | SPO Schweizerische Patienten - Organisation | Pedro Koch, Stiftungsrat | | SPV Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten Verband | ThomasMerki, Präsident | SGSP Schweizerischen Gesellschaft für Sozialpsychiatrie | François Ferrero | | SVPC Schweizerische Vereinigung Psychiatrischer Chefärzte | Graziella Giacometti Bickel, Präsidentin | | SGP Schweizerische Gesellschaft für Psychologie | Alexander Grob | | VfP Schweizerischer Verein für Pflegewissenschaft | Virpi Hantikainen, Präsidentin | | Werner Alfred Selo Stiftung | John Kummer |
Medienauskünfte erteilen: Dr. med. Hans Kurt, Präsident FMPP und SGPP: Tel. 079 689 18 39 Daniel Habegger, Generalsekretariat FSP: Tel. 079 609 90 68 / 031 388 88 11
Anhang I: Motion Gutzwiller:
Psychische Gesundheit der Bevölkerung. Nachhaltige Massnahmen Motion vom 23.03.2007
Eingereichter Text Der Bundesrat wird beauftragt, auf Grundlage der erarbeiteten und vernehmlassten Strategie (siehe Fussnote) zur psychischen Gesundheit und unter Anhörung der Kantone, Fachorganisationen und Experten spätestens innert 2 Jahren konkrete Massnahmen zu ergreifen, welche die psychische Gesundheit der Schweizer Bevölkerung rasch, nachhaltig, effektiv und effizient sichern und verbessern.
Er wird beauftragt:
- Die Strategien, Vernehmlassungsresultate und Konzepte zu psychischer Gesundheit, zur Gesundheitsförderung, Prävention, Versorgung und Rehabilitation im Hinblick auf das geplante Gesetz zur Prävention und Gesundheitsförderung zu analysieren, allfällige Mängel und Lücken aufzuzeigen und die Projekte entsprechend weiterzuentwickeln.
- Insbesondere bei schweren Depressionen beschleunigte Massnahmen auf Grundlage Artikel 118 der Bundesverfassung zu ergreifen.
- Auf Grundlage der Punkte 1 und 2 die notwendigen Empfehlungen zu Handen der Kantone und der interessierten bzw. betroffenen Organisationen, Institutionen und Fachkreise zu formulieren.
Begründung Psychische Erkrankungen sind hierzulande weit verbreitete, schwere Leiden. Ihre individuellen, familiären sowie volkswirtschaftlichen Auswirkungen in jährlich zweistelliger Milliardenhöhe haben ein Ausmass erreicht, das dringlich kohärente, nachhaltige, effektive und effiziente Strategien und Massnahmen erfordert. Auf Grundlage von Artikel 118 Absatz 1 BV99 werden ein klarer, gesetzlicher Koordinationsauftrag des Bundes für eine verlässliche, nachhaltige und ständig fortgeführte und laufend evaluierte Strategie und entsprechende Massnahmen zur psychischen Gesundheit vermisst. Allfällige Massnahmen dürften erst im Rahmen des geplanten Gesetzes zur Prävention und Gesundheitsförderung zu erwarten sein, also erst in ca. 5 bis 7 Jahren. Auch die gesetzliche Qualitätssicherung der Psychologieberufe, die leider auf sich warten lässt, dürfte erst mittelfristig günstige Wirkung entfalten.
Die auch mit Berichten des Obsan bestens belegte, Besorgnis erregende Situation der Schweizer Bevölkerung bei der psychischen Gesundheit gestattet es nicht, mit konkreten Massnahmen noch Jahre zuzuwarten. Deshalb unterstützen diese Motion auch die Dachverbände der Erwachsenen-, Kinder- und Sozialpsychiatrie, der Erwachsenen-, Kinder- und Sozialpsychologie und -psychotherapie, diverse Fach-, Angestelltenund Patientenorganisationen sowie gemeinnützige Stiftungen, die sich für eine bessere psychische Gesundheit der Bevölkerung einsetzen. Zudem sei auch an die parlamentarischen Vorstösse Bruderer (06.3370), Beerli (02.3254), Dormann (02.3248) sowie SGK-NR (03.3010) erinnert.
Fussnoten: 1) Psychische Gesundheit, Strategieentwurf zum Schutz, zur Förderung, Erhaltung und Wiederherstellung der psychischen Gesundheit der Bevölkerung in der Schweiz, Februar 2004. 2) Zusammenstellung der Konsultationsergebnisse Entwurf Nationale Strategie zum Schutz, zur Förderung, Erhaltung und Wiederherstellung der psychischen Gesundheit der Bevölkerung in der Schweiz (Februar –Mai 2004), Dezember 2004. _______________________________________________________________________________ Anmerkung: Quelle zu Nationaler Gesundheitspolitik / Psychische Gesundheit: vgl.
http://www.nationalegesundheit.ch/main/Show$Id=1316.html
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