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      Familie und Beruf: Kinderbetreuung überfordert Gleichstellungsideale
 

1.11.2000

Familie und Beruf: Kinderbetreuung überfordert Gleichstellungsideale

Für viele Frauen in der Schweiz ist es immer noch schwierig, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Studien zeigen, dass die Geburt eines Kindes ihren beruflichen Werdegang häufig hemmt - den der Männer hingegen kaum. Letztere reagieren aber zunehmend verunsichert.

Das zweite zweisprachige Symposium der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen vom 16. Oktober 2000 in Freiburg behandelte die Schwierigkeiten in traditionellen und neuen Familienformen, Kinder und berufliche Karrieren unter einen Hut zu bringen. Die Veranstaltung thematisierte auch den Einfluss der gesellschaftlichen Wertvorstellungen auf das Verhalten beziehungsweise die Arbeitsteilung der Paare.

Neue Familien - überholte Strukturen

Die aktuelle Situation zeigt, dass die Frauen sowohl mit einer ungleichen Behandlung in der Berufswelt wie auch im Schoss der Familie zu kämpfen haben. Allgemein wurde betont, dass beim Thema Familie und Beruf beziehungsweise Gleichberechtigung von Frau und Mann die gesamte Gesellschaft herausgefordert ist: Eine Verpflichtung der Väter, mehr Zeit in Familien- und Hausarbeit zu investieren und eine Änderung der Mentalität in der Berufswelt täten Not. Notwendig sei vor allem aber eine vorausschauende Politik, die familienfreundlichere und zeitgemässere Rahmenbedingungen schaffe. Denn die heutigen gesellschaftlichen Strukturen produzierten viel zu viele überforderte Mütter (und zuweilen auch Väter), die unverschuldet in eine schwierige Lage gerieten und dann nicht selten therapeutisch betreut werden müssten.

Geburt als berufliche Zäsur - fast nur für Frauen

Die aktuellsten Ergebnisse des Bundesamtes für Statistik verdeutlichen das beruflich-familiäre Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern: Wie erklärt sich sonst die Tatsache, dass sich zwischen 1991 und 1999 der Anteil an Frauen, die den Arbeitsmarkt nach der Geburt des ersten Kindes verlassen, von 7% auf 41% erhöhte und nach Geburt des zweiten Kindes durchschnittlich 60% beträgt? Aus ökonomischer Sicht stellt sich die berechtigte Frage, ob es für Wirtschaft und Staat vernünftig ist, dieses riesige Potenzial brachliegen zu lassen.

Unterentwickelte Familienstrukturen

Jürg Krummenacher, Präsident der Eidgenössischen Koordinationskommission für Familienfragen (EKFF), stellte fest, dass die Familienpolitik in der Schweiz vergleichsweise wenig entwickelt sei und auf keine mächtige Lobby zählen könne, die ihre Anträge und Interessen effektiv vertrete. Aktuell mache die EKFF konkrete Vorschläge, wie mit einheitlichen Kinder- und weiteren Zulagen die finanzielle Situation vieler bedürftiger Familien verbessert und wie die Zahl der Haushalte unterhalb der Armutsgrenze wirksam gesenkt werden könnte.

Zwischen Kinderbetreuung, Beruf und Parlament

Mit viel Frische und Spontaneität erzählte Elisabeth Baume von ihren Alltagserfahrungen als Mutter, Hausfrau, Sozialarbeiterin und Präsidentin des Parlaments des Kantons Jura. Grundtenor: Überall fehlen die Strukturen für die Kinderbetreuung und mit Kinderwagen ist eine Politikerin dann zuweilen erst noch unerwünscht ... . Ihr Erlebtes, ihre Erfahrungen und Bemerkungen bildeten einen ausgezeichneten Übergang zum zweiten Teil des Symposiums, welcher der Verbindung von Familie und Arbeit gewidmet war.

Krippen schaden Kindern nicht

Zur Thematik des Aufwachsens und über die Frage, wie weit und auf welche Art sich ein Kind an die Umgebung anpassen kann, gibt es unzählige Studien und zahllose, immer neue Debatten. Krippen seien für das Wohl des Kindes nicht schädlich, war die Hauptaussage von Psychologe FSP Blaise Pierrehumbert von der Universität Lausanne. Die Betreuung der Kinder im Vorschulalter ausserhalb der Familie sei eine praktische Konsequenz, wenn die Frauen auf den Arbeitsmarkt drängten. Damit werde schnell einmal klar, dass die Familie nicht mehr der unersetzliche und ständige Fixpunkt in der Entwicklung des Kindes darstellen müsse. Sehr viele Studien bestätigten, dass die Fremdbetreuung als solche keinen offensichtlich schädlichen Effekt auf die Entwicklung des Kindes habe, sofern sie von zufriedenstellender Qualität sei.

Krise der modernen Vaterschaft

Worin besteht heute eine Vaterschaft? Die Soziologin Marianne Modak von der Universität Lausanne stellte die Frage, ob es nicht vielleicht auch um die Krise in der Männerwelt gehe. Selbst wenn die Vaterschaft sich verändere, ein neues Image suche, neige sie - aufgrund der väterlichen Vorbilder - noch allzu häufig dazu, ihren Status auf Grundlage von Autorität, Dominanz und Macht zu definieren. Viele Männer glaubten in diesen Bildern und Vorstellungen gefangen zu sein. Es sei notwendig, die Faktoren zu erklären, welche die Schwierigkeiten der aktuellen Vaterrolle ausmachten. Es sei eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe zu verhindern, dass die Vaterschaft - wie bestimmte Zeichen es andeuteten - zur grossen Konfrontation zwischen den Geschlechtern werde.

Gleiche Rechte und Pflichten - ein ungelebtes Ideal

Die Gleichheit zwischen Frauen und Männern sei heute ein Grundkonsens, der sich gesellschaftlich entwickelt habe und der durch politische Entscheidungen und gesetzliche Bestimmungen formal umgesetzt worden sei. Jedoch blieben die Verschiedenheiten des Geschlechtes auf allen Gebieten des sozialen Lebens bestehen. Die Lausanner Soziologin Patricia Roux zeigte anhand einer Studie, wie verheiratete Paare diese normative Ambivalenz entsprechend ihren persönlichen Interessen und ihrem Gerechtigkeitsempfinden (er-)leben, ignorieren oder bekämpfen. Die Resultate zeigten, dass die ungleiche Aufgabenteilung bei Familien- und Hausarbeiten von der Mehrheit der befragten Paare akzeptiert werde. Das heisst: Die Gleichheit von Frau und Mann in Familie und Beruf entspreche nicht dem Hauptinteresse oder dem Hauptziel der Paare und erkläre, weshalb viele Menschen in der Schweiz - einschliesslich Frauen - sich nicht vehementer gegen die immer noch ungleichen Rollen auflehnten.