3.7.2003
Kompetenzprofil der Psychologischen Online-BeraterInnen der Föderation der Schweizer PsychologInnen
Virtuelle Beratung - reale Wirkung
Herr Bühler sitzt spätabends auf seinem Balkon und sinniert. Seine Frau schläft schon lange. Seit das zweite Kind geboren ist, geht sie praktisch jeden Abend mit den Kindern zu Bett. Der Mann versteht ihre Erschöpfung. Aber er leidet darunter, dass sie beide keine Zeit mehr füreinander finden. So hat er sich die Ehe nicht vorgestellt. Auf der Suche nach einer Hilfe geht er ins Internet. Über einige Umwege findet er eine passende Home-Page: www.paarberatung.ch. Sogar ein E-Mail-Beratungsangebot ist da vorhanden. Genau so etwas hat er gesucht. Ob er diesem Angebot wohl trauen kann?
Noch mit vielen anderen Problemen würde Herr Bühler Rat im Internet finden. Psychologische Online-Beratung - noch vor wenigen Jahren kaum ernst genommen - findet immer mehr Verbreitung. Gemeint ist gemäss Definition «eine aktive, helfende Begegnung zwischen einer ratsuchenden Person und einer psychologischen Beraterin, welche virtuell im Internet mittels dessen spezifischen Kommunikationsformen stattfindet». Mit der zunehmenden Verbreitung der Online-Beratung stellt sich verstärkt die Frage nach der Qualität des Angebots. Woran kann Herr Bühler erkennen, ob das gefundene Angebot seriös ist?
Um diese Frage zu beantworten, gab die Föderation Schweizer PsychologInnen FSP vier Mitgliedern - allesamt Fachpersonen mit mehrjähriger Erfahrung in der Online-Beratung - als Fachkommission den Auftrag, ein Kompetenzprofil für Psychologische Online-BeraterInnen zu erarbeiten. Dieses liegt nun vor.
Bis wann, von wem, wie teuer?
Dem Kompetenzprofil zufolge sollte Herr B. überprüfen, ob auf der gefundenen Homepage ersichtlich ist, wer sein Mail beantworten wird und welche Aus- und Weiterbildungen der Berater absolviert hat. Bietet ein Psychologe FSP oder eine Psychologin FSP die Beratung an, weiss Herr Bühler bereits, dass er/sie an einer Universität ein Psychologiestudium erfolgreich beendet hat und sich an die FSP-Berufsordnung halten muss. Er darf jedoch grundsätzlich denselben ethischen Standard wie in einer konventionellen psychologischen Beratung erwarten; dazu gehört in erster Linie die vertrauliche Behandlung seiner Anfrage.
Herr Bühler müsste bereits auf der Homepage erfahren, bis wann er eine Antwort erwarten kann und wieviel sie ihn kosten wird. Auch über den internetspezifischen Umgang des Beraters mit der Datensicherung sollte er informiert werden. Ausserdem ist ein klarer Hinweis auf eine Stelle zu finden, an die er sich wenden kann, falls er Grund zur Klage hätte. Last but not least sind auch die direkten Links auf der Homepage der Beratenden überprüft und seriös.
Gemäss Kompetenzprofil verfügen Psychologische Online-BeraterInnen über eine abgeschlossene akademische Ausbildung in Psychologie (Master-Stufe). Sie bringen Basiswissen in psychologischer Beratung, Psychopathologie und Psychodiagnostik mit. Das von ihnen angebotene Beratungsgebiet kennen sie profund, und sie haben Erfahrungen in realer psychologischer Beratung. Natürlich sind sie auch mit dem Medium Internet vertraut. Herr Bühler kann sich also darauf verlassen, dass sein Berater weiss, wie weit er ihn per Mail beraten kann - und wann die Grenzen der virtuellen Beratung erreicht sind. Falls der Beratende beispielsweise den Eindruck erhalten sollte, dass Frau Bühler an einer postnatalen Depression leiden könnte, wird er dem Paar die Adresse einer geeigneten Fachstelle in seiner Nähe angeben.
Besondere Aufmerksamkeit
Die FSP-Fachkommission Online-Beratung betrachtet das Internet als Medium, das der Klientin die Möglichkeit lässt, mehr Aspekte der Beratung selber bestimmen zu können als in der herkömmlichen Face-to-face-Beratung (Zeitpunkt, Raum, Beziehungs- und Prozessgestaltung). Auch für die Beratenden bietet Beratung über die geschriebene Sprache andere Möglichkeiten als das Gespräch. So müssen die Beratenden beispielsweise aufgrund beschränkter Angaben und bei gegebener Kanalreduktion Probleme angemessen einschätzen können; sie brauchen die Fähigkeit, «zwischen den Zeilen zu lesen» und auch die Lücken zu erkennen.
Online-Beratung sollte für psychologische Beraterinnen nur ein Teil ihrer Tätigkeit sein. Ein Ausgleich in Form von professionellen Tätigkeiten im realen Raum ist notwendig, um Wahrnehmungsverzerrungen vorzubeugen. Weil die Forschung zur Wirksamkeit psychologischer Online-Beratung noch in den Kinderschuhen steckt, müssen die psychologischen Fachpersonen den Entwicklungen in Wissenschaft und Praxis besondere Aufmerksamkeit schenken, um in ihrem professionellen Handeln «up to date» zu bleiben.
Das Fazit bleibt: Bei einem sorgfältigen Vorgehen rechtfertigt der Erfolg der Online-Beratung das neue Angebot. Es stehen noch viele Entwicklungsmöglichkeiten offen.
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