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      Tag der psychisch kranken Menschen
 

10.10.2000

Tag der psychisch kranken Menschen

Psychische Erkrankungen enttabuisieren

Psychische Erkrankungen kennen weder Gesellschafts- und Altersschichten. Trotzdem werden sie immer noch tabuisiert und Betroffene ausgegrenzt. Die Folge: Falsche und unterlassene Behandlungen führen zu chronischen Krankheitsverläufen und zu Überweisungen in stationäre Kliniken. Rechtzeitig und richtig behandelt wäre das häufig nicht nötig. Viel Leid für die Betroffenen und enorme Kosten für die Volkswirtschaft könnten eingespart werden.

Weltweit wird der 10. Oktober alljährlich als «Tag des psychisch kranken Menschen» begangen. Der diesjährige Tag ist dem Thema «Arbeit» gewidmet - nicht ohne Grund: Unter psychischen Erkrankungen leiden nicht nur die Betroffenen und ihre Angehörigen. Auch Arbeitsqualität und -produktivität, sei es im Beruf, in der Familie oder im Verein, werden in Mitleidenschaft gezogen. Gemäss Studien, welche die Weltgesundheitsorganisation WHO 1995 in 14 Staaten durchgeführt hat, sind die volkswirtschaftlichen Kosten von psychischen Erkrankungen stärker als bei chronischen körperlichen Leiden wie Bluthochdruck, Arthritis, Rückenleiden und Diabetes.

Volkswirtschaftliche Kosten senken

Eine Untersuchung an der Universität Bern*, die weltweit 124 Kosten-Nutzen-Studien ausgewertet hat, kommt zum Schluss, dass ein Grossteil der psychischen Störungen rechtzeitig, wirkungsvoll und kostengünstig therapiert werden könnte. Rechtzeitig bedeutet, dass die akuten Störungen geheilt oder zumindest aufgehalten werden, bevor irreversible chronische Schädigungen entstehen. Wirkungsvoll heisst diejenigen Therapieformen anwenden, welche für den Patienten und sein Krankheitsbild erwiesenermassen am geeignetsten sind - und nicht die Eigenmethoden von selbsternannten oder schlecht ausgebildeten «Heilern» und Hilfspersonen. Kostengünstig bedeutet, dass die angewandten Therapien - verglichen mit anderen Behandlungsangeboten aus Medizin und Psychotherapie - eine möglichst schnelle und nachhaltige Wirkung erzielen.

Werden diese Effektivitäts- und Effizienz-Kriterien befolgt, können die Gesundheitskosten und die volkswirtschaftliche Ausfälle durch psychische Erkrankungen in bedeutendem Ausmass reduziert werden.

Fehlallokationen von Kassengeldern

Zurzeit wird immer noch ein Grossteil der schweren psychischen Störungen nicht erkannt oder während durchschnittlich sieben Jahren als körperlich verursacht behandelt: Oft erst nach vielen Fehlbehandlungen und jahrelangen Irrwegen im Gesundheitssystem - nicht selten von Computertomograph zu Computertomograph - erhalten viele Patienten eine ihrer Störung angezeigte psychotherapeutische Behandlung. Diese Irrwege von Patienten ohne oder mit falschen Diagnosen müssten aus ethischen und ökonomischen Gründen möglichst verhindert werden, folgern die Autoren aufgrund der internationalen Ergebnisse. Sie belegen:

Aus nicht adäquat behandelten psychischen Erkrankungen resultieren oft chronische Verläufe mit irreparablen Folgen für die Patienten und hohen volkswirtschaftlichen Verluste für die Gesellschaft: Ein Grossteil der psychischen Erkrankungen wird über Jahre auf Kosten der Krankenkassen und Prämienzahler falsch - zum Beispiel körperlich, chirurgisch oder medikamentös - behandelt. Wirksame Psychotherapien werden von den Kassen oft nicht übernommen, so dass Psychischkranke gegenüber Organischkranken benachteiligt sind.

Arbeitgeber profitieren am meisten

Effektiv und effizient eingesetzt spart die adäquate Psychotherapie bei psychischen Erkrankungen Gesundheitskosten und volkswirtschaftliche Ausfälle ein:

  • Den weitaus grössten Teil dieser tatsächlichen und potenziellen Einsparungen erzielen die Arbeitgeber (62% der tatsächlichen oder potenziellen Einsparungen). Sie profitieren von selteneren Arbeitsunfähigkeiten und gesparten Lohnfortzahlungen sowie von besseren Arbeitsleistungen.
  • An zweiter Stelle kommen die Krankenkassen (32 % der Einsparungen). Sie sparen unnötige medizinische Folgekosten für Psychopharmaka, für stationäre Klinik- und Kuraufenthalte sowie teure somatische Diagnosetechniken ein.
  • Der Staat, die Kantone und Gemeinden realisieren 6 % der Einsparungen. Sie profitieren von vermiedenen Steuerausfällen und eingesparten Sozialhilfen.


Jahrelange Therapien nur in Ausnahmefällen

Werden psychische Erkrankung rechtzeitig diagnostiziert und adäquat behandelt, so die Autoren der Universität Bern, können im Gesundheitswesen und in der Volkswirtschaft enorme Kosten vermieden werden. Das heisst, die Ausgaben für die Psychotherapien sind tiefer als die Kosten, die ohne Psychotherapien anfallen (Arbeitsausfälle, medizinische Kosten, Steuerausfälle etc.). Die Einsparungen sind um so grösser, je wirksamer und - in vernünftigem Verhältnis dazu - je kürzer die psychotherapeutischen Behandlungen sind. Durch Studien am besten abgesichert ist derzeit der ökonomische Nutzen für (kognitive) Verhaltenstherapien. «Aber auch für psychoanalytische, hypno-, gesprächs- und familientherapeutische Ansätze liegen vorerst wenige, aber positive Kosten-Nutzen-Resultate vor», betont Autorin Claudia Baltensperger. Keinen wissenschaftlich einwandfrei belegten Nutzen ergeben dagegen jahrelange psychotherapeutische Behandlungen. Sie sollen nur bei Ausnahmepatienten erfolgen: Wie in anderen Bereichen der Schulmedizin gibt es auch in der wissenschaftlich fundierten Psychotherapie eine kleine Anzahl von Behandlungsbedürftigen, die eine mehrjährige Behandlung benötigen oder die immer krank sein werden; Menschen, denen man aus ethischen Gründen gesundheitliche Leistungen nicht verweigern darf.

Krankenkassen-Studien bestätigen Sachverhalte

Zum selben Schluss wie Baltensperger & Grawe kommt Jürgen Margraf von der Psychiatrischen Universitätsklink Basel, der in der BRD in Zusammenarbeit mit Krankenkassen umfangreiche Kosten-Nutzen-Berechnungen durchgeführt hat. Margraf folgert aufgrund seiner Studien und der internationalen Forschungsresultate, es sei von grösster Bedeutung, Therapien anzuwenden, die für die Patienten den besten gesundheitlichen Effekt erzielen und die volkswirtschaftlich erst noch kostengünstig abschneiden. Das seien in den meisten Fällen erwiesenermassen (kognitive) Verhaltenstherapien mit durchschnittlich rund 6 bis 60 Sitzungen. Pro investiertem Franken Psychotherapie können bis zu fünf Franken an medizinischen Gesundheitskosten gespart werden.

Ein Drittel IV-Renten infolge psychischer Erkrankungen

Aktuelle epidemiologische Studien belegen, dass

  • in der Schweiz Patienten mit psychischen Störungen häufig gar nicht oder jahrelang falsch (oft nur körperlich) behandelt werden
  • inadäquate und unterlassene Behandlungen die Hauptursache für chronische Krankheitsverläufe sind
  • in der Schweiz die psychischen Störungen mit 33 % hauptverantwortlich für Früh- bzw. Invalidenrenten sind
  • 25 % der 25- bis 45-jährigen Menschen in den Grossstädten und 10% der ländlichen Bevölkerung über 15 Jahren an behandlungsbedürftigen psychischen Krankheiten leiden
  • •die Häufigkeit psychischer Erkrankungen in allgemeinmedizinischen Praxen bei 20-30 % und in Akutspitälern bei 30-40 % liegt.

Häufige Angsterkrankungen

Die häufigsten psychischen Störungen, die wegen ihres Schwergrads behandelt werden müssen, sind Angsterkrankungen wie Agoraphobie («Platzangst»), Sozialphobien, Zwangsstörungen und post-traumatische Belastungsstörungen: Gemäss Studien sind in den Industriestaaten 5 % der Bevölkerung betroffen.

*Klaus Grawe ist Direktor der Psychotherapeutischen Praxisstelle des Instituts für Psychologie und Professor für klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Bern. Grawe hat das internationale Standardwerk über die Wirksamkeit von Psychotherapien herausgegeben (s.u.).

Claudia Baltensperger, Psychologin FSP / Psychotherapeutin, dissertierte 1996 am Institut für Klinische Psychologie der Universität Bern über Kosten-Nutzen-Effekte der Psychotherapie. Zur Zeit ist Baltensperger u.a. am Psychiatriezentrum Münsingen tätig.

Literatur:
Claudia Baltensperger & Klaus Grawe, «Psychotherapie unter gesundheitsökonomischem Aspekt»,in: Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, Verlag Hogrefe, in Druck
Grawe K., Donati, R. & Bernauer, F. Psychotherapie im Wandel. Von der Konfession zur Profession. Göttingen: Hogrefe, 1994
Jürgen Margraf, Psychotherapie, Ideologie und Forschung, in: Die Ersatzkasse, hrsg. vom Verband der Angestellten-Krankenkassen e.V. und des AEV - Arbeiter-Ersatzkassen-Verbandes e.V. (BRD), 1996