20.03.2018 / aktualisiert am: 05.04.2018

Psychotherapie: EDI sistiert Anordnungsmodell

Das Departement von Gesundheitsminister Alain Berset legt die Arbeiten für einen Wechsel des Abrechnungsmodells für die psychologische Psychotherapie auf unbestimmte Zeit auf Eis. Damit gefährdet es die Versorgung psychisch Kranker in der Schweiz und verpasst die Chance, Versorgungslücken zu beheben und Zugangshürden abzubauen.

Das Eidgenössische Departement des Innern (EDI) hat die Arbeiten zum Anordnungsmodell für die psychologische Psychotherapie überraschend gestoppt. Dies teilte dessen Generalsekretariat am 14. März 2018 einer Delegation der FSP mit. Das EDI befürchtet eine Kostensteigerung und erachtet es momentan nicht als opportun, das Delegationsmodell in der Psychotherapie durch das Anordnungsmodell zu ersetzen. Dieser Entscheid ist ein Rückschlag für die psychotherapeutische Versorgung der Schweiz, ein Rückschlag für psychisch Kranke und deren Umfeld und ein Rückschlag für die psychologischen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten.

Änderung des Abrechnungsmodells

Obwohl das Bundesamt für Gesundheit (BAG) zuletzt beauftragt war, Modelle zur Kostenkontrolle auszuarbeiten, fürchtet sich das EDI vor einem Kostenwachstum zu Lasten der Grundversicherung. Dabei ginge es beim Modellwechsel nur um eine Änderung des Abrechnungsmodells. Psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten erbringen im Delegationsmodell ihre Leistungen bereits heute zu Lasten der Grundversicherung.

Handlungsbedarf ignoriert

Den Handlungsbedarf bei der Versorgung psychisch Kranker hat das BAG in einer eigenen Studie aufgezeigt: Das heutige Delegationsmodell führt zu langen Wartefristen und zu inadäquaten Behandlungen. Darunter leiden besonders Kinder und Jugendliche oder psychisch Kranke in ländlichen Regionen. Wer einen Therapieplatz sucht, wartet nicht selten mehrere Wochen oder Monate auf den ersten Termin. Dabei ist erwiesen: Je früher eine Behandlung einsetzt, desto kürzer und erfolgreicher ist sie. Der Wechsel zum Anordnungsmodell hätte diese Probleme gelöst - ein rascher und niederschwelliger Zugang zu psychotherapeutischer Versorgung hilft zudem, Folgekosten zu vermeiden. Es ist unerklärlich, weshalb das EDI den seit Jahren eingeschlagenen Weg verlässt. Die Versorgungssituation wird sich aufgrund der Nachwuchsprobleme bei den Psychiatern weiter verschärfen.

Eidgenössisch anerkannte Hilfskräfte

Mit dem 2013 in Kraft getretenen Psychologieberufegesetz hat der Bund die gesetzlichen Grundlagen für die Regelung der Psychotherapie geschaffen. In aufwendigen Verfahren erteilt er heute eidgenössische Weiterbildungstitel, die nach rund 10-jähriger Aus- und Weiterbildung zur selbständigen Ausübung des Berufs qualifizieren. In der Krankenversicherung behandelt er die Berufsgruppe jedoch weiterhin als Hilfskräfte.

Berufsverbände zeigen sich kämpferisch

Die FSP, der SBAP und die ASP werden weiter für einen Systemwechsel kämpfen - zu Gunsten psychisch Kranker und deren Umfeld, aber auch für ihre therapeutisch tätigen Mitglieder. Mit dem Anordnungsmodell lag ein politisch gangbarer Kompromiss vor - die Verbände prüfen jetzt neben dem ursprünglich eingeschlagenen Verordnungsweg auch alle anderen juristischen und demokratischen Optionen, den Wechsel herbeizuführen.

Für Rückfragen:

Medienstelle FSP, 031 388 88 48

>>> Medienmitteilung als PDF

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Delegierte Psychotherapie: Psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten erbringen ihre Leistungen als Angestellte in einer Arztpraxis unter Aufsicht und in der Verantwortung des delegierenden Arztes, der die Leistung nach TARMED mit der Grundversicherung abrechnet.

Das Anordnungsmodell: Ärztinnen und Ärzte müssen eine Psychotherapie anordnen. Psychologinnen und Psychologen mit einem Weiterbildungstitel in Psychotherapie erbringen die Leistung in der Folge selbständig und in eigener Verantwortung und rechnen die Leistungen mit der Grundversicherung direkt ab.

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Die Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) wurde 1987 gegründet und ist der grösste Berufsverband von Psychologinnen und Psychologen in der Schweiz. Sie zählt heute über 7700 Mitglieder und besteht aus 46 Gliedverbänden. Die FSP ist eine aktive, politische und gesellschaftliche Kraft im Dienste der psychischen Gesundheit, der persönlichen Entwicklung und der Leistungsfähigkeit aller. www.psychologie.ch

Der SBAP. ist der Schweizerische Berufsverband für Angewandte Psychologie. Der Verband vertritt die beruflichen Interessen seiner Mitglieder. Er setzt sich für eine hohe Qualität in der Aus- und Weiterbildung sowie in der Ausübung psychologischer Berufe (inkl. Verleihung von Fachtiteln) ein. Zudem fördert er die Anerkennung der Angewandten Psychologie in Politik und Gesellschaft sowie die beruflichen Kenntnisse seiner Mitglieder. SBAP. hat rund 1000 Mitglieder. Die Geschäftsstelle befindet sich in Zürich. www.sbap.ch

Die Assoziation Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten ASP ist die einzige Berufsvereinigung in der Schweiz, die sich ausschliesslich mit allen Bereichen der Psychotherapie befasst. Uns angeschlossen sind rund 850 Einzelmitglieder mit eidgenössisch anerkanntem Fachtitel Psychotherapie ASP sowie 25 Weiterbildungsinstitute. Zusammen mit ihnen, mit Fach- und Regionalverbänden bilden wir ein Netzwerk, in dem wir den Austausch pflegen, voneinander lernen und der Psychotherapie in der Schweiz mehr Geltung verschaffen wollen. www.psychotherapie.ch