Weshalb braucht es einen besseren Zugang zu Psychotherapie?

In der Schweiz erhalten Zehntausende Menschen keine psychotherapeutische Behandlung, weil ein massiver Mangel an von der Grundversicherung finanzierten Therapieplätzen besteht. Der FSP liegen unzählige konkrete Fallbeispiele vor. Alle Beispiele beruhen auf realen Geschichten. Alle Namen wurden geändert.

Beispiel 1: Keine Hilfe trotz Suizidgedanken

Der elfjährige Luano M. wird gemobbt und äussert Suizidgedanken. Die Eltern können ihn keine Minute alleine lassen. Der Kinderarzt überweist den Jungen in die kantonale Klinik, wo er jedoch abgewiesen wird, weil die Wartefrist sechs Monate betrage. Auch verschiedene Kinderpsychiater sowie Kliniken in anderen Kantonen haben keine Zeit für den Jungen. Erst nach vier Monaten bekommt er einen Platz in einer Tagesklinik.

So wie dieser Familie geht es vielen, die in der Not Hilfe brauchen. Erst nach hartnäckiger Suche und nach langem Warten erhalten sie die dringende Unterstützung. Dabei kommt es durch Wartezeiten oft zur Chronifizierung von psychischen Störungen.

Beispiel 2: Therapieabbruch wegen wegfallender Delegierung

Die Familie H. hat eine gute Psychotherapeutin für ihre Töchter Luisa und Emma. Als die Therapeutin die Zusammenarbeit mit dem delegierenden Psychiater beendet, bezahlt die Krankenkasse die Therapie nicht mehr. Die Familie kann die Therapie nicht selbst finanzieren und muss sie abbrechen. Erst nach zwei Jahren erhalten die Kinder wieder einen von der Grundversicherung gedeckten Therapieplatz. Dieser ist viel weiter vom Wohnort entfernt und die Beziehung zum Therapeuten muss neu aufgebaut werden.

Therapieplätze im Delegationsmodell sind Mangelware und es bestehen oft lange Wartelisten. Für Grundversicherte ist der Zugang zu Hilfe nicht mehr gewährleistet.

Der Zugang zu Psychotherapie muss endlich gewährleistet werden. Für alle.

Beispiel 3: Kein Zugang zur passendsten Therapie

Der Therapeut Richard T. ist auf Psychotherapie für MS-Erkrankte spezialisiert. Er muss Erkrankte oft abweisen, weil sie nur grundversichert sind und die Therapie nicht selber bezahlen können. So können diese nicht von einer Therapie profitieren, die auf ihre spezifischen Bedürfnisse zugeschnitten ist.

Mit dem Anordnungsmodell könnte dieser Therapeut selber abrechnen und auch Patienten ohne Zusatzversicherung aufnehmen. Schweizweit könnte ein Systemwechsel rund hunderttausend Menschen mit Therapiebedarf helfen.

Beispiel 4: Mehrkosten durch fehlende Therapie

Die IV-Bezügerin Regula H. befindet sich in einer bewährten Therapie und macht eine Ausbildung. Da ihre Psychologin nicht delegiert arbeitet und die Therapie nicht mehr finanzierbar ist, muss die Patientin diese abbrechen. In der Folge verschlechtert sich ihre Situation, so dass sie ihre Ausbildung aufgeben und sich in einen stationären Aufenthalt begeben muss.

Der erschwerte Zugang zu Therapien führt zu teuren stationären Aufenthalten und Arbeitsausfällen, die vermeidbar wären. Laut einer Studie des Büro Bass und des Büro B&A würde die Schweizer Volkswirtschaft bei einem Umstieg auf das Anordnungsmodell netto 153 bis 486 Millionen Franken einsparen, trotz zusätzlichen Kosten für die Krankenkassen.

Delegationsmodell: Heute werden die Leistungen von psychologischen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten nur dann von der Grundversicherung gedeckt, wenn sie unter Aufsicht und in den Räumlichkeiten einer Ärztin oder eines Arztes erbracht werden. Das schränkt die Verfügbarkeit von Therapien massiv ein.

Anordnungsmodell: Um die Versorgungslage zu verbessern, hat der Bundesrat einen Wechsel ins Anordnungsmodell vorgeschlagen. In diesem sollen psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten ihre Leistungen selbständig über die Grundversicherung abrechnen können, sofern die Behandlung auf Anordnung einer Ärztin oder eines Arztes erfolgt. Die Vernehmlassung ist seit Oktober 2019 abgeschlossen. Jetzt ist es an der Zeit, den Systemwechsel zu vollziehen.

Keine Therapieplatz wegen Übergewicht

Die Eltern können für Ihren Sohn Ruben K. keine Zusatzversicherung abschliessen, weil er übergewichtig ist. Ruben leidet unter verschiedenen Ängsten. Die Familie findet keinen von der Grundversicherung finanzierten Therapieplatz und die Krankenkasse kommt wegen der fehlenden Zusatzversicherung nicht für einen anderen Therapieplatz auf. Die Familie muss alle Kosten selbst tragen.

Verschuldung wegen Suizidgefahr

Patientin Marielle Z. hatte sich verschuldet, um eine Psychotherapie zu machen. Denn sie fürchtete, dass sie sich das Leben nimmt, wenn sie keine Hilfe bekommt. Verschiedene Traumata aus Kindheit und Partnerschaft belasteten sie schwer. Dank der Therapie gelang es ihr, ein besseres Gleichgewicht und finanzielle Unterstützung zu finden. Heute sagt sie, die Behandlung habe ihr das Leben gerettet.

Riesige Wartelisten

Eine Praxis aus dem Kanton Basel bietet delegierte Therapieplätze an, die von der Krankenkasse bezahlt werden. Die interne Warteliste ist auf über 260 Patienten angewachsen. Die meisten, die bei ihnen um Hilfe bitten, werden also kaum je in dieser Praxis eine Therapie antreten können. Durch die Corona-Pandemie hat sich die Situation noch einmal verschärft.

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Beistände finden keine Plätze

Die Berufsbeiständin Corinne L. berichtet, wie sie oft Therapieplätze für ihre Klientinnen und Klienten sucht und keine findet. Es scheitere immer wieder an der fehlenden Delegation, also daran, dass Therapeutinnen und Therapeuten mit freien Plätzen nicht selbstständig zu Lasten der Grundversicherung abrechnen dürfen.

Zu wenige Sitzungen

Psychotherapeutin Kathrin C. berichtet, dass sie sich im Jahr 2020 selbstständig gemacht hat und nicht mehr delegiert arbeitet. Ihre Patientin Franziska A. kann deshalb nur noch neunmal pro Jahr über die Zusatzversicherung in die Psychotherapie kommen, obwohl aufgrund ihrer Traumatisierung eine Sitzung pro Woche nötig wäre. Die Patientin akzeptiere die Situation, leide aber massiv, da ihr die Regelmässigkeit fehle.

Hilfe in Notlage nicht mehr möglich

Therapeutin Hanna G. berichtet, wie sie aufgrund der fehlenden Finanzierung durch die Krankenkassen teilweise Patientinnen und Patienten in Not für einen Viertel ihres Stundensatzes behandelt. Weil sie sich das nicht bei noch mehr Patienten leisten kann, muss sie immer wieder Patientinnen und Patienten abweisen.

Empfohlene Therapeutin kann nicht helfen

Peter K., der beruflich nach Suiziden Reinigungsarbeiten verrichten muss, meldet sich wegen Angstzuständen bei einer Therapeutin. Sie wurde ihm von Nachbarn empfohlen. Die Therapeutin kann ihn jedoch trotz Empfehlung nicht behandeln, weil die Finanzierung über die Grundversicherung nicht möglich ist.

Der Bedarf nach Therapie wäre gross

Psychotherapeutin Lotta T. hat sich Mitte 2020 selbstständig gemacht. Innert drei Monaten musste sie zehn Patientinnen und Patienten wegen fehlender Finanzierung abweisen, obwohl sie geeignet gewesen wäre, mit ihnen zu arbeiten. Diese müssen sich nun weiter auf die schwierige Suche nach einem delegierten, von der Grundversicherung finanzierten Therapieplatz machen.

Therapieabbruch wegen fehlender Finanzierung

Viele Patientinnen und Patienten müssen ihre Therapie beenden, obwohl die Gefahr, dass sich ihre Gesundheit verschlechtert, akut ist. Der Grund ist immer derselbe: Die Personen finden keinen delegierten Therapieplatz und können es sich nicht leisten, die Therapie selbst zu bezahlen.

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Erschienen im Psychoscope 1/2021