Algorithmen: diffuses Risikobewusstsein und Wunsch nach mehr Kontrolle

Joël Frei
Forschung
Verband

Algorithmen, die Suchergebnisse, Empfehlungen und Informationen für die Internetnutzenden auswählen, haben unseren Alltag längst durchdrungen und beeinflussen, wie wir die Welt wahrnehmen. Auf algorithmischer Selektion basierende Dienste wie Google, WhatsApp, Instagram oder Netflix nehmen auch Einfluss auf unser Verhalten, indem sie unsere Entscheidungen lenken. Über ihren tatsächlichen Einfluss wurde jedoch viel spekuliert, da empirische Evidenz fehlte. Nun zeigt eine repräsentative Befragung in der Schweiz erstmals, wie die User Algorithmen wahrnehmen und welche Bedeutung sie ihnen zumessen.

Die vom Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich unter rund 1200 Internetanwendenden durchgeführte Online-Befragung zeigte, dass die Nutzung von Online-Diensten, die algorithmische Selektion anwenden, weit verbreitet ist: So gut wie alle Internetnutzenden (92 Prozent der Bevölkerung) nutzen algorithmische Selektionsanwendungen wie WhatsApp (97 Prozent), die Google-Suche (96 Prozent) oder Facebook (67 Prozent). Trotzdem stufen die Befragten die Wichtigkeit solcher algorithmischen Anwendungen für ihren Alltag als gering ein. Bei der Meinungsbildung etwa schätzen Internetnutzer Gespräche mit Freunden und Familienmitgliedern als wichtiger ein als algorithmische Online-Alternativen.

Allerdings zeigte die Befragung auch, dass vielen Usern nicht bewusst ist, dass oft automatisierte Algorithmen den genutzten Anwendungen zugrunde liegen. So wussten acht von zehn Befragten nicht, dass auf Facebook und ähnlichen Diensten News-Feeds durch Algorithmen und nicht von dafür angestellten Personen erstellt werden.  

Obwohl viele der befragten Internetnutzer nicht genau wissen, wie Algorithmen funktionieren und welche Rolle ihnen in den Anwendungen zukommt, ist ein diffuses Bewusstsein über Risiken weit verbreitet. Allerdings zeigte sich eine grosse Diskrepanz zwischen Problembewusstsein und Verhalten: So gaben 93 Prozent der Befragten an, im Internet einseitig oder verzerrt informiert zu werden. Dennoch prüft nur ein Viertel (25 Prozent) der Social-­Media-Nutzenden die Richtigkeit von Nachrichten, die in ihrem News-Feed erscheinen, indem sie zusätzliche Quellen konsultieren.

Die Befragung zeigte zudem, dass das Vertrauen in algorithmische Dienstleistungen gering ist. Nur 27 Prozent gaben an, dass sie diesen Online-Diensten vertrauen. Der unter den Befragten herrschende Kontrollverlust führt dazu, dass sich viele mehr Regulierung wünschen. Wenn es nach ihnen ginge, würden 59 Prozent sozialen Medien wie Facebook und Instagram keinen Einfluss auf für sie wichtige Themen erlauben. Eine Mehrheit würde es zudem begrüssen, wenn besser kontrolliert werden könnte, wie die sozialen Medien (66 Prozent) und die Google-Suche (61 Prozent) funktionieren. 
 

 

Latzer, M., Festic, N., & Kappeler, K.(2020). Reports 1-4 of the project The Significance of Algorithmic Selection for Everyday Life : The Case of Switzerland. Zürich : Universität Zürich. http://mediachange.ch/research/algosig

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