Als Psychologe auf TikTok

Aurélie Faesch-Despont
Soziale Medien sind ein Weg, sich bekannt zu machen, psychische Erkrankungen zu entstigmatisieren und den Berufsstand aufzuwerten.

Sie sind jung, authentisch und sympathisch. Sie nennen sich The Holistic Psychologist, Nadia Addesi oder The Cool Psy und nutzen die sozialen Medien, um Ratschläge zu Selbstwertgefühl, Ängsten oder Depressionen zu erteilen. Ihre Videos werden millionenfach angeklickt und haben sehr viele Follower. Nach den USA und Grossbritannien scheint dieser Trend auch hier in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein.

Der FSP-Psychologe Julien Borloz verzeichnet knapp 80 000 Follower auf seinem TikTok-Account. Er erstellt seine Videos in Eigenregie in seiner Lausanner Praxis. Er sagt: «Am Anfang habe ich jeden Tag drei oder vier Clips gepostet. Das Ergebnis war eher ernüchternd: Sie brachten es gerade mal auf etwa hundert Aufrufe. Dann kam das Ganze aber ins Rollen. Und die Zahlen sind rasant in die Höhe geschnellt. Teilweise habe ich bis zu 1000 Follower pro Woche dazugewonnen». Seine grosse Reichweite auf TikTok hat vieles in seinem Leben verändert. Angefangen mit seiner Beziehung zu den Mitmenschen. «Ich werde oft auf der Strasse erkannt und angesprochen. Es kann sogar vorkommen, dass mich junge Leute im Ausgang um ein Selfie mit ihnen bitten. Mit sechzehn hätte ich mir ein Foto mit einem Basketballspieler oder Sänger gewünscht. Ich finde es wirklich gut, dass heute auch Psychologinnen und Psychologen Vorbild oder Mentor für junge Leute sein können.»

Prägnante und hilfreiche Botschaften
Für Julien Borloz begann alles damit, dass er sich als frischgebackener Psychologe zur Selbstständigkeit entschloss. Allerdings war er mit seinen 25 Jahren noch nicht gut vernetzt. «Weil ich meine mangelnde Berufserfahrung nicht ausgleichen konnte, musste ich mich auf andere Art von der Masse abheben. Ich kam dann schnell auf die Idee mit den sozialen Netzwerken.» Er begann, Blogbeiträge zu schreiben und teilte sie auf Facebook und LinkedIn. Julien Borloz nahm von Anfang an eine Doppelrolle als Psychologe und Content Creator wahr. Er veröffentlichte zahlreiche Artikel zu den verschiedenen Bereichen der Psychologie, erklärte, was es bedeutet, einen Psychologen aufzusuchen, erteilte Ratschläge zum Umgang mit Alltagsproblemen und stützte sich dabei immer auf seine psychologischen Kenntnisse. 

Kurz danach wurde er auch auf Instagram und TikTok aktiv. «Das zweite Video, das ich gepostet habe, war absolut nicht ausgereift, wurde aber plötzlich 100000-mal angeklickt. Das entspricht einer Strategie von TikTok, um Einsteiger zu motivieren: Der Algorithmus hat meinen Clip gepusht.» Ihm wurde klar, dass sich hier ein Potenzial auftat. Er begann, täglich Videos zu drehen und auf seinem Account zu posten. Für seine Videos filmt er sich und spricht in die Kamera: Er stellt Atemübungen zur Entspannung vor oder erklärt, was es mit der Persönlichkeitsentwicklung auf sich hat. Oder er legt eine Tanzeinlage ein und blendet die Informationen als Text im Video ein. In seinen Clips geht es beispielsweise darum, mit den Vorurteilen über Psychologinnen und Psychologen aufzuräumen, Ratschläge gegen chronischen Stress oder Tipps für ein besseres Selbstwertgefühl zu geben. Die Dauer der Videos beträgt zwischen 15 Sekunden und maximal drei Minuten. «Es ist eine echte Herausforderung, eine prägnante und hilfreiche Botschaft in so kurzer Zeit rüberzubringen.»

«Wenn die Bereitschaft da ist, die nötige Zeit aufzuwenden, ist das für jede Psychologin und jeden Psychologen machbar.»

Julien Borloz freut sich über die wachsenden Followerzahlen, lässt sich aber nicht dazu verleiten, Content nur um der Klickzahl willen bereitzustellen. Der Psychologe ist sich bewusst, dass polarisierende Inhalte tendenziell gefallen. Sie können aber auch falsch interpretiert werden. «Die Inhalte können noch so wohlgesinnt sein, irgendjemand schafft es immer, etwas Negatives herauszulesen. Deshalb lässt sich nicht generell sagen, was funktioniert und was nicht. Es ist auch schon vorgekommen, dass sich ein gut durchdachtes, ausgefeiltes Video als Flop erwies. Oder aber, dass die Klicks bei einem spontan in 15 Sekunden erstellten Clip durch die Decke gegangen sind.»

Konsequentes und regelmässiges Posten
Mit viel Geduld und Ausdauer konnte sich der Psychologe dank der sozialen Medien nach und nach eine Klientel für die Präsenzberatung aufbauen. Er gab seine Nebenjobs auf und eröffnete 2020 seine eigene Praxis in Lausanne. «Meine Reichweite in den sozialen Medien hat mir eine Klientel gebracht. Die Anwerbung ist aber auch weiterhin eher passiv. Ich poste keine Botschaften, in denen ich psychologische Betreuungs­angebote anpreise», hält Julien Borloz fest. Sein Start in den sozialen Medien wurde ursprünglich dadurch motiviert, bekannt zu werden, doch er macht sich auch dafür stark, die psychische Gesundheit zugänglicher zu machen und ein positiveres Image der Psychologie zu vermitteln. Auch heute ist er noch täglich mindestens eine Stunde in den sozialen Medien aktiv. «Wenn die Bereitschaft da ist, die nötige Zeit aufzuwenden, ist das für jede Psychologin und jeden Psychologen machbar», sagt Julien Borloz. Die Schwierigkeit liege nicht darin, sich die erforderlichen technologischen Kompetenzen anzueignen, sondern vielmehr darin, konsequent und regelmässig zu posten, sich Grenzen zu setzen und damit umzugehen, im Rampenlicht zu stehen. 

Die Präsenz von Psychologinnen und Psychologen in den sozialen Medien ist zwar hilfreich, aber nicht unbedenklich. Es gilt, einige Vorsichtsmassnahmen zu treffen. In den sozialen Medien können sich alle äussern. Das räumt viele Hindernisse aus dem Weg, birgt aber auch Risiken, wie etwa die Desinformation. In der Bevölkerung ist der Bedarf an Informationen zur psychischen Gesundheit besonders ausgeprägt. Psychologinnen und Psychologen können eine wichtige Rolle in den sozialen Medien spielen und sich als Fachleute positionieren. Julien Borloz: «Viele Menschen haben nicht unbedingt die finanziellen Mittel für den Zugang zu psychischer Gesundheit. Ich empfinde es als Bereicherung, dass ich ihnen eine Chance dazu geben kann. Ausserdem bieten die sozialen Medien eine ausgezeichnete Möglichkeit, unseren Beruf zu erklären und das Image der Psychologinnen und Psychologen in der Bevölkerung zu verändern.»

Publiziert im Psychoscope 4/2022
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