Angst ist eine schlechte Ratgeberin

Aurélie Deschenaux
Verband
Dekodiert

Ein US-amerikanisches Forschungsteam versetzt Testpersonen mittels Elektroden unangenehme Stromstösse. Vor jedem Elektroschock werden ihnen die Stärke und die Wartezeit – eine Sekunde bis 30 Sekunden – angekündigt. Für viele der Freiwilligen ist das Warten unerträglicher als der eigentliche Stromstoss. Das geht sogar so weit, dass ein Teil der Testpersonen sich darauf einlässt, einen stärkeren als den vorgesehenen Elektroschock zu erhalten – dafür aber sofort. Absurd?

In beängstigenden Situationen wird ein Grossteil des Gehirns durch Stress aktiviert. Die Fähigkeit, rationale Entscheidungen zu treffen, wird beeinträchtigt. Der Neurowissenschaftler Gregory Berns, der das oben beschriebene Experiment geleitet hat, erklärt, woran das liegt: «Wenn das Gehirn damit beschäftigt ist, die Angst zu bewältigen, werden Sondierungsfunktionen und Risikobereitschaft deaktiviert. Die Person ist nicht mehr in der Lage, alle Möglichkeiten zu bewerten und fundierte Entscheidungen zu treffen.»

Angst gehört zu den universellen Emotionen. Wir können zwischen globalen Ängsten (Krieg, Klimawandel, Terrorismus) und individuellen Ängsten (Arbeitslosigkeit, Einsamkeit, Risiken bei wichtigen Lebensentscheidungen) unterscheiden. Die Liste nimmt kein Ende – allem Anschein nach sind wir heute ängstlicher denn je.

Wie sollen wir aber mit diesem hinterhältigen Teil unseres Lebens umgehen, der uns bremst und uns in die Irre führt, indem er unsere Urteilsfähigkeit beeinträchtigt? Angst ist eine schlechte Ratgeberin – und doch bestimmt sie unser Leben. Aus Angst verweigern wir uns zahlreichen Erlebnissen. Aus Angst belügen wir uns selbst und suchen Vorwände, um nicht das zu tun, was wir eigentlich wollen. Wer seine Ängste unter Kontrolle bekommen möchte, muss sich erst Klarheit darüber verschaffen, in welchen Situationen sie auftauchen. Ist die Angst erst einmal demaskiert, steht es uns frei, sie nicht über unsere Entscheidungen bestimmen zu lassen.

Schluss mit den übermächtigen Vorstellungen, was alles schiefgehen könnte. Statt vor Angst einzufrieren, sollten wir die zu erwartenden positiven Auswirkungen einer Entscheidung gebührend würdigen. Hilfreich kann zudem sein, vorauszuplanen und Checklisten im Hinblick auf Stresssituationen zu erstellen – wie Piloten und Pilotinnen, die mit 500 Passagieren an Bord ein technisches Problem lösen müssen. Lassen wir unsere Freiheit nicht durch die Angst einschränken; sie berät uns schlecht.

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