Anordnungsmodell: Systemwechsel macht auch ökonomisch Sinn

Philipp Thüler
Psychotherapie
Verband
Die Schliessung der Versorgungslücke kostet, doch der volkswirtschaftliche Nutzen, der daraus erwächst, ist bedeutend grösser

Der Bundesrat plant im Bereich Psychotherapie einen Systemwechsel, der von der FSP seit langem gefordert wird. Psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sollen ihre Leistungen selbstständig über die Grundversicherung abrechnen können, sofern die Behandlung auf Anordnung eines Arztes oder einer Ärztin erfolgt. Das Anordnungsmodell soll das heute gültige Delegationsmodell ablösen. Heute werden psychologische Psychotherapien nur dann von der Grundversicherung vergütet, wenn sie unter Aufsicht eines Arztes oder einer Ärztin erfolgen. 
Das Delegationsmodell schränkt das Angebot an Psychotherapieplätzen stark ein, was zu langen Wartefristen führt. Dadurch kommt es zu Chronifizierungen von psychischen Störungen, zu teuren stationären Klinikaufenthalten und Arbeitsausfällen, die vermeidbar wären. Trotzdem erntete der Vorschlag des Bundesrats, das Delegationsmodell durch das Anordnungsmodell zu ersetzen, nicht nur Zustimmung. In der Vernehmlassung äusserten sich namentlich die Krankenkassen kritisch: Sie befürchten gemäss einer Studie des Büro BSS zusätzliche Kosten für die Grundversicherung von 250 bis 500 Millionen Franken pro Jahr. Der Bundesrat geht in seiner Botschaft von 100 Millionen aus. Vergessen ging bei diesen Einschätzungen, dass den Mehrkosten die Einsparungen gegenübergestellt werden müssen.
 
Die Einsparungen sind höher als die Kosten
Eine Ende Juni publizierte Studie der Büros BASS und B & A belegt, dass sich Investitionen in die psychische Gesundheit der Schweizer Bevölkerung auch aus rein ökonomischer Perspektive lohnen. Die im Auftrag der FSP erstellte Studie Volkswirtschaftlicher Nutzen des Anordnungsmodells rechnet zwar mit Mehrkosten für die Grundversicherung. Sie entstehen vor allem durch die Schliessung der bestehenden Versorgungslücke. Circa 27 Prozent der Bevölkerung leiden im Lauf eines Jahres unter einer psychischen Erkrankung. Nur etwa ein Viertel davon erhält eine Behandlung. Etwa 400 000 Personen mit einer ambulant behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankung bleiben deshalb unbehandelt. 
Zur Analyse des Return on Investment (ROI) wurden der Studie die in der BSS-Studie berechneten Mehrkosten von 245 Millionen Franken für die Angebotsausweitung zugrunde gelegt. Durch die Einführung des Anordnungsmodells könnten basierend darauf gut 100 000 Personen zusätzlich behandelt werden. Der volkswirtschaftliche Nutzen, der mit dieser Investition erzielt werden kann, übersteigt mit einem berechneten ROI von 1.6 bis 3.0 für einen investierten Franken (bei einem mittleren Nutzen-Szenario 2.1) klar die Kosten. Allein in der Wirtschaft ergeben sich durch die Vermeidung von Produktionsausfällen wie geringere Krankheitsabsenzen (Absentismus), unproduktiver Anwesenheit (Präsentismus) sowie tieferer Fluktuationskosten bei Mitarbeitenden mit unbehandelten psychischen Erkrankungen Einsparungen von rund 287 Millionen Franken jährlich. 
Dazu kommen weitere Einsparungen, die teilweise auch direkt in der Grundversicherung anfallen. Die Vermeidung von teuren stationären Klinikaufenthalten und die Reduktion von Medikamentenkosten bringen jährlich rund 43 Millionen und die Vermeidung von Arbeits­losigkeit, Sozialhilfebezug und Invalidisierung weitere gut 100 Millionen Franken pro Jahr. Wenn auch noch die Kostenvermeidung durch verhinderte Suizide mit einberechnet wird, resultiert insgesamt ein Sparpotenzial von 509 Millionen im angenommenen mittleren Szenario.
 
Konservativ gerechnet
«Das Anordnungsmodell sorgt für Chancengleichheit im Bereich der psychischen Gesundheit. Das Delegationsmodell ist ungerecht, da Patientinnen und Patienten, die ihre Therapie nicht selbst bezahlen können, viel zu oft und viel zu lange unbehandelt bleiben. Die vorliegende Studie zeigt nun erstmals und in aller Deutlichkeit, dass sich diese Investition lohnt, auch aus rein ökonomischer Sicht», sagt Yvik Adler, Co-Präsidentin der FSP. Sie betont zudem: «Die Studienautoren haben konservativ gerechnet. Der Nutzen eines erleichterten Zugangs zu psychotherapeutischen Leistungen dürfte in Wahrheit noch höher liegen. Ein Teil der in Versorgungstudien klar nachgewiesenen Wirkungen, wie die Vermeidung von psychischem Leiden und der Gewinn an Lebensqualität durch Psychotherapie, ist bei der aktuellen Untersuchung nicht einmal berücksichtigt.» 
Auch die Studienautoren zeigen sich aufgrund ihrer Berechnungen überzeugt, dass die durch das Anordnungsmodell entstehenden Mehrkosten mittel- bis langfristig durch positive gesellschaftliche und wirtschaftliche Auswirkungen kompensiert werden können.

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