Bevölkerung leidet an psychiatrischer und psychotherapeutischer Unterversorgung

Berufspolitik
Wiedereintritte in stationäre psychiatrische Abteilungen nehmen stark zu. Dies belegt der neuste Obsan-Bericht zur stationären Psychiatrie. Die unerfreuliche Zunahme ist eine direkte Folge der Unterversorgung von psychisch kranken Menschen. Handlungsbedarf besteht auch bei der Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen.

(FSP, 22. Nov. 2008) Aufenthalte in psychiatrischen Institutionen sind für die Betroffenen - Patienten und Angehörige - ein belastender Einschnitt in den Alltag. Sie sollten deshalb nicht länger als notwendig dauern und vermeidbare Wiedereintritte müssen unbedingt verhindert werden. Fehlende Finanzen und ein chronischer Mangel an qualifizierten Fachpersonen im stationären und ambulanten Bereich der Psychiatrie führen aber dazu, dass diese zentralen Grundsätze nur ungenügend angewendet werden können. Es fehlt nicht nur an qualifiziertem Nachwuchs bei den Psychiatern sondern auch an Psychotherapeuten. In vielen Kliniken, Institutionen und insbesondere Pflegeheimen braucht es mehr qualifiziertes psychotherapeutisches Behandlungspersonal. Nebst einer qualitativ hohen Ausbildung beinhaltet dies auch Sprachkompetenz und gesellschaftliches Verständnis für fachgerechte Interventionen.

Handlungsdruck steigt
 
Solange sich die Rahmenbedingungen für die psychische Gesundheit der Bevölkerung und für psychisch erkrankte Menschen nicht verbessern, wird der Drehtüreffekt weiterhin steigen. Mit Drehtüreffekt ist gemeint, dass psychisch Kranke aufgrund mangelhafter Behandlung kurz nach Entlassung erneut in die Klinik müssen.

Psychische Erkrankungen nehmen zu, insbesondere schwere Depressionen und langjährige Demenzerkrankungen, letzteres ist auf die demographische Entwicklung unserer Bevölkerung zurückzuführen. Es ist an der Zeit, der psychischen Gesundheit der Bevölkerung endlich mehr Aufmerksamkeit zu schenken und die Versorgung von psychisch kranken Menschen zu gewährleisten. Folgende Kernbereiche weisen einen dringenden Handlungsbedarf auf: Die psychotherapeutische Versorgung, sowohl im stationären wie auch im ambulanten Bereich, muss qualitativ und quantitativ verbessert werden. Im ambulanten Bereich ist der niederschwellige Zugang der Bevölkerung zu qualifizierten psychotherapeutischen Fachpersonen inadäquat geregelt: Das Modell der delegierten Psychotherapie erfüllt die Anforderungen an eine gute Versorgung nicht. Dies führt dazu, dass 75% der psychischen Erkrankungen nicht, zu spät oder falsch (rein somatisch) diagnostiziert werden. Die Rahmenbedingungen des Psychiatrieberufs müssen deutlich verbessert werden um den Nachwuchsmangel zu beheben.Die Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen muss abgebaut werden. Fachverbände fordern seit Jahren vom Bund, dass Massnahmen zur Entstigmatisierung der psychischen Krankheiten, z.B. in Form von Sensibilisierungskampagnen, getroffen werden (siehe www.aktionsbuendnis.ch).

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