Neuregelung der psychologischen Psychotherapie – nur eine breite Anordnungsbefugnis bringts!

Um was geht es?

Der Bundesrat sieht im Bereich der Psychotherapie einen Systemwechsel vor, nach welchem psychologische Psychotherapeutinnen und -therapeuten neu in selbständiger Tätigkeit ihre Leistungen über die Grundversicherung abrechnen können, sofern die Behandlung auf ärztliche Anordnung erfolgt. Ein verbesserter Zugang zu Psychotherapie, eine Verbesserung der Versorgung in Krisen- und Notfallsituationen sowie eine Steigerung der Qualität bei der Leistungserbringung sind die Ziele, die der Bundesrat mit der Einführung des sogenannten Anordnungsmodells für die psychologische Psychotherapie erreichen will. Der Bundesrat reagierte damit auf die durch verschiedene Studien nachgewiesenen Versorgungslücken und Problemfelder in der psychischen Versorgung, vor allem im Bereich der Versorgung von Kindern und Jugendlichen und in Notfallsituationen. Er hat dafür im Verordnungsentwurf eine breite Anordnungsbefugnis seitens der erweiterten Grundversorger vorgesehen. Politische Forderungen, diese ärztliche Anordnungsbefugnis auf wenige Facharztrichtungen zu beschränken, verunmöglichen nicht nur das Erreichen obiger Ziele, sondern lassen auch das Potential für die Verhinderung von gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Kosten auf Grund von psychischen Erkrankungen ungenutzt.

Sieben Gründe für eine breite ärztliche Anordnung für psychologische Psychotherapie:

1. Verbesserter Zugang – auch in der Peripherie und speziell für Kinder und Jugendliche

Heute ist der Direktzugang zu Psychotherapie in der Schweiz grundsätzlich möglich. Über die Bindung der Kostenübernahme an den ärztlichen Leistungserbringer wird der Zugang jedoch zu stark eingeschränkt. Nur eine breite Anordnungsbefugnis kann den bestehenden Engpass beseitigen. Diese Anordnungsbefugnis auf Personen mit Facharzttitel «Psychiatrie und Psychotherapie» und «Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie» einzuschränken, würde im Hinblick auf den Zugang keine Verbesserung zur heutigen Situation bringen. Wie im aktuellen Delegationsmodell würde die Entlastung psychiatrischer Praxen durch psychologische Psychotherapeutinnen und -therapeuten ungenügend bleiben. Besonders in ländlichen Gebieten, wo es einen Mangel gibt – möglicherweise zukünftig noch verstärkt durch die Nachwuchsschwierigkeiten bei den Psychiaterinnen und Psychiatern mit der nötigen Sprachkompetenz – ist die breite Anordnungsbefugnis unabdingbar für den Zugang zu Behandlung.

2. Verbesserter Zugang stärkt die Chancengleichheit

Aus Sicht des Bundes soll die Gesundheitsversorgung jene Offenheit besitzen, die es allen – unabhängig von Geschlecht, Alter und soziokultureller Herkunft – erlaubt, angemessene Leistungen zu beziehen. Dies ist aktuell für die psychotherapeutische Versorgung nicht der Fall! Es bestehen Zugangs- und Versorgungschwierigkeiten für Personen, deren Art der psychischen Erkrankung eine Therapie erschwert, sowie für Betroffene mit zusätzlichen psychosozialen Belastungen und erweitertem Unterstützungsbedarf.

3. Erleichterter Zugang zahlt sich aus

Lange Wartefristen führen zu Chronifizierungen von psychischen Störungen, zu vermehrten stationären Aufenthalten und Arbeitsausfällen, die hohe Kosten verursachen. Mit der Verbesserung der Versorgungsituation – unter anderem durch eine breite Anordnungskompetenz für Grundversorger – sind diese Kosten vermeidbar. Die Studie des Büro BASS und des Büro Beratungen und Analysen (B & A) kommt zum Schluss, dass je nach Szenario Kosten von 398 bis 730 Millionen Schweizer Franken pro Jahr eingespart werden. Unbestritten ist, dass die Einführung des Anordnungsmodells aufgrund von Leistungsverlagerungen aus dem Zusatzin den Grundversicherungsbereich unmittelbar zu einem erwarteten Kostenanstieg in der Grundversicherung führen wird. Doch diese Investitionen zahlen sich langfristig aus – mehrfach!

4. Stärkung von Interprofessionalität und koordinierter Versorgung

Im internationalen Vergleich gibt es in Bezug auf die Versorgungsleistungen im Bereich psychische Gesundheit bezüglich der involvierten Berufsgruppen eine grössere Diversität und eine stärkere Einbindung nicht-ärztlicher Fachkräfte als in der Schweiz. Insbesondere im ambulanten und intermediären Bereich sind interprofessionelle Teams noch wenig etabliert.v In interprofessionellen Teams arbeiten Personen aus unterschiedlichen Berufen so miteinander, dass in einer bestimmten Situation jeweils diejenige Person die Verantwortung übernimmt, die am besten dafür geeignet ist. Eine Einschränkung der Anordnungsbefugnis psychologischer Psychotherapie auf Psychiaterinnen und Psychiater hemmt die Etablierung der Interprofessionalität. Doch gerade diese und die koordinierte Versorgung will der Bundesrat gezielt fördern (vgl. Förderprogramm Interprofessionalität im Gesundheitswesen, Kostendämpfungspaket 2), um die Versorgungsqualität zu verbessern und die Effizienz der Leistungserbringung zu steigern.

5. Ungerechtfertigter Mengenausweitung vorbeugen, aber nicht auf Kosten des Zugangs!

In der psychischen Gesundheitsversorgung kennt die Schweiz so gut wie keine Steuerung der Angebotsgestaltung, der Versorgungsdichte, der Zusammensetzung der Workforce oder der Leistungsmenge. Forderungen im Rahmen der Neuregelung der Psychotherapie nach einem Instrument zu Kostenkontrolle sind daher verständlich. Doch die Einschränkung der Anordnungsbefugnis soll nicht fehlende Mengen- und Kostensteuerung im aktuellen Verordnungsentwurf kompensieren. Mengensteuerung über die Anordnungsbefugnis bringt unvertretbare Nachteile in Bezug auf den Zugang. Steuerungsinstrumente auf kantonaler Ebene, die sich an der Qualität der Leistungserbringung orientieren und auch Anstellungsprozente berücksichtigen, sollten Eingang in die politische Diskussion finden.

6. Kompetenz der Grundversorger zur Anordnung psychotherapeutischer Leistungen ist gegeben

Die Einschränkung der Anordnungsbefugnis auf Psychiaterinnen und Psychiater auf Grund von Bedenken an der fachlichen Kompetenz der Grundversorger, solche Leistungen anzuordnen und zu begleiten, sind ungerechtfertigt. Bereits heute verrechnen Hausärztinnen und Hausärzte psychotherapeutische Beratung unter der entsprechenden Tarmedposition, verschreiben Psychopharmaka und überweisen Patientinnen und Patienten, die in Hausarztmodellen versichert sind, an Psychiaterinnen und Psychiater. Dies beweist: Die Kompetenz der Haus- und Kinderärzte ist gegeben. Auch ihre wichtige Rolle bei der Früherkennung psychischer Erkrankungen ist anerkannt und laufende Projekte sowie gesundheitspolitische Massnahmen zielen darauf ab, diese Rolle weiter zu stärken. Die Einschränkung der Anordnungskompetenz würde diese Bestrebungen hemmen. Es geht bei der Anordnung um das Erkennen eines psychischen Problems und nicht um eine eindeutige Diagnosestellung einer psychischen Störung, welche nur im Verlauf der Therapie gestellt werden kann. Bei keinem der Leistungserbringer auf Anordnung verlangt das Gesetz vom anordnungsbefugten Arzt einen Fähigkeitsausweis für die Sicherstellung der für die Anordnung und Begleitung der angeordneten Leistung notwendigen Fachkenntnisse. Einen solchen Leistungsnachweis einzuführen oder – was gleichbedeutend ist – die Anordnungskompetenz auf eine Facharztrichtung zu beschränken, wäre ein Sonderfall mit keinem versorgungspolitischen Nutzen – im Gegenteil!

7. Überweisung seitens Grundversorger ist bewährte Praxis – schon lange!

Die Überweisung von Patientinnen und Patienten seitens Grundversorger an selbständige psychologische Psychotherapeutinnen und -therapeuten zur Abklärung und, falls angezeigt, zur Behandlung ist seit Jahren gängige Praxis. Dieser Praxis bedienen sich nicht nur die Hausärzte, sondern auch spezialisierte Überweiser wie beispielsweise Gynäkologen, Gastroenterologen oder Onkologen. Der Ausschluss all dieser Überweiser durch eine eingeschränkte Anordnungsbefugnis auf Psychiaterinnen und Psychiater ist nicht nur versorgungspolitisch ungerecht, sondern untergräbt in Bezug auf die selbständig Therapierenden auch eine bewährte Praxis zum Wohle des Patienten.