Corona-Krise: Studie des Bunds empfiehlt verbesserten Zugang zu Psychotherapie

Joël Frei
Forschung
Psychotherapie
Verband
Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf die psychische Gesundheit der Bevölkerung? Eine neue Studie zeigt Risiko- und Schutzfaktoren auf und gibt Handlungsempfehlungen für Entscheidungsträger ab. Die Schliessung der bestehenden Lücken in der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung ist eine dieser Empfehlungen.

Zwar fehlen noch repräsentative Daten, doch die Zeichen verdichten sich, dass die Corona-Krise der psychischen Gesundheit der Bevölkerung zusetzt. Eine vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) in Auftrag gegebene Studie, die von B&A und dem Büro BASS verfasst wurde, hat einerseits untersucht, welche Auswirkungen die Pandemie auf die psychische Gesundheit der Allgemeinbevölkerung sowie der Risikogruppen hat. Andererseits wurde die Inanspruchnahme der psychosozialen Unterstützungsangebote und der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung während der Krise untersucht.

Vermeidung von Verboten als Schutzfaktor
Was die Allgemeinbevölkerung betrifft, weisen die Forschenden darauf hin, dass die durch die Krise ausgelöste Unsicherheit und Fremdbestimmung generell psychisch belastende Faktoren sind. Allerdings hätten bestimmte Massnahmen der Behörden dazu geführt, dass diese für die psychische Gesundheit eher schädlichen Faktoren abgemildert wurden, etwa indem auf Empfehlungen statt auf Verbote gesetzt wurde und die Bewegung im Freien weitgehend uneingeschränkt möglich war.

Was die Risikogruppen angeht, so identifizierten die Forschenden sowohl Risiko- als auch Schutzfaktoren. Zu den Faktoren, die das Risiko einer psychischen Erkrankung erhöhen, zählen eingeschränkte soziale Kontakte durch die Isolation, finanziell prekäre Verhältnisse oder psychische Vorerkrankungen. Die Forschenden definierten aber auch Schutzfaktoren: körperliche Betätigung, das Gefühl von Selbstwirksamkeit und Autonomie, psychologische Flexibilität, soziale Unterstützung durch die Familie, Freunde, Organisationen und Behörden sowie die Ausübung von Hobbies oder eigenen Projekten.

Unterstützungsangebote stärker genutzt
Die Dargebotene Hand, Pro Juventute und auch Pro Mente Sana bieten niederschwellige psychosoziale Unterstützung an. Bei der Untersuchung solcher Angebote zeigte sich, dass sich deren Nutzung seit Beginn des Lockdowns Mitte März deutlich erhöht hat. Diese Angebote haben sich bewährt. Gemäss den Forschenden sollte zukünftig vermehrt auf diese Unterstützungsangebote sowie auf die Wichtigkeit der psychischen Gesundheit allgemein hingewiesen werden.

Die Analyse der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung ergab, dass die ambulante Versorgung – insbesondere dank den Massnahmen des Bundes zur Finanzierung fernmündlicher Konsultationen – während des Lockdowns mehrheitlich analog dem vorherigen Niveau aufrechterhalten werden konnte. Auch die stationäre Psychiatrie konnte ihren Betrieb mit den üblichen Schutzmassnahmen weiterführen.

Vermehrt Suizidgedanken
Allerdings lässt die Studie offen, welche Folgen die Corona-Pandemie mittel- und langfristig auf die psychische Gesundheit der Bevölkerung haben wird. Insbesondere die wirtschaftliche Entwicklung scheint eine grosse Rolle zu spielen, ob sich die psychische Gesundheit der Betroffenen erholt respektive weiter verschlechtert. Für die Schweiz gebe es in diesem Zusammenhang Hinweise auf eine Zunahme von Suizidgedanken.

Hürden zur Psychotherapie abbauen
Die Forschenden geben eine Reihe von Handlungsempfehlungen ab, welche die schädlichen Auswirkungen der Pandemie auf die psychische Gesundheit abmildern sollen. Was die Versorgung von psychisch erkrankten Menschen betrifft, empfehlen sie, einerseits den Zugang zur Versorgung auch während der Krise zu gewährleisten und andererseits die bestehenden Versorgungslücken zu schliessen. Während des Lockdowns war der Zugang zu Psychotherapie nicht für alle Patientinnen und Patienten gewährleistet, da die Kostenübernahme bei Onlinetherapie respektive fernmündlicher Therapie nicht einheitlich geregelt war. Die Patientinnen und Patienten von psychologischen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten wurden im Vergleich zu denjenigen von Psychiaterinnen und Psychiatern schlechter gestellt.
 
Die Studie legt zudem den Finger auf einen schon längst bekannten wunden Punkt: bereits vor der Corona-Krise sei die psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgungssituation teilweise schwierig gewesen. Die Forschenden empfehlen, bestehende Versorgungslücken gerade in Bezug auf Kinder und Jugendliche und in ländlichen Gebieten zu schliessen. 

Der Bericht kann auf der Website des Bundesamts für Gesundheit (BAG) heruntergeladen werden.

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