Das Anordnungsmodell kommt – Grosse Freude bei den Psychologieverbänden

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Die Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP), die Assoziation Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (ASP) und der Schweizerische Berufsverband für Angewandte Psychologie (SBAP) sind hocherfreut über den heutigen Beschluss des Bundesrats zur Neuregelung der psychologischen Psychotherapie. Die Einführung des Anordnungsmodells kann die bestehenden Versorgungsengpässe in ländlichen Regionen und bei Kindern und Jugendlichen beseitigen. Die Psychologieverbände bedauern einzig die Beschränkung der Therapiedauer auf fünfzehn Sitzungen pro Anordnung.

Der Bundesrat hat heute beschlossen, dass Psychotherapien, die von psychologischen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten durchgeführt werden, in Zukunft von der Grundversicherung bezahlt werden, sofern sie auf Anordnung eines Arztes oder einer Ärztin erfolgen. Damit erfüllt der Bundesrat eine langjährige Forderung der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP), der Assoziation Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (ASP) und des Schweizerischen Berufsverbands für Angewandte Psychologie (SBAP), die auch von Organisationen wie Pro Mente Sana oder Pro Juventute geteilt wurde. Das bedeutet auch und vor allem einen grossen Fortschritt für die Schweizer Bevölkerung, da die Versorgung im Bereich der psychischen Gesundheit spürbar verbessert wird. Ein Schritt, der umso wichtiger ist in Zeiten der Pandemie, die auch die psychische Gesundheit stark belastet. Mit dem Beschluss wird das heutige Delegationsmodell durch ein Anordnungsmodell ersetzt, das in ähnlicher Form bereits bei der Physiotherapie existiert.

Die psychologischen Berufsverbände FSP, ASP und SBAP sind hocherfreut. «Der Modellwechsel von der Delegation zur Anordnung bringt eine markante Verbesserung des Zugangs zur ambulanten Psychotherapie. Davon profitieren psychisch kranke Menschen, die heute sehr lange Wartefristen in Kauf nehmen müssen, was verheerende Folgen nicht nur auf persönlicher Ebene, sondern auch für die gesamte Gesellschaft hat», sagt Yvik Adler, Co-Präsidentin der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP). «Gemeinsam mit vielen Unterstützerinnen und Unterstützern haben wir uns seit vielen Jahren für diese wichtige Besserstellung der ambulanten Psychotherapie eingesetzt. Unter anderem haben wir dafür vor zwei Jahren eine Petition mit fast 100'000 Unterschriften eingereicht. Dass das Ziel nun erreicht ist, freut uns ausserordentlich», ergänzt sie. 

Bedenken wegen der Therapiedauer

Die Psychologieverbände äussern einzig Bedenken an der Regelung, dass eine Anordnung nur für fünfzehn Sitzungen ausgesprochen werden kann. Das bedeutet, dass bereits nach fünfzehn Sitzungen wieder ein Arzttermin vereinbart werden muss, um eine zweite Anordnung für weitere fünfzehn Sitzungen zu erhalten. «Damit wird unnötiger administrativer Aufwand generiert», sagt Gabriela Rüttimann, Präsidentin der Assoziation Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (ASP). «Fünfzehn Sitzungen reichen in vielen Fällen nicht aus, vor allem wenn Kinder oder Jugendliche betroffen sind, bei denen oft umfangreiche Abklärungen auch im Umfeld notwendig sind.» 

Für die Verbände ist das aber nur ein kleiner Wermutstropfen und sie hoffen, dass diese restriktive Regelung angepasst wird, sofern sie sich tatsächlich als praxisfremd erweisen sollte. «Die Hauptsache ist, dass der Systemwechsel jetzt kommt», bekräftigt Christoph Adrian Schneider, Präsident des Schweizerischen Berufsverbands für Angewandte Psychologie (SBAP). «Wir werden uns nun mit aller Kraft dafür einsetzen, dass so schnell wie möglich ein Tarif festgesetzt werden kann, so dass die neue Regelung baldmöglichst in Kraft tritt. Viele warten seit langem darauf.»

Stephan Wenger, Co-Präsident der FSP, zeigt sich im Namen der Verbände auch dankbar: «Wir haben das Anordnungsmodell seit langem gefordert und freuen uns für die Menschen mit psychischen Problemen, dass es nun da ist. Der Bundesrat hat mit diesem Schritt Mut bewiesen und gezeigt, dass ihm die psychische Gesundheit ein echtes Anliegen ist. Das ist gerade in diesen Zeiten ein wichtiges Zeichen und wir bedanken uns auch im Namen der betroffenen Patientinnen und Patienten dafür.»

Anordnung statt Delegation

Bis jetzt werden ambulante Psychotherapien nur dann von der Grundversicherung bezahlt, wenn sie von einem Psychiater durchgeführt werden oder von einer psychologischen Psychotherapeutin, die bei einer Ärztin oder einem Arzt angestellt ist. Dieses sogenannte Delegationsmodell schränkt das Angebot an Psychotherapieplätzen, die von der Grundversicherung finanziert werden, stark ein.

Mit dem vom Bundesrat beschlossenen Anordnungsmodell werden auch Psychotherapien, die von selbständigen psychologischen Psychotherapeuten durchgeführt werden, von der Grundversicherung bezahlt, sofern sie auf Anordnung eines Arztes oder einer Ärztin erfolgen. Hausärzte können so eine Psychotherapie anordnen, die der Patient bei einem Psychotherapeuten oder einer Psychotherapeutin seiner Wahl absolvieren kann. Damit wird das Angebot an Psychotherapieplätzen, die von der Grundversicherung finanziert werden, markant erhöht.

Kommentare

Bea Maag

Bea Maag

20/03/2021

Ich freu mich sehr über den lang ersehnten Wechsel! Unglaublich! Herzlichen Dank an alle für den unermüdlichen Einsatz!

Claudia Arter

Claudia Arter

20/03/2021

Herzlichen Dank! Ich freue mich sehr, dass das lange Warten endlich ein Ende hat. Es bleibt noch viel zu tun, aber der erste grosse Schritt ist getan.

Brigitte Neuburger-Schlumberger

Brigitte Neuburger-Schlumberger

19/03/2021

Herzlichen Glückwunsch ! Das war ein langer Weg, für mich sehr überraschend, dass wir dieses Etappenziel erreicht haben. Es gibt noch viel zu tun, aber heute herrscht erstmal Freude vor 👍

Sibylle Lederbogen

Sibylle Lederbogen

19/03/2021

Die Regelung, dass neu nach bereits 30 statt bisher 40 Stunden Therapie der anordnende Arzt/Ärztin (statt der psychol.Psychotherp.- es fragt sich, wer letztendlich schreibt und wer abrechnet?) einen Bericht an die KK mit einer darin enthaltenen Fallbeurteilung durch eine/n Facharzt/ärztin Psychatrie (!) verfassen muss erachte ich als Nadelör. Damit sind psycholog. Psychotherapeuten/innen nun neu an die Indikationsstellung nicht nur einer/s anordnenden Arztes sondern zusätzlich auch (nach wie vor) an die Indikation und Expertise eines/r Psychiater/innen gebunden wenn sie länger als 30 Stunden mit einem/r Patient/in arbeiten. In meinen Augen kein Fortschritt. Warum ist es nicht möglich den Kostenträgern direkt durch den/die (psycholog.) Behandler/in Bericht zu erstatten? Würden damit nicht u.U. sogar Kosten eingespaart?

Julia Hetschel

Julia Hetschel

22/03/2021
Sibylle Lederbogen

Nadelöhr und administrativer Aufwand, der zusätzliche Kosten generiert und m.E. zum Ausdruck bringt, dass psychologischen Psychotherapeutin nicht zugemutet wird, dass sie beurteilen können, ob mehr als 30 Stunden Psychotherapie notwendig sind und diese wenn nötig direkt bei Kostenträger zu beantragen.

Dirk  Piller

Dirk Piller

23/03/2021
Sibylle Lederbogen

Dieser Passus ist selbst im Schlaraffenland für Psychologen Deutschland nie gekommen. Und nachdem man in der Schweiz festgestellt haben wird, was eine Beteiligung von medizinisch nicht ausgebildeten Personen/ Geistewissenschaftlern für Unsummen bei den Krankenkassenbeträgen ausmachen wird, wird man sich diese Schritte nochmals überlegen.

Marina Hohl

Marina Hohl

23/03/2021
Sibylle Lederbogen

Genau!
Exakt dieser Passus ist es, der die erhofften Verbesserungen des Anordnungsmodelles wieder zunichte macht.
Wer anders als der/die die Therapie durchführende PsychotherapeutIn kann beurteilen, ob eine Weiterführung der Therapie nach 30 Stunden indiziert ist oder nicht? Nur wenn das in der Verordnung niedergeschrieben ist, kann von einem Fortschritt gesprochen werden!

Im Klartext bedeutet die jetzige Version der Verordnung, dass psychologische Psychotherapeuten in Zukunft keine mehr als 30 Stunden dauernde Psychotherapien durchführen können, wenn sie nicht, wie Sibylle Lederbogen schreibt, eineN PsychiaterIn in ihrem Umfeld haben, der eine derartige Fallbeurteilung für sie übernehmen würde, wie es z.Zt. bei im Delegationsverhältnis arbeitenden psychologischen Psychotherapeuten der Fall ist.
Ist es das, was wir uns gewünscht haben? Sicher nicht!

Dorothea Baerlocher

Dorothea Baerlocher

10/05/2021
Sibylle Lederbogen

ich teile diese Ansicht: die neue Regelung bedeutet einen klaren Rückschritt zum bisherigen Status. 1.Antrag auf Weiterführung bereits 30 statt bisher 40 Sitzungen; 2. Berichterstattung an die Zuweiser, von denen viele Hausärzte sind, die kaum psychotherapeutische Kompetenzen haben; 3. woher sollen die Zuweiser die Zeit nehmen für eine seriöse Beurteilung der Frage der Weiterführung einer Therapie? Kostenfrage! 4. Zusätzliches Nadelöhr Vertrauensärzte ; 5. Abschaffung der Leistungen in der Zusatzversicherung , in deren Rahmen wirklich selbständiges Arbeiten bisher möglich war (viele KK-Versicherungen haben gute Leistungsangebote für psychol. Psychologie. Psychotherapie). Ich hoffe, der FSP wird diese Frage (v.a. Zuständigkeit der Weiterführung d. Psychotherapie nachverhandeln: also: direkte Berichterstattung an die Vertrauensärzte!

Lilli Howaldt

Lilli Howaldt

14/05/2021
Sibylle Lederbogen

Wie recht Du hast: Psychologinnen im Klammergriff der überlasteten Psychiater und Ärzte. Ich sehe wenig Fortschritt.

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