Das Gesicht verlieren

Aurélie Faesch-Despont
Forschung
Verband
Sollten wir uns wirklich für unsere Fehler schämen und uns bemühen, jegliche Fauxpas zu vermeiden?

Wenn unsere Unwissenheit, Schwächen oder Makel plötzlich blossgelegt werden, kann dies negative Emotionen hervorrufen. Wer das «Gesicht verliert», fühlt sich erniedrigt oder ausgegrenzt. Der Ausdruck kommt wahrscheinlich daher, dass man schamrot im Gesicht wird, wenn man das Gefühl hat, eine «Schmach» erlitten zu haben. In China geht es um mehr als ein gesellschaftliches Konzept: Bloss nicht das Gegenüber das Gesicht verlieren lassen! Denn dies gilt als unverzeihlicher Verstoss gegen die Umgangsformen. Auch wenn keine Absicht dahintersteckt. Doch sollten wir uns wirklich für unsere Fehler schämen und uns bemühen, jegliche Fauxpas zu vermeiden?

Forschende im Bereich Psychologie und Neurowissenschaften sind sich einig: Fehler zu begehen kann zunächst als unangenehm empfunden werden, ist aber auch das Beste, was uns passieren kann. Seit rund zwanzig Jahren zeigt die neurowissenschaftliche Forschung, dass unser Hirn stets bereit ist, aus Fehlern zu lernen. Es verfügt über Mechanismen, die diese Variable berücksichtigen und Verhaltensweisen automatisch korrigieren und anpassen. Unser Gehirn macht ständig Vorher­sagen zu den Folgen unserer Handlungen und erkennt dementsprechend Abweichungen vom erwarteten Ergebnis – unabhängig davon, ob diese negativ oder positiv sind. «Fehlern» trägt es bei den nachfolgenden Entscheidungen Rechnung. Fehler zu vermeiden kann also frustrierend für unsere Neuronen sein, die Misserfolge brauchen, um zu lernen.

Es gilt also, die vielen psychischen Blockaden aufzulösen, die uns dazu bringen, Fehler abzulehnen, zu fürchten und nach Möglichkeit zu vermeiden. Der französische Psychiater Christophe André betont in einem Beitrag in der Fachzeitschrift Cerveau & Psycho, dass «man am meisten bedauert, was man nicht getan hat». 

Er beruft sich dabei auf eine Studie, derzufolge die Befragten zu 63 Prozent Dinge bedauern, die sie nicht getan haben, und nur zu 37 Prozent Dinge, die sie getan haben und an denen sie bisweilen gescheitert sind. Ein weiterer französischer Psychiater, Frédéric Fanget, meint: «Menschen, die nie scheitern, können auch nichts leisten. Fehler gehören zum Handeln. Wer weiterkommen und Träume verwirklichen will, muss das erst akzeptieren.» 
Fehler sind also kein Grund, das Gesicht zu verlieren. Das Geschehene zu akzeptieren ist viel konstruktiver als nichts zu tun. Schluss mit verkrampften Bemühungen, das Gesicht zu wahren! Unsere Fehler verdienen unsere Aufmerksamkeit, denn sie verhelfen uns zu einem besseren Verständnis darüber, wie wir funktionieren. 

Gibt es eine Redewendung, die Sie mit Hilfe der Psychologie ergründen möchten? Wir freuen uns auf Ihre Beiträge an: redaktion [at] fsp.psychologie.ch

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