«Das sinnvollste System setzte sich durch»

Aurélie Faesch-Despont
Psychotherapie
Verband
Yvik Adler und Stephan Wenger stehen gemeinsam der FSP vor. Sie gehen auf die Entscheidung des ­Bundesrats ein, das Anordnungsmodell einzuführen

Am 19. März beschloss der Bundesrat, das Delegationsmodell durch das Anordnungsmodell zu ersetzen. Ab dem 1. Juli 2022 werden psychologische Psychotherapien von der Grundversicherung erstattet, sofern eine ärztliche Anordnung vorliegt. Die FSP hat sich dafür seit vielen Jahren eingesetzt.

Wie haben Sie auf den positiven Beschluss des Bundesrats reagiert?
YA: Nach so vielen Jahren des Kämpfens mit Zwischenerfolgen und Rückschlägen zwischen Hoffen und Bangen war es eine wahnsinnige Erleichterung und es kamen natürlich auch Glücksgefühle auf. Leider währte der Moment der Freude aber nur kurz, da ich dazu neige, die nächsten nun anstehenden Schritte zu sehen und mich auf sie zu konzentrieren.
SW: Auch für mich war es eine enorme Erleichterung. Bis zum letzten Moment konnten wir uns nicht völlig sicher sein, dass es so ausgehen würde. Während der Ankündigung sass ich im Zug nach Bern, und nachdem sich die erste Erleichterung gelegt hatte, war ich aufgeregt, fühlte mich erfüllt. Es war das Gefühl, eine Mission vollendet zu haben.

Was war das Erste, das Sie nach der Entscheidung getan haben?
SW: Ich habe sofort zum Smartphone gegriffen und Nachrichten an die Hauptbeteiligten gesendet, die diesen Erfolg durch ihr Engagement ermöglicht haben. Neben dem Vorstand und der Geschäftsstelle der FSP sind dies in erster Linie die aktuellen und ehemaligen Präsidentinnen und Präsidenten der Gliedverbände. Ich habe ihnen geschrieben, dass sie den Tag geniessen sollen.
YA: Mein Tag war voller Termine. Ich hatte unter anderem ein spontanes SRF-Radiointerview. Am Nachmittag reiste ich nach Bern, um mit einigen vom FSP-Team auf unseren Erfolg anzustossen.

Fast alle Forderungen der Psychologieverbände wurden erfüllt. Hatten Sie mit einer so günstigen Entscheidung gerechnet?
YA: Nach den Besprechungen mit den Stakeholdern beim BAG war ich grundsätzlich optimistisch in Bezug auf die Ausgestaltung des neuen Modells. Allerdings kam die Begrenzung auf 15 Stunden pro Anordnung überraschend und ist nicht die einzige «Kröte», die sich eingeschlichen hat. Es soll neu dem Antrag an die Krankenversicherung zur Verlängerung der Behandlung nach der 30. Stunde eine psychiatrische Fallbeurteilung beigelegt werden. Insgesamt sehe ich eine erhebliche Erschwernis für die Behandlung von schweren und chronischen Erkrankungen. Vieles muss zudem noch geklärt und erarbeitet werden.
SW: Wir wollten unbedingt verhindern, ein System einzuführen, bei dem nur die Psychiaterinnen und Psychiater anordnen können. Es hätte nichts am Problem geändert und sogar dem gesamten System geschadet. Am Ende setzte sich das sinnvollste System durch. Es gibt bei dieser Reform aber noch Knackpunkte: die Vorgehensweise nach der 30. Sitzung, das obligatorische Praxisjahr an einem vom Schweizerischen Institut für ärztliche Weiter- und Fortbildung (SIWF) anerkannten Ort. Und natürlich bleiben wichtige Fragen offen, insbesondere die Tarife.

Wem haben Sie diesen Erfolg zu verdanken?
YA: Dem erfolgreichen Teamwork des gesamten Verbands! Dank gebührt allen Mitgliedern, der Geschäftsstelle (besonders der Geschäftsleiterin Muriel Brinkrolf), unserem Lobbyisten Walter Stüdeli, den Glied- und Partnerverbänden ASP und SBAP sowie den unterstützenden Politikern und Politikerinnen. Es war eine fantastische Zusammenarbeit.
SW: 40 Jahre Arbeit multipliziert mit Dutzenden von Personen – das sind eine Menge Leute! Wir danken natürlich allen, die beteiligt waren. Und vielen Dank auch ihren Familien, die diese Verbandsarbeit indirekt unterstützt haben! Ich möchte mich auch bei Alain Berset, beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) und bei allen aus der Politik bedanken, die uns unterstützt haben – überwiegend waren das übrigens Politikerinnen! Vielen Dank auch den Psychiatern und Psychiaterinnen, sonstigen Ärzten, Versicherern und Kantonen: Danke an alle, die vernünftig geblieben sind und verstanden haben, dass diese Reform sinnvoll ist.

"40 Jahre Arbeit multipliziert mit Dutzenden von Personen – das sind eine Menge Leute! Wir danken natürlich allen, die beteiligt waren. Und vielen Dank auch ihren Familien, die diese Verbandsarbeit indirekt unterstützt haben!"

In der Corona-Krise hat die psychische Gesundheit in der öffentlichen Meinung einen hohen Stellenwert eingenommen. Hat das Ihre Forderungen begünstigt?
YA: Dadurch, dass die Gesamtbevölkerung deutlich mehr an psychischen Problemen leidet, hat das Thema psychische Gesundheit insgesamt deutlich mehr Beachtung im Sinne von Entstigmatisierung erfahren. Ausserdem stieg die Versorgungsnot. Und es gab natürlich auch viele Medienberichte dazu, was die Sichtbarkeit der FSP erhöht hat.
SW: Durch die Corona-Pandemie gab es mehr Medienberichte zur psychischen Gesundheit. Das Projekt war aber schon vorher weit fortgeschritten. Im Sommer 2020 war es wirklich ausgereift. Das war, bevor die schweren Depressionssymptome in der Schweizer Bevölkerung in die Schlagzeilen kamen. Ich kann aber nicht in die Köpfe der Bundesräte hineinschauen ... Durch die derzeitige Krise könnten einige von ihnen noch ihre Meinung geändert haben.

Wie geht es nun bis zur Umsetzung der neuen Regelung weiter?
SW: Zunächst muss eine Tarifstruktur mit vorteilhaften und vor allem gerechten Tarifen festgelegt werden. Dann müssen Einigungen mit den zukünftigen anordnenden Ärzten und Psychiaterinnen getroffen werden. Die Vorgehensweise nach 15 beziehungsweise 30 Sitzungen muss einfach sein, es darf keine übermässige Bürokratie geben. Drittens müssen wir uns zusammensetzen und mit den SIWF-Institutionen zusammenarbeiten, um die für eine optimale klinische Praxis für Psychologinnen und Psychologen in Ausbildung benötigten Plätze und die notwendigen Bedingungen gewährleisten zu können. Viertens müssen wir die Kantone bei der Einführung ihrer Prozesse für die Erteilung von Berufsausübungsbewilligungen unterstützen.
YA: Wir müssen nun weiterhin taktisch klug verhandeln und ausserdem das Modell so gut wie möglich weiter in Richtung günstigere und praktikablere Konditionen ausgestalten. Dabei steht die Ausbildung unseres Nachwuchses im Vordergrund, die gesichert werden muss. Die Umsetzung der Verordnungsänderung per Sommer 2022 mit einer Übergangsfrist von sechs Monaten ist ein sportlicher Zeitplan. Das fordert von allen Beteiligten, dass die wichtigsten weiteren Schritte, insbesondere die Tarifverhandlungen, finalisiert sind.

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