In den Alltag einer Psychologin eintauchen

Urs-Ueli Schorno
Berufspraxis
Verband
Bei «Next!» öffnen FSP-Mitglieder Studierenden die Türen ihrer Praxis. Ein Erfahrungsbericht.

Mit dem ersten Schupperpraktikum ist Next! definitiv aus der Taufe gehoben. Die FSP sucht weitere Mitglieder, die Studierenden ihren Berufsalltag näherbringen. 

Fünf oder mehr Jahre gebüffelt und hoffentlich bald den Master in der Tasche. Studierende beschäftigen sich spätestens ab diesem Zeitpunkt damit, wie sie das Gelernte später im Berufsalltag einsetzen können. Doch wie sieht eigentlich diese Praxis im Fall einer Psychologin aus? Ein Blick ins Internet zeigt: Möglich ist vieles. Das Angebot ist gross, aber erklärt sich selten von selbst. Fragen stellen sich: Welche Klientel betreut ein Psychotherapeut in der Burnout-Klinik? Bis wie spät in die Nacht hinein arbeitet eine selbstständige Arbeitspsychologin oder ein Coach? Gibt es Karrierechancen in der Verkehrspsychologie? Als Sportpsychologin? Und was erwartet mich, wenn ich mich für das weite Feld der Gesundheitspsychologie interessiere?

Auch Damaris Fankhauser kennt solche und ähnliche Fragen. Die haben sich im Laufe ihres Studiums angesammelt. Die 25-Jährige studiert Klinische Psychologie und Psychotherapie im 3. Mastersemester an der Universität Bern. Schon bald einmal hat die Bernerin festgestellt, dass es gar nicht so leicht ist, sich den Alltag in den vielfältigen Tätigkeitsfeldern der Psychologie vorzustellen. Im Rahmen des Studiums benötigen die Studierenden in der Regel ein einziges Praktikum, das sie etwa im Gegensatz zu den Medizinern – auch noch selbst organisieren. «Während des Unterrichts gibt es sonst eigentlich kaum Einblicke in den Berufsalltag», sagt Damaris Fankhauser.

Die Vielfalt der Psychologie zeigen

Das besagte Praktikum hat Damaris Fankhauser in der Erziehungsberatung absolviert. Dort wurde sie von einer Psychologin auch auf die Schnuppertage bei Next! aufmerksam gemacht. «Während den Semesterferien, habe ich mir gedacht, würde ich gerne noch etwas anderes sehen. Da habe ich mich einfach mal angemeldet.» Dank der Legi erhält sie über das Anmeldeformular Zugang zu einem geschützten Bereich der FSP-Website, wo die bei Next! angemeldeten Psychologen zu finden sind.

Noch ist das Angebot etwas klein, stellt sie beim Durchscrollen der Kontakte fest. Gerade wenn man sich auf eine Stadt, in ihrem Fall Bern, beschränken wolle. Damaris Fankhauser ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass es dafür eine einfache Erklärung gibt: Das Projekt Next! ist gerade erst angelaufen, sie wird die erste Studierende sein, die in diesem Rahmen in den Genuss eines Schnupperpraktikums kommen wird. Zwei Kontakte hat sie schliesslich herausgepickt: Sie interessiert sich für Kinder- und Jugendpsychologie, aber auch für die Arbeit einer Coachin. Dank des zweiten Interessengebietes ist Damaris Fankhauser bei Karin Kopše gelandet.

Die Nachwuchsarbeit fördern

Die Fachpsychologin für Coaching-Psychologie Karin Kopše ist langjähriges, engagiertes FSP-Mitglied. Die 53-Jährige hat mit ihrer eigenen Praxis «Fokus-Raum» erst kürzlich in die Nähe des Bahnhofs Bern gezügelt, wo sie Klienten empfängt sowie Workshops und Weiterbildungen organisiert. Sie hat sich auf einen Aufruf im FSP-Newsletter gemeldet und ist die erste von 38 angemeldeten Psychologinnen oder Psychologen, die im Rahmen von Next! Schnuppertage für Studierende durchgeführt hat. «Das Psychologiestudium ist sehr theoretisch, das weiss ich aus Erfahrung. Man erlernt keinen eigentlichen Beruf, sondern die Suche nach der beruflichen Identität beginnt erst kurz vor Ende oder sogar nach dem Studium. Wer sich frühzeitig darum bemüht – was sich meiner Meinung nach lohnt – muss dabei vieles selbst organisieren.»

Dass Next! genau hier eine Lücke zwischen akademischer Ausbildung und dem eigentlichen Beruf schliessen will, begrüsst sie. Damit kommt die FSP ihrem Auftrag nach, jungen Psychologinnen und Psychologen den Einstieg in den Beruf zu erleichtern. «Für mich war auch gleich klar, dass ich da mitmache. Es gehört meiner Meinung nach zu unseren Aufgaben als Praktizierende, auch für den Nachwuchs einzustehen. Und schliesslich ist es auch eine coole Erfahrung, mich mit jungen, angehenden Psychologen auszutauschen.»

«Psychologie boomt! Jährlich erlangen um die 1000 Personen an einer Schweizer Uni oder Fachhochschule den Masterabschluss in unserem Fach. Das sind fast doppelt so viele wie noch vor zwanzig Jahren. Psychologie ist damit eines der beliebtesten Studienfächer in der Schweiz. Deshalb haben wir das Angebot Next! ins Leben gerufen, das sich gezielt an Psychologiestudierende richtet.»

Carola Smolenski, FSP-Vorstandsmitglied

 

Schnuppertage bedeuten Aufwand...

Nach einem ersten Austausch per Mail besprechen Karin Kopše und Damaris Fankhauser den Inhalt der Schnuppertage vis-à-vis. Spätestens jetzt steht fest: Das ist für beide Seiten aufwendig. Investieren die Studierenden Ferien oder Freitage, kommt für die Psychologin neben der Zeit auch organisatorische Mehrarbeit hinzu: «Für mich ist es kaum möglich einen Einblick in meine Arbeit in nur einem Tag zu vermitteln», ­führt Karin Kopše aus. Termine mit Klientinnen möglichst zeitnah zu legen und ein sinnvolles Tagesprogramm zusammenzustellen, erfordern Flexibilität, gerade von einer Psychologin, die allein arbeitet.
Gemeinsam haben sie ein insgesamt dreitägiges Schnupperpraktikum ausgearbeitet. Einerseits sollte die Studentin Gelegenheit erhalten, bei der Planung und Durchführung eines Workshops dabei zu sein, eines von Kopšes Standbeinen. «Damaris konnte Aufgaben einer Assistentin übernehmen, aber auch in die Rolle der Teilnehmer schlüpfen. Das hat sehr gut geklappt.»

Den Einblick in Einzelgespräche zu ermöglichen, gestaltete sich für Kopše derweil etwas anspruchsvoller. Welche Klienten erklären sich einverstanden, dass jemand an einer Sitzung teilnimmt? Wie kann ich der Studentin ermöglichen, dass sie an einem Tag mehrere Sitzungen besuchen kann? Diese Fragen galt es im Vorfeld zu klären.

...der sich aber lohnt!

Schliesslich hat sich aber genau dieser Aufwand gelohnt, wie Damaris Fankhauser bestätigt: «Bei den Sitzungen mit den Klienten dabei zu sein, war für mich besonders spannend. Ich wusste, dass sich die Themen der Erziehungsberatung und des Coachings klar unterscheiden, aber ich hatte keine wirkliche Vorstellung vom Coaching.» Was bedeutet das nun für ihre Berufswahl? «Ich glaube, die Arbeit als Kinder- und Jugendpsychologin liegt mir besser, ich könnte mir aber auch vorstellen, als Coachin zu arbeiten. Beide Felder sind interessant.» Festlegen will sie sich noch nicht. «Sportpsychologie oder Gesundheitspsychologie interessieren mich auch – allerdings hatte ich da noch keine Möglichkeit reinzuschnuppern.»

Um das bei Next! zu ermöglichen, braucht es allerdings noch weitere FSP-Psychologen aus allen Gebieten, die dem Beispiel Karin Kopšes folgen. «Bei über 9000 Mitgliedern sollten sich doch noch einige Kollegen finden lassen, die dieses wichtige Angebot unterstützen», sagt die Coachin mit einem Augenzwinkern in Richtung ihrer Kolleginnen und Kollegen. Auch auf Seiten der FSP sieht sie noch Potenzial für Verbesserungen. So wünscht sie sich etwa für die Zukunft des Projekts bessere Möglichkeiten zur Evaluation der Schnupperpraktika, aber auch, dass die FSP dranbleibt und die Plattform weiter verbessert. 

Publiziert im Psychoscope 6/2021

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