Den Kopf in den Sand stecken

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Alles begann mit einem Missverständnis, als der römische Gelehrte Plinius der Ältere, Autor der Naturgeschichte, sich einem Strauss gegenüber fand. Der Naturforscher folgte mit seinem Blick dem nicht enden wollenden Hals des Vogels bis zu dessen winzigem Kopf, der unter der Erdoberfläche zu verschwinden schien.

Von Aurélie Deschenaux, publiziert im Psychoscope 4/2018

"Sträusse sind die dümmsten Tiere der Welt. Sie glauben, dass man sie nicht sehen kann, wenn sie ihren Kopf in den Sand stecken", schrieb er in seiner Enzyklopädie.In Wirklichkeit bringt der Strauss seinen Kopf nur in Bodennähe. Und das tut er, um ein Nest für seine Eier zu graben, ein paar Zweigchen aufzusammeln oder den Schwingungen des Bodens und dem eventuellen Annähern eines natürlichen Feindes zu lauschen. Optische Täuschung oder reine Fantasievorstellung? Schwer zu sagen. Jedenfalls verbreitete sich der Irrglaube, dass der Strauss den Kopf in den Sand stecke, wenn Gefahr im Anzug ist, sehr schnell. Dabei bleibt er in Wirklichkeit mit seinem Kopf an der Oberfläche. Selbst wenn er Angst hat.Stimmt das auch bei uns Menschen? Das ist fraglich. Wenn wir mit bestimmten Schwierigkeiten konfrontiert sind, üben wir uns bisweilen in der "Vogel-Strauss-Politik". Dabei kommt ein Abwehrmechanismus zum Einsatz: die Verleugnung. So nannte Sigmund Freud den Prozess der Verweigerung eines Teils der Realität, der als gefährlich oder verletzend angesehen wird. In einem Punkt sind sich alle einig: Wenn man sich weigert, der Gefahr ins Auge zu sehen, wird sie nicht geringer. Im Gegenteil. Mit der Zeit wird sie eher grösser, und dann ist es noch schwieriger, mit ihr umzugehen. Und trotzdem erliegen wir desto stärker der Verleugnung, je grösser die Gefahr ist. Das trifft beispielsweise auf manche schwer kranken Menschen zu. Ein Forschungsteam des britischen Instituts für Krebsforschung führte eine Studie zu Menschen im Alter von mehr als 50 Jahren durch, die angegeben hatten, in den vorangehenden drei Monaten unter mindestens einem Symptom gelitten zu haben, das mit Krebs in Verbindung gebracht wird. Nur 55 Prozent von ihnen hatten in dieser Zeit einen Termin bei einem Arzt vereinbart. Warum hatten die restlichen 45 Prozent nichts unternommen? Als einer der Hauptgründe wurde die Angst vor der Diagnose angeführt. Die Tendenz, schlechten Nachrichten aus dem Weg zu gehen, zeigt sich auch in der Finanzwelt. Der Psychologe Niklas Karlsson hat das Verhalten schwedischer und amerikanischer Investoren untersucht. Dabei stellte er fest, dass diese ihr Portfolio bei steigenden Märkten öfter prüften als bei fallenden.

 
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