Der Blick ins Freie öffnet innere Räume

Martina Guhl
Forschung
Verband
Was will die Architekturpsychologie, woher kommt sie und welche Rolle spielt sie im Architekturstudium?

Bereits die Architekturtheorie des 18. Jahrhunderts hat sich mit der Frage beschäftigt, wie und ob Gebäude Emotionen hervorrufen. Der Kunsthistoriker Heinrich Wölfflin forderte 1886 in seiner Dissertation: die seelische Wirkung der Baukunst zu beschreiben und zu erklären. Hiernach sieht der Kunsthistoriker Auguste Schmarsow die Aufgabe der Architektur als eine Raumgestalterin mit Gefühl. Sie beide waren Wegbereiter für die Architekturpsychologie. In den Siebzigerjahren untersuchte der Soziologe Carl Friedrich Graumann raumbezogene Identitätsbildungsprozesse. Wir identifizieren uns durch und mit Räumen. Das zeigt auch die Biografie einer japanischen Frau, die an mich heran­getragen wurde. Sie erzählt, wie sie in ihrer Geburtsstadt als Putzfrau arbeitet und in Tokio als Business Woman. Je nachdem, in welcher der beiden Städte sie sich aufhält, trägt sie andere Kleidung, geht anders durch die Strassen, präsentiert sich anders und erlebt vor allem sich selbst anders.

Schliesslich stellt Roger Ulrichs Studie View Through a Window may Influence Recovery from Surgery von 1984 die Referenz zu empirischer architekturpsychologischer Forschung her, als er feststellte, dass Patientinnen und Patienten mit Blick in die Ferne rascher genesen und weniger Schmerzmittel benötigen als solche, deren Sicht auf eine Mauer gerichtet war. Der Blick ins Freie weitet innere Räume und damit den Heilungsprozess. Diesen Zusammenhang griff auch Tanja C. Vollmer, Professorin für Architekturpsychologie, auf und betont, dass Architektur sich den inneren Bedürfnissen der Nutzerinnen und Nutzer anpassen und Leid als Gestaltungsursprung einer heilenden Umgebung verstanden werden soll.

Ein Blick auf die Architekturausbildung
Spannend ist auch der Parallelblick auf die Architekturausbildung. Am Lehrstuhl für Raumentwicklung der Universität Liechtenstein zum Beispiel geht man nicht mehr unbedingt von einer Architektur aus, die durch Wände und materielle Grenzen festgelegt ist. Stattdessen werden Bauten und Orte als hybride, von menschlichen Interaktionen geprägte Kontexte verstanden, die stark durch das Handeln ihrer Nutzerinnen und Nutzer und deren sozialen und kulturellen Zusammensetzungen geprägt sind. Architektur also als gebauter Lebensraum, der menschliche Beziehungsformen abbildet und transformiert und eine unmittelbare Wirkung auf die mentale Gesundheit des Menschen hat.

Die Architekturpsychologie beschäftigt sich mit der Wahrnehmung, insbesondere mit der Veränderung der Raumwahrnehmung, beispielsweise bei psychisch oder physisch erkrankten Personen. Sie untersucht die Wirkung und Reizverarbeitung psychologischer und physikalischer Einflussfaktoren der Umwelt und fragt nach: Kann Raumwahrnehmung unsere psychische Befindlichkeit beeinflussen? Was braucht ein Raum, der hohe Zufriedenheit und Wohlbefinden erlebbar macht? Wie schafft man eine ausgewogene Balance von Reiz und Reizverarbeitung? Wir brauchen ein gewisses Mass an Stimulierung bei gleichzeitigem Gefühl der Kontrolle über den Raum. Räume haben jedoch nicht nur einen Einfluss auf unsere Emotionen, wir verbinden sie auch mit emotionalem Gehalt: Heimat, sich zu Hause fühlen, Geborgenheit, Grenzen setzen, einen Platz in dieser Welt finden, all das sind bedeut­same, raumbezogene Bereiche unseres Daseins. 

Architekturpsychologie im urbanen Kontext
Die Architekturpsychologie forscht zu allen Environments: Wohnumwelten, Arbeitswelten und vor allem explizit Gesundheitsbauten. So werden mittels evidenzbasierten Designs Gestaltungsprinzipien ermittelt, um Stress von Patientinnen und Patienten zu reduzieren und die Compliance zu steigern. Dabei ist nicht nur die Gestaltung des Praxisraums, sondern auch die des Wegs dahin relevant, um die Behandlung positiv zu unterstützen. Konzepte der territorialen Bindung, des Personal Space, phänomenologische Raumforschung, Raumwahrnehmung und Umweltaneignung sind unter anderem architekturpsychologische Begriffe, die in spezifischer Fachliteratur vertieft werden können.

Weniger dokumentiert ist die Beschreibung und Erklärung menschlichen Erlebens und Verhaltens im urbanen Kontext, zum Beispiel im öffentlichen Raum. Wie treffen wir aufeinander? Wie eignen wir uns öffentliche Räume an? Der Schlüsselbegriff der Aneignung geht auf Karl Marx zurück. Für ihn war die «sinnliche Aneignung der Welt Teil eines Gegenentwurfs zum Konzept des Privateigentums, bei dem es nur um das «Haben» geht. Aneignung bedeutet für Marx immer auch die «Verwirklichung menschlicher Sinneskraft».

Wahlfreiheit, Interaktionskontrolle und Möglichkeiten der Selbstgestaltung in der Aneignung von Raum sind bereits in der Kindheit zentral. Sie sind verantwortlich für die Entwicklung der Handlungskompetenz im Erwachsenenalter, so die Soziologin Dorothee Obermaier. Spuren, insbesondere im Aussenraum, hinterlassen zu dürfen. Ob mit Kreide auf den Boden malen oder eine Hütte bauen: Selbstbestimmtes Gebrauchen und Verändern der Umgebung ermöglichen es Kindern, ihre Selbstwirksamkeit anzutesten. Vor­gefertigte, anregungsarme Spielplätze verhindern leider diese wertvolle Raumerfahrung.

Daraus erahnen wir, wie wichtig Raumaneignungsprozesse für die Entwicklung psychischer Gesundheit sind. «Wir werden uns selbst» beziehungsweise «finden zu uns selbst» in der Benutzung, Berührung und Veränderung unserer Umwelt. Welches Verhältnis pflegt jedoch das erwachsene Individuum mit dem urbanen Raum? Wie und wo erlebt es den Raum als psychische Ressource? Inwieweit ist ein Mensch in der Lage rauszugehen, ein Gefühl der Zugehörigkeit zu entwickeln, sich draussen frei und gleichzeitig geschützt und sicher zu fühlen?  Gelingt diese sinnliche Erfahrung und Verwirklichung allen Menschen? Wie nehmen beispielsweise an Sozialphobie Erkrankte Räume wahr, wie bewegen sie sich innerhalb derer? Können psychische Störungen mittels einer dysfunktionalen Raum­beziehung erfasst und begründet werden? Können wir anhand des Raumverhaltens innerpsychische Vorgänge, Ängste, Emotionen ableiten und verstehen? Ergeben sich daraus Rückschlüsse für die Psychotherapie? Wie oft wird in Therapien nach Aneignungsprozessen gefragt: Wie finden diese statt? Wo nicht und warum nicht? Wie ist jemandes Raumverhalten?

Ansätze, die solche Fragen behandeln, sind generell in der Psychologie und speziell in der Architekturpsychologie unterrepräsentiert.

Architekturpsychologie in der Psychotherapie
Provokant gesagt: Es ist nicht die «schöne» Fassade, wegen der ich mich aus meinen geschützten vier Wänden in den öffentlichen, ungeschützten Aussenraum traue. Es geht um den emotionalen Bedeutungsgehalt, den ich dem Raum zuschreibe, um die individuelle Raumwahrnehmung. So spricht der Phänomenologe Otto Bollnow vom «Raumhaben», in dem der Mensch eine innige Weise der Zugehörigkeit zum Raum herstellt, um beheimatet oder genauer «bei sich» zu sein: ein angstfreies Raumerleben also, das mich bereichert und von dem ich Teil werden will, ohne belastende Erinnerungen oder Ambivalenz.

Die Architekturpsychologie hält nicht nur Inhalte für die Architektur bereit, sie kann wichtige Bausteine liefern für die Psychotherapie, so meine persönliche Überzeugung. Welche Auswirkungen hat der Raum auf die psychische Befindlichkeit und welchen Einfluss hat der psychische Zustand auf die Wahrnehmung und Nutzung von Raum?

Der Ort, an dem ich bin, ist der Ort der Entfaltung meiner Lebenswelt. Kann diese nicht gelebt werden, wird Leben verhindert. Eine Komponente dieses Ortes ist die gebaute Umwelt, die durch meine lebendige Beziehung zum Ort eine subjektive Prägung erhält. Die Gestaltung dieser Umwelt ist Aufgabe der Architektur. Weitere Elemente des Orts werden wir jedoch nicht mit Architektur fassen können. Sie entstehen in der individuellen Fähigkeit, mit Raum in Beziehung zu treten. Diese Teile sind Themen der Psychologie: Gemeinschaft versus Autonomie, Isolation versus Zugehörigkeit, Intimität versus Offenheit, Angst versus Schutz, Sicherheit und Kontrolle, um einige Beispiele zu nennen.  Wie ich mit Raum umgehe, ihn mir aneigne, zum Ort mache, bildet als verräumlichte Form meine psychische Struktur ab.

Die Forschung der Architekturpsychologie konzentriert sich bisher weitestgehend auf die Architektur, die Formung der Umwelt. Wir müssen beim Menschen beginnen und seelisches Leid verorten. Veränderte psychische Zustände finden einen Niederschlag in unserem Körpererleben und wir übertragen sie auf den uns umgebenden Raum, sowohl konkret physisch als auch metaphorisch. So haben beispielsweise an Borderline Erkrankte Mühe, ihre Wohnung einzurichten, da sie in keinem inneren Raum lange verweilen können.

Wie sehen «Innenräume» von Menschen in seeli­schen Krisen aus? Über welche therapeutischen Instru­mente verfügen wir, um Menschen «räumlich» zu ver­stehen? Die Ressource Raum als Stabilisator unserer psychischen Gesundheit ist ernst zu nehmen.

Architektur und Psychologie, zwei Gebiete, die ­näher zueinander rücken sollten. Es gilt, die Psychologie des Lebensraums in der Forschung aufzugreifen! 

Martina Guhl ist selbstständige Architekturpsychologin im Forschungsfeld Architekturpsychologie in der Psychotherapie. Sie ist Gründerin und Mit-Initatorin der FGAP (Fachgesellschaft für Architektur­psychologie) sowie Lehrbeauftragte an der Hochschule Luzern und Universität Liechtenstein.

Literatur 

Waterholter, A. (2019). Mental Health und Biophilic Design. Berlin: Wissenschaftlicher Verlag.

Koppen, G., & Vollmer, T. C. (2021). Architektur als zweiter Körper. Eine Entwurfslehre für den evidenzbasierten Gesundheitsbau. Berlin: Gebrüder Mann Verlag.

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