Der Bund diskriminiert Patienten von psychologischen Psychotherapeuten

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Der Bund erlaubt ambulant tätigen Psychiatern, ihre Patienten neu und vorübergehend vollständig aus der Distanz zu behandeln, per Telefon oder Videokonferenz. Psychologische Psychotherapeuten hingegen dürfen pro Halbjahr nur 360 Minuten telefonische Konsultationen verrechnen. Diese Unterscheidung ist nicht zu rechtfertigen und diskriminiert psychologische Psychotherapeuten und deren Patienten.

Gemeinsame Medienmitteilung der Föderation der Schweizer Psycholog(inn)en und der Stiftung Pro Mente Sana

Am 2. April hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) entschieden, dass in der delegierten Psychotherapie neu 360 Minuten pro Halbjahr telefonische Konsultationen von der Grundversicherung vergütet werden. Gegenüber den 240 Minuten, die bis anhin als Grenze galten, bedeutet das zwar eine minimale Verbesserung, diese ist aber völlig unzureichend. Der Entscheid führt dazu, dass Therapien unterbrochen werden müssen. Das führt zu Chronifizierung von psychischen Problemen, zu akuten Notfällen und teuren Klinikeinweisungen. Unter dem Strich besteht die Gefahr, dass psychische Erkrankungen sich verschlimmern und die Behandlungskosten sich mittelfristig erhöhen.

Der Beschluss ist auch deshalb unverständlich, weil gleichzeitig für Psychiater richtigerweise die Möglichkeit für Behandlungen per Telefon und Video deutlich erweitert wurde. Diese massive Benachteiligung der psychologischen Psychotherapie gegenüber der ärztlichen Psychotherapie lässt sich durch nichts rechtfertigen. Leidtragende sind die Patienten, die bei psychologischen Psychotherapeuten in Behandlung sind. Für sie bedeutet das in vielen Fällen, dass die Therapie unterbrochen werden muss. Dazu kommt, dass nichtpflegerische Leistungen, welche bspw. von einer psychosozialen Spitex oder von selbständigen, ambulant tätigen Pflegefachpersonen telefonisch getätigt werden, gar nicht verrechnet werden können. Dies ist ein grosser Missstand, denn gerade Menschen mit chronisch psychischen Erkrankungen und Belastungen sind auf die Weiterführung der pflegerischen Betreuung und Beratung angewiesen.

Dies alles vor dem Hintergrund, dass Patientinnen und Patienten aufgrund der unsicheren Situation nicht weniger, sondern eher mehr Unterstützung brauchen. Für psychisch Kranke stellt die Bedrohung durch eine bisher unbekannte Viruserkrankung, die Isolation und die fehlende Tages-Struktur eine besondere Belastung dar, bei der sie professionelle Begleitung benötigen. Für die psychologischen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten ist die Fortführung der Versorgung Ihrer Patientinnen und Patienten ein grosses Anliegen – sei es wie bisher in den Praxen (unter Einhaltung der nötigen Vorsichts- und Hygienemassnahmen) oder auch per Telefon oder Videotelefonie. Die Wirksamkeit solcher Konsultationen auf Distanz ist sehr gut belegt.

Die FSP, der grösste Berufsverband von psychologischen Psychotherapeuten forderte deshalb bereits am 16. März vom BAG, die Beschränkung auf 240 Minuten pro sechs Monate vorübergehend aufzuheben. Die nun beschlossene Erhöhung der Limite auf 360 Minuten ist allerdings eine herbe Enttäuschung. Die FSP hält an ihrer ursprünglichen Forderung fest, die Limitierung ganz aufzuheben, wie dies bei der ärztlichen Psychotherapie geschehen ist. Die Stiftung Pro Mente Sana unterstützt diese Forderung.

Für Rückfragen:

  • Medienstelle FSP, 031 388 88 48, media [at] fsp.psychologie.ch
  • Medienstelle Pro Mente Sana, 079 303 25 38, m.wisler [at] promentesana.ch

Kommentare

Urs  Siegenthaler

Urs Siegenthaler

10/04/2020

Sehr geehrte FSP, sehr geehrte KollegInnen
Es ist beschämend, dass psychologische Psychotherapeuten und deren Patienten – gerade während der Covid-Krise – nicht gleichbehandelt werden sollen wie Psychiater und deren Klientel.
Wieso ist das so, Herr Thomas Christen, Vizedirektor und Leiter Direktionsbereich Kranken- und Unfallversicherung? Liegt es etwa daran, dass wir Psychologen einen 70%-igen Frauenanteil haben? Oder sind Sie der Auffassung, dass psychologische Psychotherapeuten ausschliesslich «leichte Fälle» betreuen?
Bedeutet das jetzt, dass ich PatientInnen der Risikogruppe (zB onkologische Patienten, MS-Patienten, Patienten mit Herzkreislaufbeschwerden, Diebetiker, Asthmatiker, etc.) zu Präsenzkonsultationen nötigen muss, um Dekompensationen zu verhindern? Oder soll ich sie alle auf den Notfalldienst verweisen, welcher jetzt schon am Anschlag ist? Oder soll ich diesen Patienten erklären, dass sie in den nächsten Monaten 6 telefonische Sitzungen erhalten, dann aber ihre Therapie abgebrochen wird?
Das hat mit Zweckmässigkeit gar nichts zu tun. Es heisst doch «Bundesamt für Gesundheit» und nicht Bundesamt für Diskriminierung (BAD) oder täusche ich mich?
Ich hoffe, man kommt rasch zur Besinnung.

Beste Grüsse
Urs Siegenthaler
Fachpsychologe

Barbara Sambuila

Barbara Sambuila

08/04/2020

Lieber fsp,

Ich bin froh über euer Engagement.. Merci de tout coeur!!
Meine Idee wäre es dass ihr nun unbedingt an mehrere Medien gelangen solltet..
So zb
10 vor 10, Rundschau,
Beobachter. Es kann nicht sein dass wir unsere Patientinnen nicht behandeln können.. Es ist unverschämt in einem Land wie der Schweiz 🇨🇭.. Dass wir die Menschen die es psychisch nötig haben nun im Stich lassen müssen!!
Somit.. Forza FSP, aventi!!
Grüsse von delegierte Psychotherapeutin
Barbara Sambuila sägesser

Cédric-Claude Boven

Cédric-Claude Boven

08/04/2020

Il semble que la psychothérapie prodiguée par les psychologues est à nouveau confirmée dans sa position de « parent pauvre »... - sommes nous (et nos patients avec nous) les victimes d’une conception qui rapprocherait plus la psychothérapie psychologique du développement personnel alors que la thérapeutique s’accorde avec la psychothérapie médicale? Si cette conception prévaut à Berne, je me surprends à craindre le pire quant aux revendications d’entrée de la psychothérapie psychologique dans la LAMal, qu’on nous fait miroiter depuis si longtemps! Peut-être s’agit-il aussi d’un problème de lobbying ....
Il est évident que cette question devra être tranchée, et rapidement, au-delà de la crise actuelle...

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