Der Leidenschaft folgen

Pascale Stehlin
Forschung
Psychotherapie
Verband
Magali Volery ist psychologische Psychotherapeutin. Die Genferin hat aber mehrere Eisen im Feuer.

Eine der Praxen, in denen Magali Volery arbeitet, befindet sich im Genfer Stadtteil Eaux-Vives. Die Psychotherapeutin ist in Genf geboren und gründete 2009 das Centre de consultations nutrition et psychothérapie (CCNP). Diese fachübergreifende Institution bietet eine ambulante Begleitung für Menschen mit Essstörungen oder Gewichtsproblemen an. Magali Volery leitet dort unter anderem zahlreiche Konsultationen und Supervisionen. Sie kann das, weil sie sowohl Therapeutin als auch Ernährungsberaterin ist. 
Aber um ihren Werdegang zu verstehen, müssen wir in ihrer Biografie ein wenig zurückgehen. Nach der Maturität schwankte Magali Volery zwischen mehreren Möglichkeiten: Sie war sehr an Psychiatrie interessiert, befürchtete aber mit der sie charakterisierenden Bescheidenheit, dass ihre schulischen Ergebnisse nicht für ein Medizinstudium reichen würden. Sie zog Psychologie in Betracht, was aber bei ihren Eltern nicht gut ankam. «Meine Mutter war Krankenpflegerin und mein Vater arbeitete in einer Bank. Für sie war Psychologin kein Beruf mit Zukunft. Sie befürchteten, dass er schlecht bezahlt würde und ich mich mein Leben lang ausschliesslich von Kartoffeln ernähren müsste.» Während ihrer Gymnasialzeit interessierte sich Magali Volery für Biologie und insbesondere für die Ernährung. Deswegen entschied sie sich für die Ausbildung zur Ernährungsberaterin an der Genfer Haute école de santé. Sie wollte einen «echten Beruf» erlernen, wie es sich ihre Eltern wünschten.
 

«Meine Eltern dachten, ich müsse mein Leben lang Kartoffeln essen.»

Zurück zur ursprünglichen Leidenschaft
Nachdem sie diese Ausbildung und mehrere Praktika absolviert hatte, rückte wieder die Psychologie in den Vordergrund und sie entschied sich, sich an der Universität Genf einzuschreiben, um ihrer echten Leidenschaft zu folgen: «Ich wollte in meinem Beruf authentische Beziehungen mit Menschen eingehen können. Mein Wunsch war es, in kleinen Teams zu arbeiten. Da war die Psychologie naheliegend.» Nach dieser Umorientierung war für Magali Volery klar: Sie möchte im Bereich Essstörungen arbeiten. Mit ihren zwei Ausbildungen als Ernährungsberaterin und Psychologin war sie auf darauf perfekt vorbereitet, und es kam hinzu, dass dort Fachkräftemangel herrschte. Sie verfügte über die praktischen und wissenschaftlichen Grundlagen, um zu wissen, was eine gesunde Ernährung für den jeweiligen Betroffenen ist. Und als Psychologin hat sie gelernt, wie sie Betroffene dabei unterstützen kann, das zu essen, was gut für sie ist. Dabei stützt sie sich auf die Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie. Heute ist sie für diese sich ergänzenden Kompetenz­bereiche bekannt. Und auf der Basis ihrer fundierten Erfahrungen gründete sie das interdisziplinäre Zentrum CCNP, das sie leitet. Magali Volery findet Essstörungen spannend, weil häufig ein Zugang zu anderen Problemen oder Fragen geschaffen wird. Ausserdem ist ihre Arbeit vielfältig und verändert sich ständig. 
Im Lauf der Jahre hat sie Veränderungen bei den Störungen beobachtet. Während es früher die häufigste Störung war, krankhaft abnehmen zu wollen, leiden immer mehr Patientinnen und Patienten an Ortho­rexie, also eine übermässige Beschäftigung mit der Qualität der Lebensmittel. Und es gibt mehr Männer unter den Patienten als früher. Was sie an ihrem Beruf am meisten erfüllt, ist den Patienten dabei helfen zu können, ihr Leiden zu überwinden und voranzukommen.
Eines der prägendsten Erlebnisse der Therapeutin war, als ein Patient mit einer Pistole in der Praxis erschien: «Ich dachte, ich würde jetzt sterben. Niemals zuvor hatte ich so grosse Angst gehabt!» Im Gespräch stellte sich dann heraus, dass er ihr die Waffe aushändigen wollte, um damit einen Suizid zu verhindern. Magali Volery erinnert sich auch heute noch lebhaft daran: «Seine Verzweiflung und sein Leiden berührten mich tief, und auch dass er mir in diesem entscheidenden Moment so viel Vertrauen entgegenbrachte. Beruhigt hat mich, dass ich ihm offenbar besser half, als er es sich erhofft hatte.» Seitdem setzt sich die Psychotherapeutin für mehr Sicherheit am Arbeitsplatz von Psychologinnen und Psychologen ein und beschäftigt sich derzeit mit den Umsetzungsmöglichkeiten.
Die 48-Jährige ist lernbegierig und sprudelt förmlich vor Energie. 2012 hat sie eine neue Herausforderung angenommen: Sie gründete mit dem Psychotherapeuten Eric Ferrand, der auch ihr Lebenspartner ist, eine neue Organisation, nämlich das Centre de consultations pour enfants, adolescents et familles (CCEAF), ein Beratungszentrum für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Die Institution erhielt die Anerkennung als Partnerorganisation des Kantons Genf und beschäftigt 35 Personen. Um das Zentrum bestmöglich verwalten zu können, hat die Psychologin erfolgreich einen Lehrgang in Gesundheitsmanagement an der Universität Genf absolviert. 
Als Verwaltungsdirektorin des CCEAF ist sie sowohl für die Personalverwaltung als auch für die Weiterentwicklung des Angebots verantwortlich: «Ich bin heute Leiterin dieses Zentrums, obwohl ich weder ein Mann noch ein Arzt bin. Ich würde mir wünschen, dass sich insbesondere Psychologinnen darüber bewusst werden, dass sie ihre eigene Institution gründen können.» Die Therapeutin ermutigt ihre Kolleginnen, sich dieser Herausforderung zu stellen: «Wir haben mit zwei Mitarbeitenden angefangen und konnten uns mit immer mehr guten Kolleginnen und Kollegen schrittweise weiterentwickeln, weil wir eine gemeinsame Vision hatten und zusammen ein Projekt verfolgt haben.» Dieses Abenteuer ist eine grosse Bereicherung: «Ich konnte mir nicht vorstellen, mich nur der Therapie zu widmen. Ich mag zwar den Kontakt zu meinen Patientinnen und Patienten, brauche aber auch andere Impulse, ich will neue Projekte starten und weiterentwickeln.» Auch die Wertschätzung des Personals in ihrem Zentrum ist ein wichtiger Aspekt für Magali Volery. Sie möchte die Beschäftigten in den Mittelpunkt stellen und ihnen Anerkennung entgegenbringen. So können sie ihr Bestes geben und das Wohlwollen den Mitarbeitenden gegenüber wird auch für die Patientinnen und Patienten spürbar. 

Einsatz für die Besserstellung des Berufs
Das für Magali Volery charakteristische Bedürfnis, sich weiterzuentwickeln, schlägt sich auch in ihrem Engagement in verschiedenen Verbänden nieder. Zunächst einmal ist sie Mitglied im Schweizerischen Verband für kognitive Psychotherapie (ASPCo). Sie sitzt aber auch im Vorstand des Genfer Psychologieverbands Association genevoise des psychologues (AGPsy), wo sie seit 2019 die Kommission für Psychotherapie leitet. 
In der FSP ist sie Mitglied aus Überzeugung. Die Anerkennung des Berufsstands liegt ihr am Herzen. Es ist ein Thema, über das sie sich häufig auch in den Medien äussert: «Die FSP leistet seit einigen Jahren hervorragende Arbeit und die Zusammenarbeit mit der AGPsy funktioniert sehr gut.» Mit Ungeduld erwartet sie die Einführung des Anordnungsmodells: «Ich freue mich darüber, dass es eingeführt werden soll. Es ist jetzt nur noch eine Frage der Zeit, denn dass es abgelehnt wird, ist nicht vorstellbar. Psychologinnen und Psychologen müssen mehr Unabhängigkeit bekommen und den Patientinnen und Patienten muss Zugang zu Therapie gewährt werden.» 
Neben der Arbeit in ihren beiden Praxen und ihren berufspolitischen Tätigkeiten findet Magali Volery noch Zeit, beim Jogging aufzutanken. Seit zwei Jahren hat sie auch wieder mit dem Klavierspielen begonnen, das sie als Kind gelernt hat. Dabei praktiziert sie Achtsamkeit: «Wenn ich spiele, blende ich alles andere aus, ein sehr angenehmes Gefühl.» Im Sommer geht die Liebhaberin des Genfersees gerne segeln: «Dem Wind und den Wellen zu lauschen und mich auf das Segeln zu konzentrieren, ist für mich eine andere Möglichkeit, in eine andere Welt einzutauchen und wieder Kraft zu schöpfen.»

Psychoscope

  • Bild
    psc4-21 cover

    Psychoscope 4/2021

    Medienpsychologie
  • Bild
    psc3-21 cover de

    Psychoscope 3/2021

    Schulpsychologie
  • Bild
    psc2-21 cover de

    Psychoscope 2/2021

    Helden auf dem Autismus-Spektrum
  • Bild
    Cover PSC1-21

    Psychoscope 1/2021

    Psychologie und Spiritualität

Kommentare

Kommentar hinzufügen