«Die Coronakrise bietet Raum zur Reflexion»

Aurélie Faesch-Despont
Forschung
Verband
Fördert die erlebte Gesundheitskrise das kollektive Bewusstsein für den Klimanotstand?

Die Coronakrise ist eine Gelegenheit, unser Verhalten und unsere Vorgehensweisen zu hinterfragen und uns besser auf die Herausforderungen des Klimawandels einzustellen.

Wie die Covid-19-Pandemie zeigt, sind wir in Notfällen durchaus dazu in der Lage, unsere Gewohnheiten schnell und radikal zu verändern. Weshalb ist es dann immer noch so schwierig, klimafreundlich zu handeln, obwohl wir uns der Bedrohung für unsere Erde durchaus bewusst sind? Lassen sich aus der erlebten Gesundheitskrise Lehren ziehen?

Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Pflicht
«Covid-19 und der Klimawandel sind zwar in manchen Aspekten vergleichbar, aber es gibt auch einige massgebliche Unterschiede», sagt Augustin Fragnière, Philosoph und promovierter Umweltwissenschaftler an der Universität Lausanne. Beim neuen Corona­virus handle es sich um eine sowohl räumlich als auch zeitlich unmittelbar bevorstehende Bedrohung. Der Klimawandel hingegen erscheine uns geografisch, zeitlich und emotional viel weiter entfernt, denn hierzulande sind die Auswirkungen noch kaum sichtbar, die schlimmsten Folgen werden in der Zukunft auftreten, und die am schwersten Betroffenen sind noch nicht geboren. «Obwohl die durch den Klimawandel ausgelöste humanitäre Katastrophe eine viel gefährlichere Bedrohung ist als Covid-19, führt diese psychologische Distanz gegenüber dem Ereignis dazu, dass wir tendenziell schwächer darauf reagieren.» 
Das Missverhältnis zwischen der Gefährdungswahrnehmung und der moralischen Pflicht, zu handeln, ist gross: «In beiden Fällen sind wir mit einer Bedrohung konfrontiert, die gewisse Gruppen auf unterschiedliche Weise betrifft», sagt Augustin Fragnière. Das neue Coronavirus gefährdet hauptsächlich ältere Menschen und Vorerkrankte. Der Klimawandel hin­gegen wirkt sich stärker auf Entwicklungsländer und auf die Ärmsten der Welt aus: «In beiden Fällen lautet der moralische Imperativ, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um die jeweiligen Bevölkerungsgruppen und ihre Grundrechte zu schützen. Bei Covid-19 haben wir dies getan, aber was das Klima betrifft, sind wir in Verzug. Diese Untätigkeit kann teilweise dadurch erklärt werden, dass uns der Klimawandel weiter entfernt vorkommt, aber auf keinen Fall kann dies eine Entschuldigung dafür sein, nichts zu tun.» 
Laut Augustin Fragnière muss für die Hoffnung auf eine Problemlösung in beiden Fällen das Verhalten von Millionen Menschen aufeinander abgestimmt werden und sich gleichzeitig verändern, wofür starke politische Massnahmen notwendig sind. Eine der erfreulichen Erkenntnisse aus der Gesundheitskrise ist für den Philosophen, dass die Regierungen ihre Handlungsfähigkeit unter Beweis gestellt haben, trotz der vorherrschenden Meinung, sie können nicht gegen die Wirtschaft ankommen. Und die Bevölkerung hat sich an die Massnahmen gehalten: «Zwar benötigen wir gegen die Klimakrise andere Massnahmen als gegen Covid-19, aber man müsste die Problematik der Klimakrise mit derselben Schlagkraft angehen. Wenn wir uns der Erderwärmung annehmen möchten, müssen wir uns mindestens so stark engagieren. Dieses Engagement muss sich aber auf die nächsten Jahrzehnte erstrecken, denn wir müssen die Wirtschaft schrittweise transformieren», sagt Augustin Fragnière. 

Gelegenheit zur Reflexion nutzen
Während den Ausgangsbeschränkungen konnte sich die Bevölkerung über die Auswirkung der Wirtschafts­tätigkeit auf die Umwelt bewusst werden. Allerdings ist zu befürchten, dass die alten Gewohnheiten schnell wieder aufgegriffen werden: «Ich befürchte einen gewissen Rebound-Effekt durch das Wiederhochfahren der Wirtschaft», sagt Augustin Fragnière. «Aber natürlich sollten wir die Gelegenheit ergreifen. Die  Coronakrise bietet uns Raum zur Reflexion, und wenn wir ihn nutzen, könnte sich dies als wertvoll erweisen.» 
Gregory Giuliani ist Dozent am Institut für Umweltwissenschaften der Universität Genf und Leiter des Projekts Swiss Data Cube. Auch er ist der Meinung, dass die  Coronakrise eine gute Gelegenheit bietet, das bestehende Modell zu überdenken und uns zu verändern: «Sauberes Wasser in den Kanälen von Venedig, die Wiederentdeckung der Sicht auf den Himalaja von verschiedenen Teilen Indiens aus – es gibt viele Belege dafür, dass die Natur wieder zu ihrem Recht kommen kann. Dies ist ein zentraler Moment für die kollektive Bewusstseinsbildung. Dank der Covid-19-Gesundheitskrise verfügen wir über die Mittel, der Politik und der Bevölkerung zu zeigen, dass mit geeigneten Umweltmassnahmen eine erhebliche Wirkung erzielt werden kann.» 

Unser Gehirn ist süchtig nach Überkonsum
Der promovierte französische Neurowissenschaftler Sébastien Bohler sagt: «Es muss jetzt darum gehen, die Reaktionsfähigkeit, die wir in einer kurzfristigen Notsituation gezeigt haben, auf längerfristige Herausforderungen wie den Klimawandel zu übertragen. Aber dafür haben wir keinerlei Mittel, weil unser Gehirn nicht entsprechend konfiguriert ist.» In seinem Buch Le bug humain (der menschliche Bug) stützt sich der Neurowissenschaftler auf zahlreiche wissenschaftliche Studien, die Belege dafür liefern, dass die tendenzielle Untätigkeit bei der Klimakrise auf das Belohnungssystem unseres Gehirns zurückzuführen sein könnte. 

«Unseren Konsum zu reduzieren, kann hohe Dosen an Dopamin ausschütten.»

Das Problem ist im Striatum angesiedelt, einer sehr alten Gehirnstruktur. Es versorgt unser Gehirn mit dem «Glückshormon» Dopamin, wenn wir unsere überlebenswichtigen Bedürfnisse befriedigen, indem wir essen, uns fortpflanzen, Macht erhalten oder einen gesellschaftlichen Status erreichen. Das Problem besteht heute darin, dass das Striatum ein Gehirn steuern muss, das mittlerweile intelligenter und leistungsfähiger geworden ist und für seine Tätigkeit immer mehr Belohnung verlangt. In unserer Überflussgesellschaft ist das Gehirn fast «süchtig» danach geworden und kann seinen Drang nach unmittelbarem Überkonsum nicht mehr kontrollieren. Dies gilt umso mehr, als es nur auf sehr kurzfristige Probleme reagiert: «Die für den Klimawandel notwendige rationale Bewusstseinsbildung wird vom präfrontalen Kortex gesteuert, der abstrahieren, etwas Neues entstehen lassen und kooperieren kann. Er kommt aber nicht gegen das Striatum an, welches von unseren unmittelbaren Begierden gesteuert wird.» Während der kürzlich in den europäischen Ländern angeordneten Ausgangsbeschränkungen mussten wir unsere instinktive Lust auf Bewegung und Konsum einschränken. Hierzu erläutert Sébastien Bohler: «In gewisser Weise ist das die Rückkehr des präfrontalen Kortex. Sein Beitrag war notwendig, um die Begierden des Striatums zu blockieren. Dies ist ungewohnt, weil wir in unserer Gesellschaft sonst immer das tun, was wir wollen. Nun ist es wichtig, dass wir die Wachsamkeit des präfrontalen Kortex in den nächsten Monaten oder Jahren aufrechterhalten.» 

Unser Belohnungssystem täuschen
Mit einem besseren Verständnis für die Funktionsweise des Gehirns kann es glücklicherweise besser gebändigt werden. Sébastien Bohler setzt auch auf andere Dopaminquellen: «Unseren Konsum zu reduzieren, kann hohe Dosen an Dopamin freisetzen, sofern wir unsere kleinen Freuden bewusster erleben. Dopamin wird dann nicht durch Quantität ausgeschüttet, sondern durch die Qualität der erlebten subjektiven Erfahrung.» Eine zweite Handlungsmöglichkeit ist Altruismus. Manche Studien haben ebenfalls gezeigt, dass Dopamin ausgeschüttet werden kann, wenn etwas geteilt wird (zum Beispiel eine Geldsumme). Allerdings sind Frauen hierfür sensibler als Männer, was wahrscheinlich mit den Unterschieden in der Erziehung zusammenhängt: «Mit einer gesellschaftlichen Norm, die altruistisches Verhalten allgemein wertschätzen würde, könnten wir den Strom des Glückshormons umleiten.» Ein dritter Lösungsweg besteht im Wissenserwerb durch Bücher, Lexika oder Museumsbesuche: «Eine Studie hat gezeigt, dass Kinder, denen diese Neugierde auf Wissen vermittelt wird, später genauso viel Dopamin ausschütten wie beim YouTube-Schauen oder beim Gamen.» 
Das Gehirn so zu «täuschen», setzt allerdings die Etablierung von anderen Werten voraus, bei denen die gesellschaftliche Wertschätzung der Menschen auf andere Weise gewährleistet wird als durch Konsum. Dies wird gerade von der jüngeren Generation gefordert, die sich heute aktiv für das Klima einsetzt: «Bei jungen Erwachsenen befindet sich das Gehirn noch im Aufbau. Daher hinterfragen sie ihre zentralen Werte stärker. Dies liegt insbesondere daran, dass sie weniger anfällig für die Mechanismen der kognitiven Dissonanz sind, die bei den älteren Generationen zur Verneinung führen können», sagt Sébastien Bohler. Hier nimmt die gesellschaftliche Norm der Mehrheit einen besonderen Stellenwert ein. Wie wir während der Coronakrise erlebt haben, können wir unser Verhalten radikal verändern, wenn wir den Eindruck haben, dass die Mehrheit der anderen dies ebenfalls tut: «Es ist notwendig, die Grundwerte unserer Gesellschaft zu hinterfragen und neue Bezugspunkte zu finden, von denen sich das gemeinsame Handeln leiten lässt. Wir müssen dem Materialismus den Rücken kehren und uns wieder tiefgründigeren Vorstellungen zuwenden. Unser Gehirn braucht Sinn, um überleben zu können, und ein solcher Sinn wird ihm von unserer heutigen Gesellschaft nicht ausreichend gegeben.»

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