Die Macht der Gewohnheit

Aurélie Faesch-Despont
Forschung
Verband
Denken Sie beim Zähneputzen an jede noch so kleine Bewegung, die Sie ausführen? Fragen Sie sich auf dem Weg zur Arbeit an jeder Strassenkreuzung, wo es langgeht?

Die meisten Alltags­entscheidungen könnte man auf den ersten Blick als Ergebnis reiflicher Überlegung ansehen. Die Wahrheit sieht jedoch anders aus. «Unser ganzes Leben ist nichts als eine Anhäufung von Gewohnheiten», schrieb ­William James 1899. Der amerikanische Psychologe und Philosoph verbrachte viel Zeit damit, menschliche Gewohnheiten zu ergründen. Doch erst in den letzten Jahrzehnten konnte die Wissenschaft klären, wie Gewohnheiten funktionieren. 

Wir nehmen von klein auf Verhaltensweisen an, die uns helfen, verschiedenste Situationen zu bewältigen. Diejenigen, die uns hilfreich und vorteilhaft erscheinen, verwandeln wir schliesslich in Routinen. So lassen sich kognitive Ressourcen sparen. Doch das hat einen Preis: Je stärker ein Verhalten zur Gewohnheit wird, desto weniger ist es uns bewusst. Habe ich auch wirklich das Bügeleisen ausgeschaltet? Beim Verlassen des Hauses die Tür abgeschlossen? Der Mangel an Aufmerksamkeit kann störend werden und selbst schlechten Gewohnheiten Tür und Tor öffnen. 

Ein neurowissenschaftliches Team des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA hat untersucht, wie das Gehirn einem Verhalten das Etikett «beibehalten» aufdrückt und eine Gewohnheit daraus macht. Die Forschungen von Kyle Smith und Ann Graybiel bestätigen, dass Gewohnheiten tief in unserer neuronalen Aktivität verankert sind und standardisierte Verhaltenssequenzen bilden. Anders als man meinen könnte, führen wir sie aber nicht automatisch durch. Die Neurowissenschaftler konnten nachweisen, dass das Gehirn die Kontrolle über routinemässige Verhaltensweisen nicht vollständig abgibt: Ein Teil des orbitofrontalen Kortex muss aktiviert werden, damit das jeweilige Verhalten ausgebildet wird und zutage tritt. Durch die künstliche Deaktivierung dieses Systems konnten die Forschenden bei Ratten Verhaltensformen unterdrücken und die Ausbildung von Gewohnheiten sogar verhindern.

Diese Experimente sind zwar noch nicht auf den Menschen anwendbar. Doch die Ergebnisse machen Hoffnung, dass wir der Macht der Gewohnheit trotzen und uns bestimm­te Routinen abgewöhnen können. Das gilt auch für Menschen, die unter einer Zwangsstörung leiden. Wenn die Wissenschaft versteht, wie Gewohnheiten funktionieren, kann sie nämlich mehr Kontrolle darüber gewinnen – und Störungen so besser behandeln.

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