Die Mad Pride wird zum landesweiten Event

Joël Frei
Verband
Vermischtes
Nach dem Erfolg der ersten Schweizer Mad Pride in Genf soll am 26. August eine zweite Parade in Bern stattfinden.

Er habe eine farbige, lebendige und positiv gestimmte Menschenmenge angetroffen, sagt Alfred Künzler zur ersten Mad Pride der Schweiz, die im Oktober 2019 in Genf durchgeführt wurde. Der Leiter der Koordinationsstelle des Netzwerks Psychische Gesundheit Schweiz (NPG), einer Organisation, die sich auf Bundesebene für die psychische Gesundheit einsetzt, reiste als Teilnehmer an und war sogleich angetan von der Lebensfreude und Festlichkeit der Parade. In Genf sei auf einer positiven Botschaft aufgebaut worden. Das Leitmotiv «Soyons nous, soyons fous!», auf Deutsch etwa «Lasst uns verrückt und wir selber sein!» wies eine humorvolle und positive Note auf.
 
Das Feiern von Normabweichungen ist kein neues Phänomen. Trotzdem stellte die Genfer Mad Pride ein Novum für die Schweiz dar. Erstmals zogen psychisch erkrankte Menschen, an ihrer Seite Angehörige, Fachleute und Sympathisierende, durch eine Stadt und wurden im öffentlichen Raum sichtbar. «Ich habe an der Mad Pride in Genf eine Aufbruchstimmung erlebt und liess mich von ihr anstecken», sagt Alfred Künzler. Die Teilnehmenden vermittelten der Gesellschaft, dass sie zu ihr gehören und dass sie so sein möchten und dürfen, wie sie sind.

Der Funke sei auch auf die Zuschauerinnen und Zuschauer übergesprungen: «Man sprach sie direkt an und verteilte Flyer. Sie zeigten sich sehr offen, liessen mit sich reden, schauten und hielten inne. Ich sah sehr viele freundliche, offene und zugewandte Reaktionen.» Dies habe ihn fasziniert und ihm gezeigt, dass viel Offenheit in der Bevölkerung vorhanden ist, sich mit den Themen psychische Krankheit und Gesundheit zu befassen. Dass ein Dialog zustande kam, sei den Organisatorinnen der Mad Pride zu verdanken, den Westschweizer Fach- und Betroffenenorganisationen Coraasp und Trajets. «Der positive Geist bei den Leuten, die den Anlass konzipiert und organisiert hatten, war spürbar. Sie haben es geschafft, ihn auch in die Menge hinüberzutragen», sagt Alfred Künzler. 
 
Genf inspirierte weitere Schweizer Mad Prides 
Diese eindrückliche und bewegende Erfahrung in Genf hat Alfred Künzler dazu motiviert, die Mad Pride auf Bundesebene zu etablieren: «Es wäre schade, wenn nur der französischsprachige Teil der Schweiz die Mad Pride geniessen könnte.» Zusammen mit den Pionierinnen in der Romandie schmiedet Alfred Künzler zurzeit an einer Allianz, welche die Mad Pride in die anderen Landesteile bringen soll.

Dafür wurde der Verein Mad Pride Schweiz gegründet, dessen Ziel es ist, jedes Jahr eine Parade in den verschiedenen Sprachregionen durchzuführen. Der Gesundheitsförderer sieht im Grossanlass viel Potenzial, Themen der psychischen Gesundheit einer breiten Öffentlichkeit näherzubringen. Nach wie vor würden psychische Erkrankungen tabuisiert und stigmatisiert. Psychisch kranke Menschen lösten noch immer Verunsicherung aus. Mit schweizweiten Mad Prides möchte er diesen Tendenzen entgegenwirken. «Entstigmatisierung und Enttabuisierung von psychischen Krankheiten sind die Hauptziele. Ich möchte aber noch ein drittes, positiv formuliertes Ziel hinzufügen, nämlich die selbstverständliche Pflege und Förderung der psychischen Gesundheit», sagt Alfred Künzler.
 
Die Vorbereitungen für die nationale Mad Pride laufen trotz der Coronakrise weiter. Zwar musste der Anlass, der 5000 Menschen aus der ganzen Schweiz anziehen soll, schon zweimal verschoben werden. Doch die Organisatoren bleiben optimistisch, dass das Fest voraussichtlich im Sommer 2021 stattfinden wird. «Geplant ist ein Marsch durch die Stadt Bern. Danach sollen auf dem Bundesplatz namhafte Künstlerinnen und Künstler auftreten, die hoffentlich die nötige Aufmerksamkeit erzeugen werden, um viele Leute anzulocken.»

Wichtig sei zudem, dass die Mad Pride eine Plattform für die Betroffenen bietet. «Die Teilnehmenden sollen sich in verschiedenen Kunstformen ausdrücken können, auch musikalisch. Es werden verschiedene Sängerinnen und Singer-Songwriter auftreten.» 

Unter den Künstlerkollektiven, die Lärm und Aufsehen erregen sollen, wird auch das Living Museum Wil vertreten sein. Psychisch Erkrankte können dort zu Künstlerinnen und Künstlern heranreifen. «Die Kunst wird an der nationalen Mad Pride eine wichtige Rolle einnehmen, weil viele psychisch kranke Menschen kreative Lebensarten suchen und sich nicht in gängige Schemata einordnen möchten.» 

Die Diversität soll Normalität werden
Die Genfer Parade vermittelte den Wert der gesellschaftlichen Vielfalt. In einer Gesellschaft, die von der Verschiedenheit lebt und in der psychisch Erkrankte als vollwertige Mitglieder anerkannt werden, würde die Diversität von psychischen Zuständen zur Normalität. An einer Mad Pride wird darum der Reichtum der Normabweichungen zelebriert: In der Parade drücken die Teilnehmenden ihren Stolz auf die gesellschaftliche Vielfalt aus, die sich in den unterschiedlichen Lebensentwürfen und Arten zeigt, die Welt wahrzunehmen und sich in ihr zu bewegen. In einer Gesellschaft, in der Vielfalt gelebt wird, können sich psychisch erkrankte Menschen nicht nur in sie integrieren, sondern sich im Sinne einer echten Inklusion auch als gleichwertig fühlen.
 
Alfred Künzlers Vision ist, dass die bewusste Pflege der Psyche als Gesundheitsförderung und Prävention so selbstverständlich wird wie das Zähneputzen. Dies sieht er – mit einem Augenzwinkern – im Jahr 2040 erfüllt. Dann werde es den Verein Mad Pride Schweiz nicht mehr brauchen und man könne ihn auflösen – weil es keine Stigmatisierung von psychisch Kranken mehr geben wird, oder weil sich die Mad Pride zu einem Volksfest gewandelt hat, mit dessen Werten sich eine Mehrheit identifizieren kann. 
 

«Es war fast schon ein Coming-out.»


Welche Ziele hatten Sie mit der ersten Schweizer Mad Pride verfolgt, die 2019 in Genf durchgeführt wurde?
Das Konzept entstand in den 1990er-Jahren in Toronto nach dem Vorbild der Gay Pride. Wir übernehmen die Idee, dass Randgruppen oft ein Etikett verpasst wird, und spielen damit, um die Stigmatisierung und das Tabu, mit dem psychische Krankheiten belegt sind, zu reduzieren. Die Bedeutung der psychischen Gesundheit soll herausgestrichen werden. Und wir haben auch mit einer psychischen Krankheit ein Recht auf einen Platz in der Gesellschaft. Zwar wurde einiges unternommen, es bleibt aber noch enorm viel zu tun. Psychisch Erkrankte sollen ein erfülltes Leben führen können und sich nicht ihrer Lebenslage schämen müssen.

Ist es nicht riskant, den abwertenden Begriff «verrückt» (mad) zu verwenden?
Als die erste Parade von den Betroffenen­organisationen Coraasp und Trajets geplant wurde, gab es darüber viele Diskussionen in den Vereinen und unter unseren Mitgliedern. Manche meinten, der Begriff sei zu negativ und mit überholten Vorstellungen behaftet. Diese Debatte war interessant, denn psychische Krankheiten müssen thematisiert werden, genau wie die Begriffe, die dafür verwendet werden. Unser Leitmotiv «Soyons fous, soyons nous!» war provokativ, aber dahinter steckte die Idee, diese Begriffe zu «normalisieren». Wir spielen mit ihnen: «Ich bin verrückt – na und?» 

Welche Bilanz ziehen Sie aus der Mad Pride?
Über 1000 Menschen nahmen teil, und sie war auf grosse Begeisterung gestossen. Es war nicht selbstverständlich für die Betroffenen, so durch die Strassen zu ziehen. Es war fast schon ein Coming-out. Doch es entstand ein buntes Gemisch und niemand wusste, wer Sympathisant ist und wer eine psychische Störung hat. Wir sind sehr zufrieden: Die Mad Pride hat viel Resonanz erhalten und in der ganzen Schweiz Interesse geweckt. Wir gründeten darum einen Verein, um die Parade zur Institution zu machen und sie abwechselnd in der Romandie und in der Deutschschweiz zu veranstalten.

Stéphanie Romanens-Pythoud von der Coraasp war Mitorganisatorin der ersten Schweizer Mad Pride in Genf.
 

Informationen:

www.madpride.ch

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