Die Militärpsychologin

Urs-Ueli Schorno
Berufspraxis
Verband
Nach ihrer Ausbildung ist Jana Bergamin in die Armee eingetreten. Damit ist sie als Psychologin keine Ausnahme.

Jana Bergamin ist Psychologin. Die Walliserin, die in Bern studiert hat und heute dort lebt, arbeitet seit dem Ende ihrer Ausbildung als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Dort zeichnet sie im Zentrum für Ausbildung für das Prüfungswesen der Bachelor- und Masterstudiengänge verantwortlich, bietet Studierendenberatungen an und ist an verschiedenen Projektarbeiten beteiligt. 

Während rund drei Wochen im Jahr aber tauscht die 28-Jährige ihre zivile Kleidung gegen einen Tarn­anzug. Denn: In dieser Zeit steht sie im Einsatz als Militärpsychologin beim Psychologisch-Pädagogischen Dienst der Armee (PPD A) mit Sitz in Thun. Dessen Aufgabe ist es, alle Angehörigen der Armee – Rekruten, Soldaten und Kader – in Belastungs- und Krisensituationen zu unterstützen und den Truppenarzt zu beraten.

Als Quereinsteigerin in die Armee
Jana Bergamin hat keine klassische Militärkarriere gemacht. Zum Militär gekommen ist sie durch eine vorherige – zivile – Stelle im Rekrutierungszentrum Sumiswald, wo sie während ihres Studiums bei Kader­beurteilungen mitwirkte. «Die Arbeit beim Militär habe ich schon immer spannend gefunden», sagt sie. Nach einem zivilen Praktikum beim PPD in Thun nach dem Masterabschluss habe sie sich dann vor rund zwei Jahren «militarisieren» lassen, wie es im Jargon heisst. Während das in den meisten Fällen im Rahmen der Rekrutenschule passiert, war das Verfahren für die Quereinsteigerin etwas anders: Jana Bergamin absolvierte drei Wochen Dienst in einer Rekrutenschule. Dazu sagt sie: «Die ersten Wochen gelten als die schwierigsten. Sie gaben mir einen guten Eindruck, was danach folgt.» Anschliessend folgte ein dreiwöchiger technischer Lehrgang, während dem sie auf ihre künftigen fachlichen Aufgaben vorbereitet wurde.
 
Man nutze im PPD die bestehenden Möglichkeiten aus, um zivile Personen in den Dienst zu integrieren, wirft ihr Vorgesetzter, Thomas Beyeler, ein. Ein wichtiger Grund dafür sei, dass für die Sicherstellung der Notfall- und Truppenpsychologie dringend Fachkräfte benötigt werden, die aber oft keine reguläre militärische Grundausbildung absolviert haben. Der PPD weist nämlich eine Besonderheit auf: Hier leisten im Vergleich zu anderen Formationen  überdurchschnittlich viele weibliche Armeeangehörige Militärdienst. Das gibt es sonst sehr selten bei der Landesverteidigung. Die Erklärung: «Drei Viertel der frisch ausgebildeten psychologischen Fachkräfte in der Schweiz sind weiblich. Es ist deswegen möglich, dass in Zukunft beim PPD mehr Frauen als Männer ihren Dienst leisten werden», sagt Thomas Beyeler. Anders als im Rest der Armee ist Jana Bergamin in ihrer Formation also kein Ausnahmefall.

Beratung, Ausbildung und spezielle Aufgaben
Die Aufgaben der Militärpsychologin und ihrer Kameradinnen und Kameraden bestehen zur Hauptsache in der Integrationsberatung der Armeeangehörigen, der psychologischen Unterstützung der Truppen sowie in der Führungsberatung von Kadern. «Unter Integrationsberatung sind alle Angebote zusammengefasst, bei denen Rekruten, Soldaten oder Führungskräfte Hilfe in schwierigen Situationen suchen, die während ihres Diensts besonders belastend sind», erklärt Jana Bergamin. «Ziel ist es, wann immer möglich, diese Leute im Dienst zu behalten.» Häufige Brennpunkte seien etwa der Umgang mit der Waffe, aber auch private Probleme oder die Balance zwischen Militärdienst und zivilem Leben. In Fällen, in denen eine weiterführende Hilfestellung, wie zum Beispiel eine Psychotherapie, notwendig ist, wird den betroffenen Personen erklärt, wie sie sich im zivilen Leben professionelle psychologische Hilfe holen können. In solchen Fällen ist die Dienstfähigkeit häufig nicht gegeben und Betroffene werden vom Arzt vorerst aus dem Dienst entlassen. Dann fungieren die Fachspezialisten des PPD häufig auch als Berater der Militärärzte.

Darüber hinaus gibt es weitere, dem Militär eigene Bereiche der Psychologie: etwa das in der Schweiz relativ neue Feld der Truppenpsychologie. So begleitete Jana Bergamin im Rahmen eines truppenpsychologischen «Pilotversuchs» Grenadiere während ihres jährlichen Wiederholungskurses, gewissermassen als «eingebettete Psychologin». Im Zentrum ihrer Arbeit standen die Theorievermittlung an die Truppen und wiederum die Unterstützung der Ärzte. «Bei der Truppenpsychologie geht es aber auch darum, wie sich die Einheiten auf ihre Einsätze vorbereiten oder wie sie verarbeiten, was sie während ihrer Einsätze erleben.» Im Rahmen der Ausbildung sollten die Grenadiere die notwendigen Strategien erlernen. Diesen Bereich wird der PPD A in den kommenden Jahren noch weiter ausbauen.

Die Pandemie als Ernstfall 
Eine anspruchsvolle Aufgabe in den vergangenen zwei Jahren war schliesslich auch die Pandemie. Aus ihr heraus ergaben sich besondere Situationen für die Armee, vor allem in der Frühlings-RS 2020. Während in einer regulären Rekrutenschule die Angehörigen der Armee meist an den Wochenenden ins zivile Leben zurückkehren, war dies besonders zu Beginn der Pandemie oft nicht möglich. «Viele Rekruten waren viel länger in den Kasernen und auf den Plätzen, als dies normalerweise der Fall ist», so Jana Bergamin. Dabei würden bewährte Coping-Strategien – etwa der Ausgang mit Kameraden oder das Gespräch mit Freunden am Wochenende – wegfallen. «Einige Rekruten konnten mehrere Wochen nicht nach Hause zurück. Solche Situationen sind natürlich schwierig», sagt die Psychologin. Es gelte dann, einen neuen Umgang mit Problemen zu erlernen. 

So schwierig solche Situationen auch sein können: Gerade der Einsatz während der Pandemie zeigt exemplarisch, was Jana Bergamin an ihrem Einsatz als Militärpsychologin so gefällt: «Schon kurz nach der Ausbildung gilt es ernst. Meine Arbeit besteht nicht aus Übungen, stattdessen werde ich sofort als Fachkraft eingesetzt und muss echte Probleme bewältigen.» Das mache es für sie als junge Psychologin spannend, weil sie schon früh mit der Praxis in Berührung komme. Darüber hinaus schätze sie an der Arbeit besonders die Kollegialität und die Möglichkeiten zur persönlichen Weiterentwicklung. «Bei mir ist in den letzten zwei Jahren schon sehr viel gegangen», resümiert sie. «Ich habe viel über mich selbst und über die Gesellschaft gelernt.»

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