Die Psychologie der Empörungsökonomie

Christian Fichter
Forschung
Verband
Medien brauchen Klicks, deshalb schüren sie Empörung – und ködern damit unsere Gedanken und Gefühle. 

Die Welt steht am Abgrund – könnte meinen, wer Medienberichte liest oder schaut. Doch offenbar wurde der Weltuntergang verschoben. Niemals zuvor gab es weniger Armut, Rassismus, Umweltverschmutzung und Krieg wie heute, schreibt der US-Psychologe Steven Pinker. Klingt erstaunlich, ist aber so, wie ein Blick auf die Zahlen bestätigt, etwa auf den Datenplattformen Ourworldindata.org oder Gapminder.org. Wie erklärt sich der Widerspruch zwischen Medienwirklichkeit und Realität? Meine These lautet: Dahinter steht das Geschäftsmodell der Empörungsökonomie. Medien schüren Empörung, um Aufmerksamkeit anzuziehen. Sie zeichnen die Welt in düsteren Schattierungen. Tun sie es nicht, droht ihnen der Konkurs.
 
Beispiel Rassismus. Gemäss einer Auszählung des Politikwissenschaftlers Zachary Goldberg wurden in der New York Times die Wörter «racism», «racist» und «racists» im Jahr 2019 siebenmal so häufig verwendet wie 2011. Natürlich hat der Rassismus in dieser Zeit nicht um das Siebenfache zugenommen. Auch wurden die Journalistinnen und Journalisten nicht siebenfach sensibler für das Thema – wenn das so wäre, würde dies einen bedenklichen Mangel an Moral im Jahr 2011 offenbaren. Ich befürchte, dass diese Entwicklung auf die Empörung zurückzuführen ist, die mit Berichten über Rassismus erzielt werden kann.
 
Die Bewirtschaftung von Empörung ist ein toxi­sches Nebenprodukt des digitalen Wandels. Empörung zieht, und die Algorithmen liefern immer mehr davon. Die Journalistenweisheit, dass schlechte Nachrichten gute Nachrichten sind, wurde längst empirisch bestätigt. Doch der brutale Wettbewerb zwischen alten und neuen Medien hebt den Negativitätsbias der Medienschaffenden auf eine neue Stufe. Er liess ein Anreizsystem entstehen, dessen wichtigstes Kriterium ist, dass die Medienkonsumierenden auf den Beitrag klicken.

Medienschaffende selber beklagen dieses System, sehen sich aber in ihm gefangen. Man könnte sagen, so ist es halt mit dem digitalen Wandel der Wirtschaft. Nur: Die Medienwirtschaft ist kein Wirtschaftszweig wie jeder andere. Medien sind systemrelevant, genau wie die Finanzwirtschaft und das Gesundheitswesen. Wenn sie bedroht sind, dann ist die Meinungsbildung bedroht und damit das Fundament unserer demokratischen, auf Eigenverantwortung und Zusammenhalt gebauten Gesellschaft. Wir müssen etwas tun.
 
Zunächst müssen wir die Emotion der Empörung verstehen. Experimente zeigen, dass Menschen emotionalen Stimuli mehr Aufmerksamkeit schenken als nicht emotionalen. Das gilt nicht nur für Medien­berichte, sondern allgemein: In einer Menschenmenge fokussieren wir automatisch auf die verärgerten Gesichter – worauf eine Kaskade schneller, automatischer Reaktionen folgt, die eine «kühle» Beurteilung der Situation erschwert. Empörung gehört zur Gruppe der moralischen Gefühle. Sie hat negative Valenz, wirkt aber dennoch anziehend, denn sie hat eine wichtige Funktion: Sie zeigt uns, wer gegen die Regeln unserer Gemeinschaft verstösst. Empörung motiviert uns, etwas gegen unfaires Verhalten zu unternehmen – selbst wenn wir persönlich nicht direkt betroffen sind.

So gesehen ist Empörung wichtig, um in Gesellschaften mit sippenübergreifendem Austausch Gerechtigkeit zu wahren – Empörung hat sich also über viele Generationen bewährt. Doch die Probleme unserer Zeit lösen wir nicht mit alten Werkzeugen. Unsere Moral entstand zu einer Zeit, in der Informationen über Normverletzungen nur aus dem eigenen Dorf kamen. Heute können wir unseren Newsfeed mit den Normverletzungen aus der ganzen Welt vollstopfen. Das überlastet unsere Fähigkeit, moralische Emotionen zu verarbeiten. 

Empörung will mitgeteilt werden
Empörung ist eine sekundäre Emotion, die auf Ärger basiert. Und auf Ärger sind wir besonders anfällig. Schon im Alter von zehn Wochen können wir ein ver­ärgertes Gesicht erkennen. Empörung zu unterdrücken geht also nicht. Zudem wird Empörung kulturell geformt: Wir lernen im Austausch mit anderen, worüber wir uns empören sollen. Deshalb verspüren wir das Bedürfnis, unser Empörtsein mitzuteilen, und deshalb tratschen und lästern wir so gern.

Empörung macht ausserdem anfällig für emotionales Schlussfolgern: «Ich fühle es, also muss es wahr sein.» Das stimmt zwar nicht, aber die Glorifizierung des Bauchgefühls birgt die Gefahr, dass sich Medienkonsumierende weniger Mühe geben, ihre Emotionen auf den Prüfstand der Vernunft zu stellen. Wer Empörung empfindet, entledigt sich nicht nur der Verantwortung, Emotionen mit kritischem Denken zu hinterfragen, sondern findet gleichzeitig Anschluss, Sicherheit und Zusammenhalt in der Gruppe der Empörten.

Unsere Veranlagung zur Sippenbildung wird von der Empörungsökonomie genährt, was alte Gräben in der Gesellschaft vertieft und neue aufreisst. Verkompliziert wird die Sache dadurch, dass empörungsträchtige Themen häufig Probleme beinhalten, die komplex sind und für die es keine eindeutige, klare Lösung gibt: Klimawandel, Rassismus, Gleichstellung und Migration. Mit ihnen lässt sich Empörung bewirtschaften. Viele Medien haben sich ganz diesen Themen verschrieben, auf beiden Seiten des politischen Spektrums.
 
Natürlich kann Empörung auch nützlich sein, etwa wenn gegen Lohnexzesse, Umweltverschmutzung oder Steuerhinterziehung mobilisiert werden soll. Nur wird die Mobilisierung mittels Empörung häufig übertrieben, denn genau wie ein Auto oder eine Limonade verkauft sich auch eine politische Botschaft besser mit Emotionen als mit Informationen. Die Folge davon ist, dass viele demokratische Entscheidungen nicht auf Basis von Faktenwissen zustande kommen, sondern auf dem Gefühl des Empörtseins.

Ironischerweise führt Empörung häufig nicht zur Lösung von Problemen, sondern zu deren Perpetuierung, denn wer sein Einkommen mit der Bewirtschaftung eines empörenden Themas verdient, hat ein ökonomisches Interesse am Fortbestand des Problems. Auf diesem Nährboden gedeiht eine blühende Selbstgeisselungsindustrie, die von Empörung durchtränkte Erweckungsbewegungen hervorgebracht hat. 
Inzwischen hat die Empörungsökonomie die Teppichetagen erreicht.

Manche Führungskräfte meinen, dass sie das Image ihrer Firma aufbessern können, wenn sie in den Chor der Empörten einstimmen und sich als Hüter der Moral aufspielen. Sie signalisieren öffentlich Tugendhaftigkeit bezüglich Umweltschutz und sozialer Gerechtigkeit, holzen aber trotzdem die Urwälder ab oder lassen zu, dass Kinder Kleider nähen. 

Empörung als Selbstzweck
Empörung neigt seit jeher dazu, sich von ihrem Gegenstand zu emanzipieren und zum Selbstzweck zu werden. Dann bilden sich Gruppen, die vor allem von der Empörung über die anderen zusammengehalten werden. Als Auslöser dieser Gruppenbildung dient oft eine reale Problematik, etwa der Klimawandel, doch diese tritt oft in den Hintergrund und dient nur noch als Kulisse für neo-religiöse Erweckungserfahrungen. Die Empörungsökonomie zeichnet das Bild einer Welt voller Ungerechtigkeit, Leid und Gefahr.

Eine Welt, die dringend einem fundamentalen Wandel unterzogen werden muss. Mit ihren Schreckensbotschaften macht sie Mediennutzende depressiv, spaltet die Gesellschaft und trägt zur politischen Radikalisierung bei. In den USA hat dies zur affektiven Polarisierung geführt, also zum zunehmenden Gefühl der Abneigung gegenüber den Anhängern anderer politischer Parteien.
Wir müssen uns «ent-pören»

Die anstehenden globalen Herausforderungen verlangen nach Klarsicht, doch Empörung trübt den Blick. Manche empfehlen Medienabstinenz, um der Empörung zu entkommen. Doch diese Empfehlung ist weltfremd und verträgt sich nicht mit unserem neugierigen Naturell. Wir könnten Empörung aus den Medien herausfiltern oder wir könnten sie verbieten. Doch Filter sind unzuverlässig, und Verbote schränken die Meinungsbildung ein.

Wir müssen lernen, uns zu «ent-pören». Wie in einer Psychotherapie besteht ein mündiger und nachhaltiger Umgang mit Empörung nicht primär durch Unterdrücken der Emotion, sondern durch einen bewussten, aufgeklärten Umgang damit. Wie das gelingen kann, zeigen Untersuchungen der US-Psychologin Jennifer Lerner, die sich mit dem Einfluss von Emotionen auf Entscheidungen befasst. Sie zeigte, dass eine Wartezeit zwischen Stimulus und Entscheidung sowie die bewusste Neubeurteilung des Stimulus den Affekt abkühlen können.

Psychologische Forschung muss nun zeigen, wie solche Massnahmen aus dem Labor in die konkrete Situation des Medienkonsums transferiert werden können. Wenn wir uns ausserdem bewusst machen, dass Empörung aktiv geschürt wird, und wenn wir Medien meiden, die durch übermässige Empörung auffallen, so vertiefen wir unsere Medienkompetenz und können die Umklammerung der Empörungsökonomie sprengen. 

Der Autor

Christian Fichter ist Sozial- und Wirtschaftspsychologe. Er leitet das Institut für Wirtschaftspsychologie an der Kalaidos Fachhochschule. Sein Interesse gilt der Psychologie wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklungen.

Kommentare

Kommentar hinzufügen