Ein grosser Teil der Bevölkerung hält sich spontan an die Abstands- und Hygieneregeln

Pascale Stehlin
Forschung
Verband
Englische Forschende analysierten das Verhalten der Menschen vor dem Inkrafttreten behördlicher Corona-Massnahmen. Sie wollten herausfinden, ob sich die Menschen an die neuen Begebenheiten anpassen.

Ganz zu Beginn der Coronakrise sammelte ein Team aus Spezialisten des Gesundheitsverhaltens von der Universität Genf Daten über die Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln. Sie wandten sich Grossbritannien zu, weil dort im Gegensatz zur Schweiz noch kein Lockdown verhängt worden war. Dies machte es möglich, die Verhaltensweisen vor dem Inkrafttreten behördlicher Massnahmen zu analysieren und sich auf die ersten und entscheidenden Phasen des Verhaltens zu konzentrieren.

Als Studiengrundlage wurde eine repräsentative Stichprobe von 1006 britischen Bürgerinnen und Bürgern gewählt. Die Studie umfasste eine Reihe von Fragen darüber, wie die von den britischen Gesundheitsbehörden empfohlenen Abstands- und Hygieneregeln befolgt wurden. Die Forschenden massen Variablen wie die wahrgenommene Anfälligkeit für Covid-19, den wahrgenommenen Schweregrad dieser Krankheit und eine Reihe weiterer Überzeugungen.

Die Forschenden stellten fest, dass sich ein grosser Teil der Bevölkerung spontan an die Abstands- und Hygieneregeln hielt. Die Information über das Vorhandensein einer Gefahr reicht demnach aus, um eine massive und schnelle Verhaltensveränderung herbeizuführen. Es handelt sich dabei um ein bereits bekanntes Phänomen, das auch in anderen aussergewöhnlichen Zeiten bereits beobachtet worden war, beispielsweise bei Ausbruch der Aids-Pandemie. Es gibt aber trotzdem Personen, die Widerstand geben. 

Die Studie zeigte: das Bildungsniveau, das familiäre Umfeld, das Alter und die in der Region gemeldeten Covid-Fallzahlen wirken sich nicht auf das Verhalten aus. Laut den Forschenden widerspricht dieses Ergebnis den Behauptungen, dass sich bestimmte Bevölkerungsgruppen wie etwa junge Menschen weniger streng an die Empfehlungen hielten als andere.

„Wenn niemand sich daran hält, weshalb sollte ich es dann tun?“ Je stärker die Testpersonen mit dieser Meinung übereinstimmten, desto weniger hielten sie sich an die Abstands- und Hygieneregeln. Und es gab noch einen weiteren Faktor, der die Einhaltung negativ beeinflusste: der sogenannte « Drop-in-a-Bucket-Effekt», also das Gefühl, der eigene Beitrag sei zu klein in Anbetracht des Ausmasses der Gefahr. Diese Studie bestätigt, dass soziale Dilemmas das Verhalten tatsächlich beeinflussen.

Es stellte sich auch heraus, dass diejenigen Testpersonen, die viele Sozialkontakte wie etwa am Arbeitsplatz haben, sich verletzlicher fühlen, dies aber ohne Auswirkung auf ihre Beachtung der Abstands- und Hygieneregeln bleibt.
 

Moussaoui, L., Ofosu, N., & Desrichard, O. (2020). Social psychological correlates of protective behaviours in the Covid‐19 outbreak. Applied Psychology.  doi: 10.1111/aphw.12235

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