Emotionalisierten Geschichten wird eher Glauben geschenkt

Forschung
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In Krisenzeiten – wie während einer Pandemie – tritt der Glaube, dass andere Gruppen heimlich zusammen­arbeiten, um maliziöse Ziele zu verfolgen (die Definition einer Verschwörungserzählung) häufiger auf.

Forschende gehen davon aus, dass gefühlter Kontrollverlust und ein erhöhtes Angstlevel die Menschen zur Annahme veranlasst, dass feindliche Kräfte im Spiel sein könnten. Sozial-
psychologe Jan-Willem van Prooijen von der Freien Universität Amsterdam hat nun einen weiteren Grund aufgezeigt, warum Verschwörungserzählungen attraktiv sein können.

Verschwörungserzählungen rufen nämlich eine stärkere emotionale Reaktion hervor als vergleichsweise langweilige Fakten. Dies fördere den Glauben an sie, insbesondere bei Menschen, die das Persönlichkeitsmerkmal «sensationshungrig» aufweisen.

In zwei Teilstudien lasen die Teilnehmenden entweder eine verschwörerische oder eine wahrheits­getreue Geschichte über den Brand der Kathedrale Notre-Dame in Paris (der in Wirklichkeit ein tragischer Unfall war, in der verschwörerischen Version wurde die Kathedrale aber absichtlich in Brand gesetzt) oder den Tod des US-amerikanischen Sexualstraftäters Jeffrey Epstein (der durch Suizid in seiner Zelle starb, in der verschwörerischen Version aber von mächtigen Leuten ermordet wurde). Schliesslich wurden alle Teilnehmenden gefragt, ob sie glaubten, dass hinter dem Brand oder dem Tod von Epstein eine Verschwörung steckte.

Die Forschenden stellten fest, dass die Teilnehmenden, die den verschwörerischen Text gelesen hatten, in beiden Fällen stärker an eine Verschwörung glaubten. Wichtig ist jedoch, dass der Verschwörungstext auch als unterhaltsamer eingestuft wurde, und es schien dieser «Unterhaltungswert» zu sein, der die Teilnehmenden letztlich zu einem stärkeren Glauben an die Verschwörung veranlasste.

In einer weiteren Teilstudie wurde der Zusammenhang zwischen dem emotionalen Charakter eines Texts und seinem Unterhaltungswert noch deutlicher. Diesmal lasen die Teilnehmenden entweder eine emotionsgeladene oder eine emotionslose Beschreibung einer fiktiven Wahl, ohne Bezug auf irgendwelche Verschwörungserzählungen. Der Text, der viele Emotionen transportierte, wurde als unterhaltsamer empfunden und löste auch eine stärkere emotionale Reaktion aus. Mehr noch: Auch wenn keine Verschwörungen erwähnt wurden, stimmten die Teilnehmenden, die den emotionsgeladenen Text gelesen hatten, eher Verschwörungsaussagen wie folgenden zu: «Bei der Auszählung der Ergebnisse wird es Betrug geben» oder «Eine Verschwörung wird den Wahlausgang bestimmen» – allerdings nur, wenn sie auch bei einer Messung ihres «Sensationshungers» relativ hohe Werte erzielten.

Das Fazit der Forschenden: «Die Ergebnisse zeigen, dass Sensationshunger den Glauben an spezifische und konkrete Verschwörungserzählungen zuverlässig vorhersagt.» Ihre Resultate deuten auf ein mögliches psychologisches Bedürfnis der Rezipienten von Verschwörungserzählungen hin. Diese Geschichten weisen einen Unterhaltungswert auf, der den Glauben an sie fördert. Dieser allein erklärt allerdings nicht, warum Menschen Verschwörungserzählungen anhängen.

van Prooijen, J., Ligthart, J., Rosema, S., & Xu, Y. (2021). The entertainment value of conspiracy theories. British Journal of Psychology. doi: 10.1111/bjop.12522

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