Carsten Mehl

Carsten Mehl

20/01/2020

Gestohlene Leben

Meine Mutter wurde 1921 geboren. Als die Nazis übernahmen war sie also 12, bei Kriegsbeginn 18, bei Kriegsende 24. Dann folgten die Jahre des Hungers und die kalten Winter. Sie war 42, als sie ihr erstes Kind bekam, mich. Da sie offenbar nicht verstand, was da passierte, und wohl auch, weil das Kind unehelich war - 1963 ein schlimmes "Vergehen" - wurde ich zwei Wochen nach der Geburt in einer Krippe unter gebracht, wo sie mich nach 18 Monaten raus nahm und ich ab dann bei ihr aufwuchs. Der Vater lebte woanders und verstarb, als ich vier war.

Von Anfang an war ich ein schwieriges Kind. Es war mir nicht möglich, Freundschaften aufzubauen. Stets hatte ich Ideen, die andere nicht verstanden. So lernte ich, mit mir selbst zurecht zu kommen und entwickelte schnell Beschäftigungen, die man allein ausführen kann. Denn auch zu meiner Mutter hatte ich wenig Bindung. Als ich zur Schule kam, war ich dort der, an dem man sich abreagiert, niemand hatte mir beigebracht, wie man sich wehrt, und ich war auch nicht besonders groß oder kräftig. Freunde hatte ich in der Grundschule keine. Erst auf dem Gymnasium fand ich Gleichgesinnte. Das waren Leute, die mich sofort zu quasi jedem Unfug anstiften konnten, und so dauerte es keine drei Jahre, bis ich vom guten Schüler zum Sitzenbleiber wurde.

Nach der Schule habe dann einige befristete Jobs gemacht, die ich meist schnell wieder kündigte. Oft war ich auf Reisen, meist mit dem Auto. Es ging dabei mehr ums Fahren, als ums ankommen. Später, als man sich Flugreisen leisten konnte, war ich viel in Asien unterwegs, aber auch dort nie lange an einem Ort. Viele Leute habe dabei nicht kennen gelernt. Es fällt mir ungeheuer schwer, Menschen anzusprechen, und wenn ich mal jemanden an der Angel habe, neige ich zum Kletten, sodass sie schnell wieder weg sind, doch ein paar feste Freunde hatte ich mit der Zeit schon, alles Looser, wie sich versteht.

Auch mit Frauen lief es nie lange gut. Als meine Freundin nach fünf Jahren, mit Abstand die längste Beziehung, Schluss machte, lag ich zitternd am Boden. Viele Jahre brauchte ich, um mich davon zu erholen. Natürlich habe ich auch immer reichlich Alkohol, Zigaretten und Cannabis usw. konsumiert, von Nikotin und Trinken bin ich aber seit vielen Jahren los, wie sich versteht in Eigenregie. Einem Therapeuten würde ich niemals vertrauen.

In den letzten 10 Jahren wurde es wieder stiller. Nach und nach fanden die Freunde meine Einstellungen immer seltsamer und zogen sich zurück. Seit einiger Zeit wohne ich nun sehr zurück gezogen. Niemand besucht mich. Mein einziger Kontakt sind drei Katzen, die ich über alles liebe. Nie klingelt das Telefon oder der Messenger. Einzig Twitter bietet noch etwas Reaktion. Wahrscheinlich ziehe ich die gelebte Einsamkeit der virtuellen vor. Denn auch wenn ich oft unter Leuten war, immer blieb ich am Ende allein zurück, denn die anderen hatten natürlich Familie und Jobs oder sonst was, das ich nie hin bekam. Nirgends passte ich wirklich hinein.

Ich habe einmal von einem Versuch mit Mäusen gelesen, bei denen Angstsituationen genetisch übertragen worden waren. Daher habe ich auch obigen Artikel mit großem Interesse gelesen. Sicher ist, dass meine Mutter schwer traumatisiert war. Die zerstörte Jugend, Bund Deutscher Mädchen, Bombenangriffe auf Hamburg, Nächte im Bunker, Ausbombung und Zwangsunterbringung in einer Fremdfamilie wo offenbar schlimme Dinge passierten, über die meine Mutter nie sprach.

Wenn mir heute jemand mit Faschismus kommt, was leider wieder sehr zugenommen hat, bin ich sofort auf 180. Mindestens. Es ist fast, als hätte ich die Gräueltaten selbst erlebt. Mein Mitgefühl für sämtliche Menschen, die überall auf der Welt wie Sklaven gehalten werden, misshandelt, entwürdigt, in Kriegen ermordet, ist unendlich. Ich selbst erleide ihren Schmerz. Es gibt Tage, da twittere ich gegen den Dreck an, bis ich Migräne und Kotzkrämpfe bekomme. Man hat das Gefühl, mit seinem Hass nicht allein zu sein, aber das ist natürlich ein Trugschluss und ersetzt kein reales Leben.

Trotzdem habe ich mich einigermaßen eingerichtet und kann so ganz gut Leben, solange nichts dummes passiert. Aber die Schwelle ich schon sehr niedrig. Ein Tiefflieger reicht schon, oder die Kriegspropaganda in Tagesschau, Spiegel und Welt, das hirnrissige Russia Bashing oder die widerliche Hetze von AKK. Wenn Nazis wieder die volle Macht übernehmen sollten, werde ich das sicherlich nicht ertragen können. Ich pflege zu sagen, ich habe Antifa in Blut und Genen. Viele sind es nicht mehr, die zur direkten Nachfolgegeneration der Faschismus Opfer zählen. In der Dritten Generation versteht man das nicht mehr. Das ist der Grund, warum viele heute wieder so kriegsgeil gemacht werden konnten. Sie ahnen nicht, was sie tun.

So, das war mal meine Geschichte zu diesem Thema, vielleicht ein Bisschen off topic, aber möglicherweise doch von Interesse. Ihr könnt damit machen was ihr wollt, ignorieren, veröffentlichen, ist mir egal. Ich bin der Meinung, alles was Menschen erdenken, sollte auch allen andern frei zur Verfügung stehen.

CM