FSP-Blog: erfolgreiche Traumatherapie

Miriam Vogel
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Flucht, Migration und Kriegstraumata oder Gewalterfahrung hier unter uns – hüben wie drüben schädigt dies unsere Psyche bis in den Körper hinein, bleibend – aber reparabel, nur wie?
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Miriam Vogel
Dr. phil.
Fachpsychologin für Psychotherapie FSP, Fachpsychologin für Klinische Psychologie und Fachpsychologin für Kinder- und Jugendpsychologie
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2020 bringt Rosmarie Barwinski, Professorin in Klinischer Psychologie, Privatdozentin an der Universität zu Köln und Leiterin des Schweizer Instituts für Psychoatraumatologie (SIPT) in Winterthur, die Antwort nach jahrzehntelanger Trauma-Forschung auf den Punkt: Entscheidend hilfreich ist eine Diagnostik und Behandlungsmethodik, die der individuellen Symbolisierungsstufe eines Patienten angemessen ist, dargestellt in ihrem Buch Steuerungsprozesse in der Psychodynamischen Traumatherapie

Laut Barwinski führt das Kombinieren von kognitionspsychologischen Konzepten und verhaltenstherapeutischen und psychoanalytischen Methoden zu nachhaltigem Therapieerfolg. Aber Achtung! Die einzelnen Methoden für sich alleine können eine Verschärfung der Leidenszustände riskieren, eine Retraumatisierung. Deshalb zeigt Barwinski in prägnanten Fallbeispielen, wie geschädigt die entwicklungspsychologisch gegebene Symbolisierungs- und Reflexionsfähigkeit bei Traumapatienten im Handeln, Denken und in der Beziehungsgestaltung sein kann. 
 

In einem sechsstufigen Therapie-Prozessmodell zeigt sie auf, welche Formen der Intervention wann Sinn machen, denn die Interventionsebene muss der Symbolisierungsstufe angepasst sein. Therapeutisch ist Barwinski in der Psychoanalyse verankert. Sie arbeitet mit den Konzepten zum Unbewussten, psychischer Symbolisierung, Bildung von Repräsentanzen, psychischer Regression bis zur Verschmelzung mit Täteranteilen, Formen der Spaltung und projektiver Identifizierung, Übertragung und Gegenübertragung, Ko-Konstruktion und Selbstreflexion. Dementsprechend hat sie die Trauma-Auswirkungen auf das kognitive, emotionale und soziale Verhalten bei ihren Patienten analysiert und hält in ihrer Einleitung zusammenfassend fest:  «Ich gehe davon aus dass der zur Genesung notwendige Wiederaufbau der durch Trauma zerstörten Selbststrukturen nur in der Beziehung möglich wird. Wie diese Beziehung gestaltet werden muss, ist abhängig davon, wo im Verarbeitungsprozess ein Traumabetroffener steht und welche Grundstörung bereits vor traumatischen Ereignissen vorlag.»

Barwinskis Empfehlung richtet sich sowohl an Psychoanalytiker wie an Verhaltenstherapeuten. Ihre Kenntnis beider Therapierichtungen verdeutlicht sie auch in ihrem therapieprozessorientierten Stufenmodell. Dieses ist an den Konzepten von Gottfried Fischer und Thomas Kesselring orientiert, die Jean Piagets kognitive Symbolisierungsstufen mit der emotional-sozialen Blockierung von Wahrnehmung und psychischer Verarbeitung in Antinomien verbanden. In Barwinskis Stufenmodell sind die verschiedenen traumainduzierten Erscheinungsbilder exemplarisch aufgelistet und drei charakteristischen Antinomien zugeordnet. Pro Erscheinungsbild gruppiert sie zudem die geeigneten Therapiemethoden von den bekanntesten verhaltenstherapeutischen und psychodynamischen Traumatherapieverfahren (Prolongued Exposure Therapy (PE), Cognitive Processing Therapy (CFT), Narrative Exposure Therapy (NET), Eye Movement Desensitization and Processing (EMDR), Strukturelle Dissoziation, Ego-State-Therapy, Psychodynamisch-Imaginative Traumatherapie (PITT), Ressourcenbasierte Psychodynamische Therapie traumabedingter Persönlichkeitsstörungen (RPT), Mehrdimensionale Psychodynamische Traumatherapie (MPTT)).   

Barwinski versteht ihr Buch im Dickicht der Traumatherapiemanuale als Kompass zur Orientierung von Therapeuten im individuellen Therapieprozess ihrer Patienten. Auch mir als langjähriger Psychoanalytikerin in freier Praxis, die nicht manualisiert arbeitet, hat ihre systematische Gliederung der Symbolisierungsfähigkeit während des therapeutischen Geschehens wichtige Türen geöffnet in meiner gewohnten Verständnissuche mit meinen Patienten. Ihr Buch kann ich daher wärmstens empfehlen. 
 

  

Barwinski, Rosmarie (2020): Steuerungsprozesse in der Psychodynamischen Traumatherapie. Stuttgart, Klett-Cotta. 

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