Gefängnismauern überwinden

Aurélie Faesch-Despont
Porträts
Verband
Viviane Schekter setzt sich seit 20 Jahren für Kinder von Inhaftierten ein. Ein Engagement, für das sie ausgezeichnet wurde.

In Europa leben schätzungsweise 2,1 Millionen Kinder von mindestens einem ihrer Elternteile getrennt, weil dieser inhaftiert ist. «Das entspricht der Grösse eines kleinen Lands. Eine Bagatelle ist das nicht», sagt die Psychologin Viviane Schekter. Die von ihr geleitete Stiftung Relais Enfants Parents Romands (REPR) unterstützt jährlich rund 250 Kinder in der Westschweiz. «Wir erreichen aber nicht alle Betroffenen.» Wie kann diesen Familien geholfen werden, wenn die Schweizer Haft–anstalten nicht in der Lage sind, die Zahl der Eltern unter ihren Häftlingen zu nennen? Mangels systematischer Erhebungen sind die entsprechenden Angaben in der Schweiz bis heute sehr lückenhaft. «Wir wissen, wie viele Wollschafe es im unteren Jura gibt, aber nicht, wie viele Kinder von Häftlingen in unserem Land leben.» Seit knapp 20 Jahren arbeitet Viviane Schekter mit ihrem Team aus elf Fachleuten aus verschiedensten Bereichen daran, die Familien von Inhaftierten zu informieren und ihnen Orientierung und Unterstützung zu geben. Nicht zuletzt, um dazu beizutragen, dass zwischenmenschliche Beziehungen trotz Gefängnismauern erhalten bleiben. Für diesen unermüdlichen Einsatz wurde sie dieses Jahr vom «Forum des 100» – dem Forum der 100 Persönlichkeiten, die die Romandie ausmachen – ausgezeichnet.

Bei der Berufswahl von Viviane Schekter spielten familiäre Einflüsse sicherlich eine Rolle. Ihr Vater, ein Psychiater, sprach immer mit viel Leidenschaft von seiner Tätigkeit in den Gefängnissen des Kantons Waadt. Als sie ihr Psychologiestudium aufnahm, hatte sie noch keine genaue Vorstellung davon, was sie später damit machen wollte. Nach dem Abschluss absolvierte sie ein Praktikum im Genfer Gefängnis Champ-Dollon. «Das war ein ganz schöner Sprung von der Theorie in die Praxis», erinnert sich die Psychologin. Sie war erst 21 Jahre alt und hatte noch keine grosse Lebenserfahrung. So arbeitete sie mit Frauen und Männern in Untersuchungshaft. Sie stellte sich oft die Frage, welche Rolle der Psychologin an einem Ort zukommt, der eng mit Sicherheits- und Justizbelangen verbunden ist. «Wann habe ich es eher mit dem Patienten oder der Patientin zu tun, wann mit dem Häftling?» Diese und ähnliche ethische Fragen beschäftigen sie auch heute noch. Damals konnte die junge Frau sogar an der Gründung der Schweizerischen Gesellschaft für Rechtspsychologie (SGRP) mitwirken. «Nach und nach haben wir eine gemeinsame Vision dessen herausgearbeitet, was einen Fachpsychologen oder eine Fachpsychologin für Rechtspsychologie ausmacht.» 
Viviane Schekter wechselte dann zum Amt für Bewährungshilfe des Kantons Neuenburg. Dort konnte sie mit Häftlingen Delikte aufarbeiten. Später war sie im Auftragsverhältnis als selbstständige Psychologin im Gefängnis Bellechasse im Kanton Fribourg tätig. «Meine Stellung war sehr prekär. Ständig fragte man sich, ob man gute Arbeit leistet – und vor allem, für wen man sie tut. Für die Gesellschaft? Für die öffentliche Sicherheit? Für die inhaftierte Person?» 

Die Familien stehen oft alleine da
Nach zehn Jahren Arbeit in Westschweizer Gefängnissen stiess Viviane Schekter 2012 auf eine Stellenanzeige von Carrefour Prison, heute REPR. Dieser Verein suchte damals eine Psychologin oder einen Psychologen für die Arbeit mit Menschen nach der Entlassung aus der Haft. «Das war eine grosse Herausforderung: Ich hatte die Wahl, weiter in Institutionen zu arbeiten und eine komfortablere Position einzunehmen, oder zu einer Organisation zu wechseln, wo man alles selber macht und nicht weiss, was der nächste Tag bringt.» Die Psychologin nahm die Herausforderung recht zuversichtlich an. Sie stellte aber auch ein paar Bedingungen. «Ich war mit vielen Familien konfrontiert, die angesichts der Inhaftierung eines Familienmitglieds allein dastanden. Es gab nur wenige Orte, an denen man von dieser abgeschotteten Welt sprechen konnte und das Gegenüber auch wusste, was dort ablief.» Darum schlug sie dem Verein vor, sich in erster Linie mit den Familien zu beschäftigen, die oft im toten Winkel der institutionellen Arbeit bleiben. Schon bald war die Psychologin von den Stärken der Arbeit in einer Stiftung angetan: «Man kann heute etwas beschliessen, es morgen umsetzen und übermorgen wieder ändern, falls es nicht wie geplant funktioniert.» Diese Stärke geht allerdings mit Schwächen einher – beispielsweise, wenn nicht sicher ist, ob am Monatsende Löhne und Miete bezahlt werden können. Es gehört zu ihrer Arbeit, Unternehmen, andere Stiftungen und Privatleute für Spenden zu gewinnen. «Die finanzielle Hilfe, die wir von manchen Kantonen erhalten, deckt gerade einmal die Hälfte unseres Budgets ab. Die nötigen Mittel aufzutreiben ist ein ständiges Bemühen.» Die Psychologin sieht diesen Status jedoch als grossen Vorteil an: «Für uns ist damit eine gewisse Freiheit und die Möglichkeit verbunden, Unterstützung aus der Zivilgesellschaft zu erhalten.»

Dem Kind die Gefängniswelt erklären
Viviane Schekter, heute Geschäftsführerin von REPR, setzt sich seit zwanzig Jahren für Kinder und Angehörige von Inhaftierten ein. Die Stiftung fokussiert ihre Arbeit auf drei Schwerpunkte: Information der Familien, Unterstützung für Kinder sowie Sensibilisierung und Weiterbildung. Sie verbringt viel Zeit als Vermittlerin: «Ich entschlüssle die Gefängniswelt für Kinder und gebe Informationen zu Belangen von Kindern an die Gefängniswelt weiter.» 
 

« Aus Scham tendieren viele dazu, sich zurückzuziehen. »

Die Stiftung bietet auf ihrer Website umfangreiche Informationen und hat ein kostenloses Beratungstelefon eingerichtet. Die Fragen, die gestellt werden, können praktischer Art sein: Darf ich Orangen mit ins Gefängnis bringen? Wie sieht der Besuchsraum aus? Wie komme ich vom Bahnhof zum Gefängnis? Es werden aber auch persönliche oder tiefgreifendere Fragen gestellt: Muss ich meinen Mann bei mir aufnehmen, wenn er Hafturlaub hat, obwohl unsere Beziehung zu Ende ist? Muss ich den Lehrern meiner Kinder sagen, dass ihr Vater im Gefängnis sitzt? «Aus Scham tendieren viele dazu, sich zurückzuziehen, weil sie nicht wissen, was sie ihrem Umfeld sagen sollen.»

Zudem hat die Stiftung in unmittelbarer Nähe jedes Westschweizer Gefängnisses Orte eingerichtet, wo die Familien vor oder nach dem Besuch hingehen können. Betreut werden diese Anlaufstellen von rund sechzig eigens geschulten Freiwilligen. REPR gibt zudem Broschüren für Kinder heraus und begleitet sie bei Besuchen im Gefängnis, veranstaltet Kreativ-Ateliers für inhaftierte Eltern und deren Kinder und vieles mehr. Das Kind steht dabei im Mittelpunkt. «Das Kind ist unser Dreh- und Angelpunkt», sagt Viviane Schekter und lächelt. «Im Strafvollzug gibt es viele unterschiedliche Interessen, die sich manchmal – aber längst nicht immer – unter einen Hut bringen lassen. Bei der Planung eines Treffens zwischen einem inhaftierten Vater und seinem Kind sollte immer das Wohl des Kinds im Vordergrund stehen.» An demselben Tag führt die Psychologin oft unterschiedlichste Telefonate: etwa mit einer Mutter, die wissen möchte, ob sie ihrem Ehemann einen Geburtstagskuchen ins Gefängnis bringen darf. Mit einem Gönner, der überzeugt werden muss, den geplanten Scheck auszustellen. Mit einem Gefängnisdirektor, den es in einer zähen Verhandlung zu überzeugen gilt, dass ein Kind sein Kuscheltier mitbringen darf. Ihr Alltag weist keine Routine auf, was sie motiviert, dieser Arbeit nachzugehen. «Was ich in meinem Studium gelernt habe, hilft mir noch heute: beim Umgang mit Behörden, Kolleginnen sowie Spendern. Und nicht zuletzt bei ethischen Fragen und bei der Kommunikation.»

Die Psychologin setzt sich seit einigen Jahren auch für die Weiterbildung des Personals im Strafvollzug ein. Dabei geht es ihr darum, bei den Fachleuten im Justizvollzug das Bewusstsein für die Psychologie und Kinderrechte zu schärfen. Die Zusammenarbeit mit den Haftanstalten trägt bereits Früchte. Die Situation hat sich in den letzten fünfzehn bis zwanzig Jahren erheblich verbessert. «Der Fokus der Justizvollzugsanstalten liegt auf der öffentlichen Sicherheit. Das ist aber nicht ihre einzige Aufgabe. Die Resozialisierung gehört auch dazu. Allmählich wächst das Bewusstsein dafür, dass es für alle von Vorteil ist, wenn die Beziehungen zum engsten Familienkreis während der Haft aufrechterhalten werden. Denn diese Menschen werden bei der Entlassung eine wichtige Rolle spielen.» 
Viviane Schekter, die seit 2013 stellvertretende Vorsitzende von «Children of Prisoners Europe» ist, engagiert sich ebenfalls auf europäischer Ebene. Auch da bewegt sich einiges. Der Europarat veröffentlichte 2018 Empfehlungen, mit denen die Mitgliedsstaaten angehalten werden sollen, die Rechte und Interessen von Kindern inhaftierter Eltern zu wahren. 

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