Geht Beziehung auch auf Distanz?

Pascale Stehlin
Verband
Durch die Abstandsregel sind Begrüssungsrituale durcheinandergebracht worden. Warum sind sie und damit auch der Körperkontakt so wichtig?

Kein Kuss zur Begrüssung, kein Händedruck zum Abschied und keine Umarmungen mehr. Seit Beginn der Coronakrise mussten wir unsere Gewohnheiten in Bezug auf Begrüssungen und körperliche Nähe stark verändern. Die Abstandsregel brachte es mit sich, dass einige der verinnerlichten Gesten, die wir früher täglich ausführten, nun nicht mehr erlaubt sind. Der vorübergehende Wegfall verursachte zunächst eine Art Unbehagen, vielen fehlte etwas, und schliesslich wurde von einigen Fachleuten bekräftigt, wie wichtig diese Rituale im Sozialisierungsprozess sind.

Zu diesen Fachleuten gehört Fabienne Martin-Juchat, Professorin für Kommunikation an der französischen Université de Grenoble-­Alpes und Anthropologin. Unter anderem erforscht sie, wie sich Menschen im Umgang mit anderen verhalten und nonverbal miteinander kommunizieren: «Die Gesundheitskrise, die wir derzeit erleben, zeigt, wie wichtig diese kleinen automatischen Gesten sind, die wir ausführen, ohne uns dessen bewusst zu sein. Durch die Pandemie müssen wir uns nun einen Teil unserer sonst unbewussten Sozialität bewusst machen. Und das ist eine wichtige Erkenntnis.» Die neuen Einschränkungen, die zur Bekämpfung des Virus zur Anwendung kommen, bringen laut der französischen Forscherin unsere gesellschaftlichen Konstrukte und Normen ins Wanken: «Der Mindestabstand, der Wegfall von Berührungen und das durch die Masken veränderte Äussere bringt unsere Art, mit anderen Menschen zu kommunizieren, stark durcheinander­.»

Die physische Distanz wurde in den 1960er-Jahren vom US-Anthropologen Edward Hall erforscht. Die zugehörige Forschungsdisziplin heisst Proxemik und Fachleute in diesem Gebiet haben nachgewiesen, dass sich der physische Abstand je nach Kultur stark unterscheidet. So kommen physische Kontakte beispielsweise in Japan seltener vor als in Afrika. Dieser Abstand richtet sich aber auch nach dem jeweiligen Ort und der Art der Beziehung. Während in den öffentlichen Verkehrsmitteln ein geringerer Abstand toleriert wird, fühlen sich dieselben Menschen in geschlossenen Räumen wie Aufzügen unwohl, wenn sie über zu wenig Platz verfügen. Wie wir in Anwesenheit anderer Menschen unsere Räume nutzen, bestimmt unsere Identität. Vor der Krise war es ganz natürlich, dass zwei Freundinnen eng beieinanderstanden. Angestellte eines Unternehmens hingegen nahmen ihren Vorgesetzten gegenüber einen grösseren Abstand ein, ohne dies zu hinterfragen. Diese kulturellen Konventionen erlernen wir in der Kindheit und sie regulieren die körperliche Beziehung zwischen den Menschen: «Wenn ein Meter Abstand zwischen den Personen vorgeschrieben wird, bleibt dies nicht ohne Folgen. Es ist eine starke Einschränkung, die eine ständige Selbstkontrolle erfordert, und dies ist anstrengend. Deshalb tritt bei manchen Menschen eine körperliche und kognitive Ermüdung auf», erklärt Fabienne Martin-Juchat.

Dasselbe gilt für Berührungen, die uns als spontan erscheinen mögen, in Wahrheit aber auch ein soziales Konstrukt sind. Nehmen wir das Beispiel, wie ein Kind ein anderes Kind beim Spielen an den Haaren zieht. Dieses Verhalten erklärt Frau Martin-Juchat wie folgt: «Hier kommt das natürliche Verhalten des Kindes zum Ausdruck, das noch nicht sozialisiert ist. Es hat noch nicht gelernt, dass es die anderen Kinder körperlich respektieren muss. Wir lernen diese Berührungsregeln in der Erziehung und sie ermöglichen uns ein harmonisches Zusammenleben.» Gesten wie etwa der Händedruck spielen also eine grundlegende Rolle. Durch die physische gemeinsame Präsenz signalisieren wir unserem Gesprächspartner, dass er nicht angegriffen wird. 

Hin zu einer kontaktlosen Gesellschaft?
Aber was ist mit den anderen Gesten, mit denen wir vor der Coronakrise unsere Zuneigung, Zärtlichkeit oder Sympathie signalisiert haben? Gehören die Hand auf der Schulter und die Umarmung endgültig der Vergangenheit an? Physischer Kontakt ist für unser psychisches Wohlbefinden essenziell wichtig. Dies wurde in zahlreichen Studien gezeigt. Durch physischen Kontakt entsteht ein Gefühl der Sicherheit in der Beziehung, und berührt zu werden oder einen anderen Menschen zu berühren, wirkt beruhigend. Es handelt sich also um ein Grundbedürfnis. Schaffen wir es, über einen längeren Zeitraum darauf zu verzichten? Fabi­enne­ Martin-Juchat erklärt: «Das Sicherheitsgefühl, das bei körperlichem Kontakt in Beziehungen entsteht, ist nicht oberflächlich, sondern steht im Mittelpunkt der menschlichen Beziehungen.» Durch die Krise müsse nun die sogenannte «phatische Funktion» der Sprache, die auf die Beziehung ausgerichtet ist, neu gestaltet werden. «Wir müssen etwas anderes finden, mit dem wir Unterstützung, Vertrauen und Wohlbefinden zum Ausdruck bringen können. Wir durchleben also einen Wandel. In Kulturen mit wenig Abstand benötigt diese Anpassung grössere Anstrengungen.»

Es sind in dieser schwierigen Zeit neue Begrüssungsformen entstanden, und einige bereits bekannte Rituale kamen wieder vermehrt auf. Etwa das fernöstliche Namaste, der Faustgruss, der Fuss- oder Ellen­bogengruss, Winken mit Abstand oder mit der Hand angedeutete Küsse. In der App TikTok sind zum Beispiel viele Videos zu sehen, in denen sich Jugendliche mit den Füssen begrüssen. Diese Praxis hat jedoch keine allgemeine Verbreitung gefunden, denn sie setzt ein gewisses Mass an Geschicklichkeit voraus und hat eine kindliche Seite, die nicht für alle Altersgruppen geeignet ist. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ihrerseits hat einen Leitfaden mit Best Practices für den Ersatz unserer Begrüssungsgewohnheiten veröffentlicht. Darin empfiehlt sie beispielsweise, die Hand auf das Herz zu legen.

Emmanuel Schwab ist Lehrbeauftragter am Institut für Psychologie und Pädagogik an der Universität Neuenburg und Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychologie in Biel. Er geht davon aus, dass sich die neuen Rituale nicht alle allgemein verbreiten werden: «Viele begrüssen sich mit dem Ellenbogen. Unter Jugendlichen, insbesondere bei männlichen, funktioniert das gut, weil diese Begrüssungsart männlich wirkt. Paradox daran ist allerdings, dass empfohlen wird, in den Ellenbogen zu niesen, und wenn derselbe Ellenbogen zum Niesen und zum Begrüssen verwendet wird, wirft dies Gesundheitsfragen auf. Die Behörden müssten also darauf hinweisen, dass zum Beispiel in den linken Ellenbogen geniest und mit dem rechten begrüsst werden soll.» 

Die Krise habe gezeigt, wie anpassungsfähig die Menschen sind: «Auf die Phase des Erschreckens, in der wir unsere Gewohnheiten aufgeben mussten, folgt nun die zweite Phase, in der wir kreativ und erfindungsreich werden. Es gibt zum Beispiel einen Laden, in dem die Verkäuferinnen und Verkäufer sich dazu entschlossen haben, immer morgens zu tanzen und dabei die Abstandsregeln zu beachten. Mit diesem Ritual konnte das Team gemeinsam lachen, weil sich einige sehr unbeholfen bewegten. Vor allem war es so möglich, aktiv etwas zu tun, anstatt sich von der Angst vor dem Virus lähmen zu lassen. Die übliche Reaktion auf Gefahr ist das Erstarren, also der Reflex, sich in An­betracht einer drohenden Gefahr nicht zu bewegen.» 

Laut Emmanuel Schwab sind wir durch diese sehr ungewöhnliche Situation unserer üblichen Vorgehensweisen beraubt und es ist enorm wichtig, das Thema bereits vor dem Kontakt zur Sprache zu bringen: «Darüber zu sprechen, ist eine grosse Hilfe. Auf diese Weise entschuldigen wir uns dafür, dass wir uns nicht die Hand geben können, und wir sprechen über die Situation. Es ist eine Art, dem Gegenüber mitzuteilen, dass wir beide mit dieser gemeinsamen Gefahr konfrontiert sind und versuchen werden, zusammen etwas zu erfinden, damit wir uns trotzdem treffen können.» Der Psychologe zieht die Parallele zu unserer Gewohnheit, in Unterhaltungen über das Wetter zu sprechen. Ob es regnet oder kalt ist, betrifft uns alle. Für das Virus Sars-CoV-2 gilt dasselbe: «Wir sprechen über diese Situation, die uns betrifft und negative Gefühle auslöst. Die Tat­sache, darüber zu reden und die Situation mit Worten zu beschreiben, führt bereits zum Aufbau eines gemeinsamen Beziehungsraums. Die Kommunikation bleibt somit erhalten, aber das Register hat sich vom Nonverbalen auf das Verbale verlagert.» 

Ein Provisorium, das andauern könnte 
In diesen Monaten kamen auch hybride Rituale auf. So haben viele wieder damit begonnen, sich zur Begrüssung zu küssen, allerdings nur mit wenigen, bekannten Personen: «Viele haben sich in ihrem privaten Umfeld wieder per Kuss begrüsst. Sich dabei auf einen kleinen Personenkreis zu beschränken, war bereits eine Veränderung des Rituals. Dies zeigt, dass wir stärker darüber nachdenken, dass die anderen uns anstecken könnten.» Diese Beobachtung bestätigt auch die Anthropologin Fabienne Martin-Juchat: «Für viele Frauen war es eine Erleichterung. Insbesondere im beruflichen Umfeld hatte es eine Unzahl von Begrüssungsküssen gegeben. Bei manchen Frauen war das Gefühl entstanden, dass ihnen diese Geste aufgezwungen wird.» 

Wir wissen zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht, welche Rituale wir wiederaufnehmen und welche wir endgültig aufgeben werden. Als vorläufigen Ausgleich für den derzeitigen Mangel an Nähe und Berührung empfiehlt Fabienne Martin-Juchat, freundlicher mit­einander umzugehen und unserem Gegenüber auf diese Weise unser Wohlwollen zu bekunden: «Es ist wichtig, den anderen Menschen die Angst vor der Gefahr zu nehmen, für die ein Unbekannter mit Maske stehen kann.» Die Körperhaltung ist ebenfalls entscheidend. Es ist auch mit Abstand möglich, eine offene und freundliche Haltung einzunehmen. Auch die stimmliche Intonation kann ein nützliches Instrument sein. Leider sind wir in diesem Anpassungsprozess nicht alle gleich weit fortgeschritten. Für manche kann es schwierig sein, ihre Gefühle auszudrücken, anderen wiederum mag es schwerfallen, das Nonverbale mit dem Verbalen auszugleichen. 

Mit unserer Stimme und unseren Gesten Zuneigung entgegenbringen


Wie reagieren Ihre Patientinnen und ­Patienten auf die Abstandsregel? 
Manche erleben es nicht als schlimm, ich denke dabei insbesondere an die phobischen oder obsessiven Menschen. Andere hatten den Eindruck, in der Isolation nicht mit dem eigenen Leiden verstanden zu werden. Sie merken nun, dass die anderen dasselbe durchmachten. Für wieder andere ist es eine Katastrophe, weil sie nach Beziehungen suchen. Schwierig ist es auch für diejenigen, die ihre Verwandten nicht mehr sehen können, zu Risikogruppen gehören oder im Ausland leben. Physischer Kontakt ist ein menschliches Grundbedürfnis. Immer, wenn wir jemanden in den Arm nehmen, schüttet unser Gehirn Endorphine aus, die die Bindung stärken. Es beruhigt uns und deaktiviert unser Alarmsystem. Wenn wir langfristig ohne Kontakte leben, kann sich chronischer Stress einstellen.

Wie können wir die fehlende Nähe ­kompensieren?
Manche Patientinnen und Patienten sind dankbar dafür, Haustiere zu haben. Sie zu berühren, tut ihnen gut. Um die fehlende Nähe auszugleichen, empfehle ich, mithilfe der Rain-Übung (Recognize-Allow-Investigate-Nurture) Empathie und Wohlwollen zu entwickeln. Dabei geht es darum, die eigenen schmerzhaften Gefühle zu erkennen, sie auch dann zuzulassen, wenn sie unangenehm sind, und auf neugierige Weise die Empfindungen und Gedanken zu erforschen, die von Einsamkeit und Traurigkeit ausgelöst werden. Im letzten Teil der Übung geht es um das Mitgefühl für unseren leidenden Teil. Wir können auch nonverbal kommunizieren, etwa über den Gesichtsausdruck. Wenn wir jemanden nicht umarmen dürfen, können wir ihn anlächeln und ihm mit unserer Stimme und unseren Gesten Zuneigung und Sympathie entgegenbringen. Manche meiner Patientinnen und Patienten nutzen diese Zeit auch für mehr Achtsamkeits- und Entspannungsübungen./pst

Jacques Soult ist Psychiater und Psychotherapeut in Biel

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