Geld stinkt nicht

Aurélie Faesch-Despont
Forschung
Verband
«Pecunia non olet» – Geld stinkt nicht, ist eine lateinische Redewendung, die dem römischen Kaiser Vespasian zugeschrieben wird.

Dieser wollte die finanzielle Lage der Stadt verbessern und erhob eine Urinsteuer. Urin war damals wertvoll und wurde in den öffentlichen Toiletten gesammelt, um ihn für die Färber aufzubewahren, die ihn zum Entfetten von Tierhäuten und zur Stoffproduktion verwendeten. Als sich Vespasians Sohn über die Urinsteuer beschwerte, hielt Vespasian ihm ein Geldstück unter die Nase und fragte ihn, ob ihn dessen Geruch störe. Natürlich roch das Geld nicht schlecht. Er wollte damit zeigen, dass die Herkunft des Gelds nicht entscheidend ist.
Der Geruchssinn ist der Sinn, der sich wissenschaftlich am schwierigsten erklären lässt. Im Jahr 2006 gelang einem Forschungsteam der Virginia Tech in Blacksburg (USA) der Nachweis, dass Geld tatsächlich keinen Geruch aufweist – solange es noch niemand angefasst hat. Forschungsgegenstand war «der metallische Geruch», den wir riechen, wenn wir eine Münze in die Hand nehmen. Es zeigte sich, dass dabei kein Molekül im Spiel ist, sondern der Geruch sich aus einer chemischen Reaktion von organischen Rückständen auf der Haut ergibt und das Gehirn dies mit Metall in Verbindung bringt. Geld stinkt also definitiv nicht. Ob die Herkunft des Gelds eine Rolle spielt oder nicht, ist eine moralische Frage, bei der wir auf unser Gewissen hören müssen. 
Interessant ist, dass Gerüche unseren Umgang mit Geld beeinflussen können. Der US-amerikanische Psychiater und Neurologe Alan Hirsch versprühte in den Spielsälen zweier Casinos in Las Vegas mehrere Tage lang jeweils einen Geruch. Ein drittes Casino diente als Kontrollgruppe. Bei dem Versuch wurden die eingesetzten Geldbeträge mit und ohne Geruchseinwirkung verglichen. Es zeigte sich dabei, dass bei einem der Gerüche mehr als 45 Prozent mehr Einsätze gespielt wurden (das Rezept für diesen Geruch bleibt allerdings sein Geheimnis). Am Samstag, als die Konzentration des Geruchs am stärksten war, waren die Mehreinsätze sogar noch höher, nämlich satte 53 Prozent.
Der französische Verhaltensforscher Nicolas Guéguen hat sich ebenfalls mit der Wirkung von Gerüchen beschäftigt. Er fand mit seinem Versuch heraus, wie sich die Kundschaft von Supermärkten zur Fleischtheke leiten lässt: mit Brathähnchengeruch. Analog dazu geht die Kundschaft zum Süsswarenregal, wenn sie den Duft von geschmolzener Schokolade riecht. Dieser sensorischen Verführung ist nur schwer zu widerstehen. Die Marketingspezialisten haben den Effekt gut verstanden und setzen immer stärker auf Düfte, die Geld einbringen.

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