Heterosexuelle Norm belastet gleichgeschlechtliche Paare

Aurélie Faesch-Despont
Forschung
Verband
Paare bewältigen Stresssituationen leichter, wenn sich die Beteiligten gegenseitig unterstützen und einander zuhören.

Das gilt auch für homosexu­elle Paare. Was sie von anderen Paaren unterscheidet, ist allerdings, dass sie permanent mit einer Stigmatisierung konfrontiert sind. In Zeiten mit erhöh­tem Stress kann dies zur Folge haben, dass Homosexuelle die Unterstützung durch ihre Partnerin oder ihren Part­ner kritischer wahrnehmen. Dies zeigt eine Studie von Nathalie Meuwly, Psy­chologin an der Universität Freiburg und Autorin eines Artikels, der kürzlich in der Zeitschrift Couple and Family Psychology erschienen ist.
Nathalie Meuwly beschäftigte sich mit dem Bild, das Homosexuelle von ihrer eigenen sexuellen Identität haben. Dieses kann negativ gefärbt sein, da sie sich aufgrund ihrer sexuellen Identität diskriminiert fühlen. Man spricht in diesem Fall von verinnerlichtem He­terosexismus. Für die Studie wurden 68 gleichgeschlechtliche Paare etwa über Websites oder via E-Mail rekrutiert. Die Befragten sind in der Schweiz wohnhaft, mindestens 20 Jahre alt und seit mehr als sechs Monaten in der Beziehung. Um die Paarmechanismen zu erfassen, verwendeten die Forschenden mehre­re Instrumente: Fragebögen, tägliche Messungen der Unterstützung und Be­obachtung der Interaktionen zwischen den Partnerinnen und Partnern. Um den Grad des verinnerlichten Hetero­sexismus der einzelnen Personen zu bestimmen, mussten sie sich gegenüber der folgenden Aussage positionieren: «Ich frage mich oft, ob andere mich wegen meiner sexuellen Orientierung verurteilen.» 
Die Wissenschaftlerin wollte dann wissen, wie dieser verinnerlichte He­terosexismus die gegenseitige Unter­stützung bei Paaren beeinflusst. Das Er­gebnis? Unter normalen Bedingungen besteht kein Zusammenhang zwischen dem Bild, das sich die Beteiligten 
von ihrer sexuellen Identität machen, und der Zufriedenheit in der Bezie­hung sowie der Wahrnehmung der gegenseitigen Unterstützung. Besteht hingegen eine Stresssituation, neh­men die stärker von verinnerlichtem Heterosexismus betroffenen Personen die Unterstützung durch ihre Partne­rin oder ihren Partner negativer wahr. Nicht eindeutig ist, ob die Partnerin oder der Partner tatsächlich weniger Unterstützung bietet. Doch die Psycho­login Nathalie Meuwly zieht folgenden Schluss: «Stressreiche Situationen scheinen die verinnerlichte Stigmati­sierung durch die sexuelle Identität zu aktivieren. Sie löst ein Unbehagen aus, das die Bewältigung von belastenden Situationen erschwert.»

Studie

Meuwly, N., & Davila, J.(2021). Associations between internalized heterosexism and perceived and observed support in same-gender couples. Couple and Family Psychology: Research and Practice. doi: 10.1037/cfp0000199

Kommentare

Die Kommentare sollen einen konstruktiven Dialog ermöglichen und die Meinungsbildung und den Ideenaustausch fördern. Die FSP behält sich das Recht vor, Kommentare zu löschen, die nicht diesen Zielen dienen.

Kommentar hinzufügen