Ich-Auflösung durch Zauberpilze - Die Schlüsselrolle von Glutamat

Joël Frei
Forschung
Verband
Testpersonen, die an Studien teilnehmen, die das therapeutische Potenzial von Psychedelika wie LSD oder vom in Zauberpilzen enthaltenen Psilocybin erforschen, berichten oft von einem Gefühl der «Ich-Auflösung», das zumeist einen wohltuenden Effekt hervorruft.

Doch welche neurochemi­schen Mechanismen stehen hinter diesem Phänomen? In einer placebokontrollierten Studie mit 60 Probandinnen und Probanden konnten Forschende um Natasha Mason von der niederländischen Maastricht University erstmals am Menschen zeigen, dass durch Psilocybin die Menge des Neurotransmitters Glutamat im medialen präfrontalen Kortex ansteigt und sich dafür im Hippocampus verringert. Beiden Hirnregionen kommt bei einer psyche­delischen Erfahrung eine wichtige Funktion zu.

Sechs Stunden nach der Einnahme des Psilocybins berichteten die Versuchs­personen anhand von zwei Inventaren – eines erfasste die Veränderung des Bewusstseinszustands und das andere die Ich-Auflösung – von ihren psyche­delischen Erlebnissen.

Während der Anstieg des Glutamats im Kortex bei den Testpersonen mit unangenehmen Gefühlen wie dem Verlust der Kontrolle über ihre Gedanken und Entscheidungen sowie Angstgefühlen einherzugehen schien, rief seine Verringerung im Hippocampus Gefühle der Verbundenheit mit der Welt und spirituelle Erfahrungen hervor. Der Hippocampus enthält unsere wichtigste Gedächtnisstruktur.

Frühere Forschung zu den Effekten psychedelischer Substanzen auf die Muster der Gehirnkonnektivität hatte nahegelegt, dass eine vorübergehende Verringerung oder gar der Verlust des Zugangs zu Erinnerungen über unser Leben zu einer «Schwächung des Ichs» beitragen könnte.

Die Ergebnisse zeigen nun, dass die Veränderung des Glutamatspiegels im Hippocampus Schlüssel in diesem Prozess sein könnte. Die neuen Daten geben indirekte Hinweise darauf, dass Psychedelika die Neuroplastizität im Kortex erhöhen könnten, indem sie das Glutamat erhöhen, schreiben die Forschenden. Wenn dies zuträfe, könnte dies zum Verständnis beitragen, wie mit psychedelischen Substanzen psychische Erkrankungen wie Depressionen behandelt werden könnten. 

Noch unklar ist aber, ob die unangenehmen Aspekte der Ich-Auflösung, wie etwa die von den Testpersonen erlebten Angstgefühle, tatsächlich mit dem Glutamatanstieg im Kortex zusammenhängen. Um die einer psychedelischen Erfahrung zugrunde liegenden neurochemischen Prozesse vollständig zu verstehen, ist noch viel Forschungsarbeit erforderlich. Die neue Studie trägt aber dazu bei und könnte bei der Entwicklung neuartiger Therapieformen eine Rolle spielen.

Mason, N., Kuypers, K., Müller, F., Reckweg, J., Tse, D., Toennes, S., Hutten, N., Jansen, J., Stiers, P., Feilding, A. & Ramaekers, J. (2020). Me, myself, bye: regional alterations in glutamate and the experience of ego dissolution with psilocybin. Neuropsychopharmacology. doi: 10.1038/s41386-020-0718-8

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