Im Herzen der menschlichen Beziehungen

Aline Jaccottet
Verband
Bei der Systemischen Therapie dreht sich alles um die Beziehungen eines Menschen mit seinem Umfeld. Mit seiner über 30-jährigen therapeutischen Erfahrung ist Pierre Kahn Meister dieser Methode «Meine Arbeit ähnelt der eines Dirigenten. Ich kann mich nicht mit den Federn des Orchesters schmücken», sagt Pierre Kahn.

Ein Dutzend Kinderzeichnungen zieren die Wände von Pierre Kahns Praxis in Mendrisio TI. Auf einer sind ein Haus und die Sonne zu sehen, auf einer anderen das mit Bleistift geschriebene Wort «grazie». Im Raum, der sowohl als Büro als auch als Therapiezimmer dient, stehen sechs Stühle: fünf für die Mitglieder einer Familie, einer für Pierre Kahn.

Der Bruder als Vorbild

Pierre Kahn – das ist ein Mann mit blauen Augen, graumeliertem Haar und elegantem blauem Sakko. Seinen französischen Vornamen hat er von seinem Vater bekommen, den Schweizer Pass von seiner Mutter. In seinem melodischen Akzent klingt seine Kindheit in Italien an. Der Therapeut sagt von sich, er sei eine Mischung aus drei Ländern. Als Jugendlicher interessierte er sich mehr für Fussball als für die Schule. An seinem Lausanner Gymnasium schaffte er die Maturität nur mit Ach und Krach – für ihn ein «Trauma». Dann kam die Zeit der richtungsweisenden Entscheidungen.

Er hatte das Gefühl, «kein guter Wissenschaftler zu sein», interessierte sich weder für Wirtschaft noch für Politik oder Recht und entschied sich schliesslich für die Psychologie. Dabei dürfte auch sein starker und komplexer familiärer Kontext eine Rolle gespielt haben: «Mein älterer Bruder hat das Down-Syndrom. In den 1960er-Jahren wurde meinen Eltern gesagt, dass er höchstens 14 Jahre alt werden würde. Vor Kurzem hat er seinen 61. Geburtstag gefeiert.» Dieser Bruder war für Pierre Kahn ein Vorbild für den Überlebenskampf, gleichzeitig aber auch Auslöser von indirektem Leid: «Meine Eltern haben sich natürlich überwiegend mit ihm beschäftigt, und alle Erwartungen lagen auf mir», erklärt er.

Pierre Kahn studierte an den Universitäten Lausanne und Genf, spezialisierte sich auf Klinische Psychologie und arbeitete im Anschluss an sein Studium von 1983 bis 1987 beim kinderärztlichen Dienst in Yverdon. Seine Mentorin hatte einen grossen Einfluss auf seine Karriere: «Sie sagte mir: ‹Du hast ein grosses Potenzial. Glaube an dich.›» Nach nur vier Monaten vertraute sie ihm eine Familie an: «Das Kind hiess Jordan. Es stammte aus einem relativ abgeschotteten ländlichen Milieu im Norden des Waadtlands, in dem nicht viel gesprochen wurde», erinnert sich der Therapeut.

Pierre Kahn hätte seine Karriere wahrscheinlich in der Romandie fortgesetzt – wenn ihm nicht eine Tessinerin dazwischengekommen wäre. Er verliebte sich in sie, folgte ihr in ihren Heimatkanton und machte in Milano eine Weiterbildung in Familienpsychotherapie: «Ich musste zuerst mein ganzes Fachvokabular auf Italienisch umstellen und neue Kontakte knüpfen – das war nicht einfach! Dafür konnte ich aber Angebote entwickeln, die es damals noch kaum oder gar nicht gab», erzählt Pierre Kahn. Er trug damit zur Erweiterung des Angebots der kinderpsychiatrischen Abteilung des Spitals Mendrisio bei. Auch gründete er im dortigen Gymnasium einen psychologischen Dienst. Damit wollte er in Schwierigkeiten geratenen Jugendlichen helfen. Das Modell wurde später von anderen Gymnasien im Kanton übernommen. 1990 war er Mitbegründer der Società Ticinese di Ricerca e Psicoterapia Sistemica (STIRPS), in der die meisten Therapeutinnen und Therapeuten, die sich für den systemischen Ansatz interessieren, miteinander verbunden sind.

Die affektiven Beziehungen im Fokus

2002 entschloss sich der Therapeut dazu, in Mendrisio eine eigene Praxis zu eröffnen, die bald im ganzen Kanton Tessin bekannt wurde. Pierre Kahn behandelt rund siebzig neue Fälle pro Jahr mit dem systemischen Ansatz, der in den 1950er-Jahren in den USA entwickelt wurde. Es handelt sich um ein Denksystem, mit dem der Mensch in seiner Komplexität begriffen werden kann: «Ganz besonders geeignet ist dies bei den jüngsten Patientinnen und Patienten, die noch sehr von ihrem Umfeld abhängig sind. In der Systemischen Therapie interessieren wir uns stark für die affektiven Beziehungen, die für den jeweiligen Menschen wichtig sind», erklärt Pierre Kahn. «Es geht darum, ein Verständnis für den Beziehungsrahmen, die Art der im Zeitverlauf aufgebauten Verbindungen und deren jeweilige Funktionsmängel zu entwickeln. Aus Sicht der Systemischen Therapie ist es nämlich für die Lösung eines Problems nicht ausreichend, dessen tiefliegende Gründe zu begreifen und dabei auf den betroffenen Menschen konzentriert zu bleiben, wie es in der Psychoanalyse geschieht. Beim systemischen Ansatz arbeiten wir daher mit dem gesamten Umfeld zusammen, also den Lehrern, Logopäden, Kinderärzten und natürlich auch mit der Familie.» Pierre Kahn unterstreicht: «Die Einbindung der Eltern und Geschwister in die therapeutische Arbeit beschleunigt den Therapieprozess.»

«Die Einbindung der Eltern und Geschwister in die therapeutische Arbeit beschleunigt den Therapieprozess.»

Sich von seiner Traurigkeit lösen

Obwohl Pierre Kahn auf Kinder und Jugendliche spezialisiert ist, sind etwa 30 Prozent seiner Patientinnen und Patienten Erwachsene. So die Tessinerin Sara (Name geändert), die als Kind ihre Mutter, als Jugendliche ihren Vater und als Erwachsene ihre beiden Schwestern verlor. Heute ist sie 60 Jahre alt und weist darauf hin, dass man nicht nur wegen einer Krankheit zu einem Psychologen gehe: «Es ist manchmal notwendig, sich an einen aussenstehenden Mediator wenden zu können, der der Familie etwas Positives übermittelt, auch wenn es schwierig ist.» Pierre Kahn, den sie oft konsultiert hat, half ihr dabei, an ihrer Trauer zu arbeiten, anstatt sie für sich selbst zu behalten.

Die therapeutische Arbeit kann aber an ihre Grenzen stossen: «Meine Arbeit ähnelt der eines Dirigenten. Ich kann mich nicht mit den Federn des Orchesters schmücken, sondern dieses nur so gut wie möglich begleiten », stellt Pierre Kahn klar. Dies versuchte er mit einer etwa 40-jährigen Patientin, deren Schicksal ihn sehr betroffen gemacht hatte: «Sie starb an Darmkrebs, den sie teilweise darauf zurückführte, dass sie niemals mit ihrer Familie sprechen konnte und ihre Gefühle immer in ihrem Inneren eingeschlossen lassen musste. » Pierre Kahn begleitete sie bis fünf Tage vor ihrem Tod dabei, sich ihrer Familie zu öffnen: «Bei dieser intensiven und befreienden Arbeit habe ich mich zugleich als wichtig und sehr machtlos empfunden. Ich begleite Personen nur für eine begrenzte Zeit. Dabei
versuche ich, das Bestmögliche zu tun.»

Partnerschaftliche Therapiebeziehung

Pierre Kahn hat von den reinen Launen «schwieriger» Kinder bis hin zu sehr komplexen Problemen von Jugendlichen bereits alles gesehen. Derzeit beobachtet er eine Zunahme der Ängste und des Unsicherheitsgefühls bei seinen jüngsten Patientinnen und Patienten: «Der aktuelle Kontext löst Stress aus. Die Eltern haben grosse Angst vor Arbeitslosigkeit und auch die Nachrichten im Fernsehen sind beängstigend.» Die jüngsten Kinder in der Praxis von Pierre Kahn sind gerade mal drei oder vier Jahre alt. Jüngere Kinder behandelt der Familientherapeut, indem er mit ihren Eltern arbeitet:
«Beispielsweise habe ich den Eltern einer Zweijährigen geholfen, als diese ihre Trauer über den Tod des Grossvaters väterlicherseits nicht überwinden konnte. Das Kind habe ich dabei gar nie getroffen», erklärt er.

Während der Sitzungen wird gespielt und gezeichnet, hauptsächlich aber verbal kommuniziert: «Kinder haben grössere Fähigkeiten, als wir denken. Sie sind durchaus in der Lage, etwas zu verstehen und sich auszudrücken», stellt der Therapeut fest. Seinen Zugang zu den kleinen Patienten vergleicht er mit einem Hauseingang: «Wie ich die Eingangstür beim ersten Treffen öffne, ist entscheidend für den weiteren Verlauf.» Um möglichst rasch eine Bindung aufzubauen, hat er einige Tricks parat: «Ich merke mir zum Beispiel die Vornamen der Geschwister und lasse sie in die Therapie einfliessen. Dass ich diese Namen kenne, beeindruckt die Kinder immer», sagt er und schmunzelt.

Pierre Kahn sieht die Patientenbeziehung als Partnerschaft. Insbesondere gilt dies für seine jüngsten Patientinnen und Patienten: «Das Kind ist der beste Mittherapeut. Ich sage immer, dass wir das Problem gemeinsam angehen werden. Und wenn etwas funktioniert, vergesse ich nicht, darauf hinzuweisen, dass wir die Idee gemeinsam hatten.» Damit hat er Hunderte junge Menschen und ihre Familien wirksam behandelt. «Einmal sagte ein Kind: ‹Mein bester erwachsener Freund ist Pierre Kahn.› Das ist wirklich Gold wert!»

Name: Pierre Kahn
Beruf: Fachpsychologe für Psychotherapie und Kinder- und Jugendpsychologie FSP
Kompetenzen: Taucht gerne in die Komplexität der Systemischen Therapie ein, hat keine Angst vor der Begegnung mit einer ganzen Familie, beobachtet den nonverbalen Ausdruck und nimmt sich Zeit zuzuhören

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