Krisenarbeit will gut vorbereitet sein

Ralph Wettach und Esther Luder
Berufspraxis
Verband
Im Kanton St. Gallen ist nach einem Mord an einem Lehrer eine Kriseninterventionsgruppe eingesetzt worden. Die notfallpsychologische Unterstützung in Krisen gehört heute zur Professionalität der Schulen.

Es ist der erste Schultag nach den Sommerferien in einer Landgemeinde im sankt-gallischen Toggenburg. Die Kinder der ersten bis sechsten Klasse strömen ins Dorfschulhaus. Es geht lebhaft zu, alle haben etwas zu erzählen, draussen scheint die Sonne. Noch wissen die Kinder nicht, dass zwei ihrer Kameraden nicht mehr in die Schule kommen werden.

Das muntere Schwatzen verstummt, als die Lehrpersonen in die Schulzimmer treten. Alle spüren, dass heute kein normaler Start in den ersten Schultag ist. Die Kinder erfahren, dass zwei ihrer Kameraden am vergangenen Samstag bei einem Autounfall tödlich verunglückt sind. Nur die Mutter der Kinder hat überlebt. Die Schulleitung holt sich in dieser anspruchsvollen Situation Unterstützung beim Schulpsychologischen Dienst des Kantons.

In der Schweiz bieten Schulen den Kindern und Jugendlichen neben der Stoffvermittlung vielfältige soziale Lernerfahrungen. Sie sind hierzulande grundsätzlich ein sicherer und wohlwollender Ort. Aber Schülerinnen und Schüler erleben manchmal auch schwierige und traurige Ereignisse: Mobbing, eskalierende Konflikte, Gewalt oder Todesfälle machen vor den Türen der Schulen nicht halt.

Modelle der Krisenintervention in Schulen
Sind Lehrpersonen, Schulleitungen oder Eltern mit besonders herausfordernden Situationen konfrontiert, genügen die schulinternen Ressourcen nicht immer. Wenn externe Fachpersonen des Schulpsychologischen Diensts mit Erfahrung in der Krisenarbeit zeitnah und niederschwellig beigezogen werden können, führt dies rasch zu einer Entlastung im betroffenen System. Die Themen der Krisenintervention lassen sich grob in vier Bereiche gliedern: notfallpsychologische Unterstützung in unerwarteten Krisen, Gewaltthematiken, Konfliktbearbeitungen, Belastungssituationen und Jugendkrisen.

Die Bewältigung von Krisen in Schulen ist unterschiedlich geregelt und in den meisten Kantonen bieten die schulpsychologischen Dienste Unterstützung direkt vor Ort an. Die Organisationsformen sind vielfältig: Es gibt interdisziplinäre Krisenteams auf Schul- hausebene mit Einbezug der zuständigen schulpsychologischen Fachperson, wie beispielsweise im Kanton Waadt, oder psychologische Bereitschaftsdienste wie im Wallis. Bei anderen schulpsychologischen Diensten sind spezialisierte Gruppen für die Krisenarbeit zuständig, zum Beispiel in den Kantonen Aargau oder Thurgau.

In der Regel erfolgt deren Tätigkeit zusätzlich zur üblichen Beratungs- und Diagnostikarbeit, sodass eine rasche Reaktion eine gute Organisation erfordert: Gegebenenfalls müssen mehrere Termine kurzfristig verschoben werden. Ein weiterer Ansatz ist eine Gruppe, die ausschliesslich für Krisenarbeit zuständig ist, wie die sogenannte Kriseninterventionsgruppe im Kanton St. Gallen. Diese möchten wir im Folgenden ausführlicher darstellen.

Kantonsregierung schafft Fachstelle
In diesem Kanton war die Einführung der Kriseninterventionsgruppe des Schulpsychologischen Diensts mit einem tragischen Ereignis verknüpft: Im Jahr 1999 wurde ein Reallehrer im Schulhaus vom Vater einer Schülerin ermordet. Bevor dies geschah, hatte sich die Vierzehnjährige ihrem Lehrer anvertraut: Sie werde von ihrem Vater sexuell missbraucht und geschlagen. Der Lehrer unterstützte die Jugendliche und sprach mit den Eltern. Später wurde er vom Täter im Besprechungszimmer aufgesucht und mit mehreren Schüssen niedergestreckt.

Kurz nach dem Mord setzte die Regierung des Kantons St. Gallen eine Arbeitsgruppe ein, welche diesen tragischen Fall untersuchte und unter anderem zum Schluss kam, dass den Lehrpersonen in schwierigen Situationen eine spezialisierte, schulnahe und rasch einsatzfähige Fachstelle zur Verfügung stehen soll. Diese Fachstelle wurde beim Schulpsychologischen Dienst angesiedelt und vom damaligen Direktor in Pionierarbeit aufgebaut, geleitet und etabliert. Die Angebotspalette der rund um die Uhr erreichbaren, vierköpfigen Gruppe umfasst heute neben den bereits erwähnten Themen auch ein psychologisches Bedrohungsmanagement sowie die Prävention von Gewalt. Im Jahr 2019 wurde der Auftrag vom Kanton zudem um die gesamtkantonale Fachstelle Radikalisierung und Extremismus (Farex) erweitert.

Professionelle Krisenintervention
Zurück ins Toggenburg, wo ein tragischer Autounfall zwei Kindern das Leben kostete: Die Kriseninterventionsgruppe kann die ersten Vorbereitungen zusammen mit der Schulleiterin bereits am darauffolgenden Sonntag umsetzen. Dabei geht es vordringlich um die Planung des nächsten Schultags, um die Situation und Betreuung der betroffenen Familie und deren Angehörigen sowie um die Krisenkommunikation. Das gesamte Schulteam findet sich später, am Montagmorgen um sechs Uhr, in der Schule ein. Das Treffen gibt Raum für die Betroffenheit der Lehr- und Fachpersonen. Alle können ausserdem Fragen stellen, bevor sie den Kindern die traurige Nachricht überbringen müssen.

In über zwanzig Jahren Arbeit hat sich die Kriseninterventionsgruppe viel Wissen und Praxis angeeignet. Ihre Erfahrungen zeigen, dass auch in Krisen trotz Hektik eine strukturierte Auftragsklärung sowie eine gut vernetzte, interdisziplinäre Zusammenarbeit die Basis für eine erfolgreiche Krisenberatung darstellt. Dabei werden auf den Fall angepasste Methoden eingesetzt. Geht es etwa um Mobbing oder ein schlechtes Klassenklima, wird die Einschätzung der jeweiligen Situation mit Fragebogen zu Verhalten im Unterricht, Plagereien, Ausgrenzungen, Ängsten und Klassenzusammenhalt erhoben. Dazu gehören auch Soziogramme, Unterrichtsbesuche und Gespräche mit den involvierten Personen im Einzel- oder Gruppensetting. Als Interventionen stehen Klasseneinsätze, Elternarbeit sowie Coaching zur Verfügung.

Drohungen von Schülerinnen und Schülern gegen andere sind zwar nicht häufig, müssen aber immer ernst genommen werden, seien es verbale Äusserungen, Drohbriefe oder Nachrichten in den sozialen Medien. Bei Drohungen erfolgt die Einschätzung des Gewaltpotenzials anhand des psychologischen Bedrohungsmanagements in Kombination mit einem Analysesystem. Zudem besteht eine Zusammenarbeit mit der Polizei und der Jugendanwaltschaft nach dem Grundsatz «In Krisen Köpfe kennen». Diese institutionsübergreifende Arbeit erleichtert es den Schulen und den Beteiligten, rasch Entscheide zu fassen und zu handeln.

Neue Themenfelder der Krisenarbeit
Welche zukünftigen Herausforderungen stellen sich der schulpsychologischen Krisenarbeit? Die Corona- Pandemie hat natürlich nicht nur die Erwachsenen verunsichert: Noch öfter betreuen Schulpsychologinnen und Schulpsychologen nun Schüler, die aggressives Verhalten, Ängste oder depressive Symptome entwickeln.

Die Folgen der Schulschliessungen zeigen sich zurzeit in einer Auftragshäufung im Zusammenhang mit Mobbingfällen oder einem schlechten Klassenklima. Die langfristigen Konsequenzen sind aus heutiger Sicht schwierig einzuschätzen. Ein weiteres Thema, das die Krisenarbeit in Zukunft beschäftigen wird, sind radikale und extremistische Tendenzen. In den Medien wird über religiöse und pandemiebezogene Radikalisierung berichtet, aber auch der politische und der sportbezogene Extremismus, wie beispielsweise Hooliganismus, sind zu berücksichtigen.

Die Unterstützung der Schulen in Krisen ist in den vergangenen Jahrzehnten ein geschätztes Angebot der schulpsychologischen Dienste geworden. Sich in Krisensituationen die Unterstützung der Schulpsychologie zu holen, wird heute als ein Teil der Professionalität von Schulen gesehen. 

Autor und Autorin

Ralph Wettach ist Fachpsychologe für Psychotherapie sowie für Kinder- und Jugendpsychologie FSP. Er ist Direktor des Schulpsychologischen Diensts des Kantons St. Gallen und Präsident von Schulpsychologie Schweiz – Interkantonale Leitungskonferenz (SPILK). Darüber hinaus lehrt er Kinder- und Jugendpsychopathologie an der Zürcher Hoch- schule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).

Esther Luder ist dipl. Psychologin FH sowie Fachpsychologin Kinder- und Jugendpsychologie und Psychotherapie SBAP. Sie leitet die Kriseninterventionsgruppe und die Fach- und Anlaufstelle Radikalisierung und Extremismus (Farex) des Schulpsychologischen Diensts des Kantons St. Gallen.

Kommentare

Kommentar hinzufügen