Neuregelung der psychologischen Psychotherapie

Psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten müssen besser in das Gesundheitsversorgungssystem eingebunden werden. Nur so kann die Schweiz der zunehmenden Bedeutung psychischer Störungen gerecht werden. Eine wirksame, zweckmässige und wirtschaftliche Gesundheitsversorgung im psychischen Bereich braucht eine Neuregelung der psychologischen Psychotherapie.

1. Versorgung sichern

Psychische Krankheiten können mit einer Psychotherapie erfolgreich behandelt werden. Je früher eine Behandlung einsetzt, desto kürzer und erfolgreicher ist sie. Das heutige System erschwert den Zugang zur Psychotherapie. Mit einer Neuregelung der psychologischen Psychotherapie sichert sich die Schweiz die nachhaltige Versorgung psychisch kranker Menschen.

Psychische Erkrankungen sind häufig

Jede zweite in der Schweiz lebende Person leidet mindestens einmal im Leben an einer psychischen Störung, die einer Behandlung bedarf. Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass die Depression bis 2030 an erster Stelle der Erkrankungen in den Industriestaaten stehen wird.

Psychotherapie reduziert oder heilt wirksam und nachhaltig psychisches Leiden. Das ist wissenschaftlich nachgewiesen und anerkannt. Rechtzeitig eingesetzt verhindert sie effizient und effektiv wirtschaftliche Folgekosten. Die Psychotherapie ist deshalb bereits heute eine unbestrittene Leistung der obligatorischen Krankenpflegeversicherung. Denn: Psychische Krankheiten müssen behandelt werden.

Drohender Fachkräftemangel

Die Kosten für eine Psychotherapie werden von der Grundversicherung nur übernommen, wenn die Therapie von Psychiaterinnen oder Psychiater durchgeführt oder von ihnen delegiert wird. Dieser Flaschenhals wird noch enger: Bis in zehn Jahren werden etwa 1000 dieser spezialisierten Ärztinnen und Ärzte fehlen.

Es gibt nur eine Psychotherapie; unabhängig davon, ob der Therapeut oder die Therapeutin eine medizinische oder eine psychologische Ausbildung durchlaufen hat. Psychologinnen und Psychologen können die entstehende Lücke mit einheimischen Fachkräften füllen.

Zugangshürden abbauen

Nicht behandelte psychische Störungen führen zu chronischen Leiden und zusätzlichen körperlichen Erkrankungen – diese belasten das bereits teure Sozialsystem und wirken sich negativ auf das private und berufliche Umfeld aus. Die Psychotherapie ist deshalb bereits heute eine unbestrittene Leistung der obligatorischen Krankenpflegeversicherung. Sie wird jedoch aufwendiger und teurer, je später sie einsetzt. Gemäss einer Studie des nationalen Gesundheitsobservatoriums nimmt heute 1/3 der Betroffenen keine psychotherapeutische Behandlung in Anspruch, obwohl diese angezeigt wäre. Psychisch Kranke kämpfen mit einer Stigmatisierung ihrer Probleme. Wer sich beispielsweise seiner Hausärztin anvertraut, muss bei entsprechender Indikation möglichst direkten Zugang zu psychologischer Psychotherapie erhalten.

Wenn sämtliche Ärztinnen und Ärzte die Konsultation psychologischer Psychotherapeutinnen oder -therapeuten anordnen können, fällt der heutige Flaschenhals weg – der für den Behandlungserfolg zentrale
schnelle Zugang zu qualifizierter Therapie ist gesichert.

Heute: Das delegierte Modell
Delegiert arbeitende psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sind Angestellte in einer Arztpraxis. Ihre psychotherapeutischen Leistungen finden unter Aufsicht und in Verantwortung des delegierenden Arztes oder der delegierenden Ärztin statt und werden von diesen über die Grundversicherung abgerechnet. Selbständige psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten werden von den dem Patient oder der Patientin selbst oder zu Teilen von Zusatzversicherungen bezahlt.

2. Qualität steigern

Die vertrauensvolle Beziehung zwischen Patient(in) und Therapeut(in) ist eine zentrale Voraussetzung für eine erfolgreiche Psychotherapie. Die Wahl des passenden Therapeuten oder der passenden Therapeutin ist heute massiv eingeschränkt. Die freie Wahl im Anordnungsmodell steigert die Qualität der Therapie und dadurch auch die Effizienz und Effektivität.

Fehlende Passung führt zu Abbrüchen

Die Wahl des Therapeuten oder der Therapeutin ist heute massiv eingeschränkt, wenn die Therapie von der obligatorischen Krankenpflegeversicherung übernommen werden soll. Eine passende Basis zwischen Patient oder Patientin und Therapeut oder Therapeutin ist jedoch ein zentraler Faktor für den Behandlungserfolg. Stimmt sie nicht, verlängert sich die Therapie oder es kommt zu folgenschweren Abbrüchen.

Im Anordnungsmodell können Patientinnen und Patienten frei wählen, bei wem sie sich in Therapie begeben. Der Wettbewerb verbessert die Qualität und steigert den Behandlungserfolg.

Sprachliche und kulturelle Herausforderungen

Der Mangel an Fachkräften lässt sich nicht durch den Import qualifizierter Psychiaterinnen und Psychiater aus dem Ausland kompensieren. Die Sprache und das Wissen über das kulturelle Umfeld sind zentrale Faktoren für den Erfolg einer Psychotherapie. Die Schweiz verfügt heute und auch in Zukunft über genügend
qualifizierte psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten gemäss Psychologieberufegesetz (PsyG). Mit der freien Wahl eines/einer mit Sprache und Kultur vertrauten Therapeuten/Therapeutin steigt die Qualität der Psychotherapie.

3. Ungleichbehandlung beheben

Psychologische Psychotherapeut(inn)en sind unverzichtbare Leistungserbringer in der psychotherapeutischen und psychosozialen Versorgung. Ihre Qualifikationen und Leistungen sind jener von Psychiater(inne)n ebenbürtig, ihre Stellung und ihre Rechte jedoch nicht. Eine Neuregelung überträgt den psychologischen Leistungserbringern die ihnen im Gesetz auferlegte Verantwortung.

Es gibt nur eine Psychotherapie

Psychotherapien werden heute sowohl von spezialisierten Ärztinnen als auch von spezialisierten Psychologen erfolgreich praktiziert. Die beiden Berufsgruppen unterscheidensich in ihrem Hochschulabschluss – Medizin oder Psychologie. Beide haben eine postgraduale psychotherapeutische Weiterbildung absolviert – beide praktizieren die gleichen Methoden.

Wer gleiche Leistungen anbietet und eine ebenbürtige Ausbildung hat, soll auch gleiche Rechte und Pflichten haben. Eine Neuregelung der psychologischen Psychotherapie reduziert die Ungleichbehandlung von Psychiatern und Psychologinnen.

Das Modell ist überholt

Die delegierte Psychotherapie wurde konzipiert als Übergangsregelung bis gesetzliche Vorschriften über die Ausund Weiterbildung der nicht-ärztlichen Psychotherapeutinnen und -therapeuten vorliegen.

Das seit dem 1. April 2013 geltende Psychologieberufegesetz schützt den Titel der Psychotherapeutinnen und -therapeuten und regelt deren Aus- und Weiterbildung.

Dies gewährleistet, dass nur ausgewiesene Fachkräfte Psychotherapie anbieten dürfen und schafft die Basis, dass sie ohne ärztliche Aufsicht arbeiten können und als eigenständige Leistungserbringer anerkannt werden.

Seit 2013: Das Psychologieberufegesetz (PsyG) gewährleistet, dass nur fachlich bestqualifizierte Spezialistinnen und Spezialisten Psychotherapie anwenden dürfen. Psychologischen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sind aufgrund ihrer Aus- und Weiterbildung fachlich und juristisch befähigt, eigenverantwortlich Behandlungen von psychischen Störungen und psychosomatischen Beschwerden durchzuführen.

4. Folgekosten senken

Psychische Krankheiten führen zu hohen volkswirtschaftlichen Kosten. Mit einer adäquaten psychotherapeutischen Versorgung können direkte und indirekte Folgekosten massiv reduziert werden. Das Anordnungsmodell führt nur zu einer geringen Kostenverlagerung in die Grundversicherung – und sichert die Versorgung nachhaltig.

Psychische Krankheiten sind teuer, wenn man sie nicht adäquat behandelt.

Die geschätzten volkswirtschaftlichen Kosten psychischer Krankheiten belaufen sich auf über 19 Milliarden Franken pro Jahr. Über 40 Prozent der Neurenten in der Invalidenversicherung sind auf psychische Erkrankungen zurückzuführen.Die Arbeitslosenquote bei psychisch Kranken ist mehr als doppelt so hoch wie die Gesamtarbeitslosenquote.

Psychische Krankheiten müssen behandelt werden. Das Anordnungsmodell verbessert den Zugang zur Psychotherapie. Rechtzeitig eingeleitet, hilft sie, die mit einer Chronifizierung verbundenen Folgekosten (Produktivitätseinbussen, lange Arbeitsabwesenheiten und hohe Sozialleistungen) zu reduzieren.

Ambulant statt stationär

Die Kosten durch die Verlagerung in die Grundversicherung betragen schätzungsweise 131 Millionen Franken – dies entspräche lediglich 0,6% der von der Grundversicherung bezahlten Leistungen und ist ein Bruchteil der Kosten, die durch zu spät angesetzte Therapien entstehen können. Ein Beispiel: Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in psychiatrischen Kliniken beträgt mehr als fünf Wochen – die Kosten entsprächen einer fünfjährigen ambulanten Therapie.

Ein besserer Zugang zu ambulanter Psychotherapie hilft, teure stationäre Behandlungen zu vermeiden und ermöglicht es den Betroffenen, weiterhin produktiv in ihrem Beruf zu bleiben.

Kostentransparenz schaffen

Leistungen von psychologischen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten werden schon heute durch die Grundversicherung gedeckt; allerdings nur, wenn sie unter Aufsicht von Ärztinnen oder Ärzten erbracht werden. Die Leistung erscheint auf der Rechnung des delegierenden Arztes oder der delegierenden Ärztin.

Eine direkte Abrechnung durch psychologischen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten schafft mehr Transparenz und eliminiert den unnötigen administrativen Mehraufwand. Auch mit einer Neuregelung wird es weiterhin Personen geben, die ihre Therapie freiwillig selber bezahlen.

In Zukunft: das Modell der ärztlichen Anordnung
  • Nur Behandlungen von psychischen Störungen mit Krankheitswert werden von der Grundversicherung erstattet. Was als psychische Krankheit oder Störung gilt, ist in international anerkannten Klassifikationssystemen (z.B. ICD-10 der WHO) klar festgelegt.
  • Die Leistungen müssen wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich sein.
  • Eine Psychotherapie muss von einem Arzt oder einer Ärztin angeordnet werden.
  • Die Anordnung beinhaltet die generelle Übernahme von maxmal 40 Abklärungs- und Therapiesitzungen, bei Fortsetzung nach 40 Sitzungen ist dem/der Vertrauensarzt/-ärztin zu berichten.
  • Der Patient oder die Patientin kann sich mit der Anordnung an den Psychotherapeuten/die Psychotherapeutin seiner Wahl wenden, sofern dieser/diese auf der Liste der eidgenössisch anerkannten Psychotherapeut(inn)en aufgeführt ist.