«LSD ist eine faszinierende Substanz»

Joël Frei
Forschung
Verband
Der Psychopharmakologe Matthias Liechti erforscht LSD, um neue Medikamente für psychische Krankheiten zu entwickeln.

Zwar forschen Sie seit längerer Zeit an psychoaktiven Substanzen wie Ecstasy, doch an LSD erst seit einigen Jahren. Haben Sie sich an diese belastete Substanz herantasten müssen?
In den 1990er-Jahren wäre es für eine Forscherkarriere nicht ratsam gewesen, an LSD zu forschen. Gesellschaftlich war es riskant. Und es ist wohl immer noch riskant. Als wir anfingen, wussten wir nicht, ob es Probleme mit der Presse geben würde. Wir haben für die erste LSD-Studie den Kontakt mit der Presse vermieden. Ein bis zwei Jahre lang haben wir keine Interviews gegeben und keine Auskunft über die erste Studie mit Gesunden erteilt. Erst als alle Resultate publiziert waren, haben wir darüber auf Anfrage breiter informiert. Heute kann ich Ihnen offen erklären, was wir machen.

Warum gilt der Forschungsstandort Schweiz als führend in der Psychedelik-Forschung?
Um in diesem Gebiet zu arbeiten, braucht es Forschende, die solche Studien machen wollen und die auch die Kompetenz haben und über die finanziellen Mittel verfügen. Das ist nicht überall gegeben. Und dann gibt es Forschungsgruppen, die diese Studie durchführen wollen und vielleicht könnten, doch sie haben rechtlich nicht die Möglichkeit dazu. In der Schweiz ist es möglich, mit speziellen Bewilligungen legal Psyche­delika zu erforschen.

Weil der Bund nach dem LSD-Verbot im Jahr 1971 die Möglichkeit für Forschung offen liess?
Genau. Der Hauptgrund, dass wir in der Schweiz diese Forschung machen ist, weil wir es können. In jeder Hinsicht: wir haben die fachliche Kompetenz, aber auch die passende Gesetzgebung. Weiter können wir die hohen Qualitätsansprüche an klinische Versuche erfüllen. Woher kommt das Psilocybin? Man kann nicht einfach Pilze auf einer Waldlichtung pflücken gehen und sie den Versuchspersonen geben. Man muss die Substanz chemisch-synthetisch herstellen, ein Medikament daraus formulieren und dann sicherstellen, dass es den pharmazeutischen Qualitätsansprüchen und den regulatorischen Auflagen genügt. 

Wie erlebt ein Proband die Welt unter dem ­Einfluss von LSD?
Die verschiedenen Sinneswahrnehmungen werden vermischt. Dinge, die eine Versuchsperson sieht, werden von dem, was sie hört beeinflusst: Es kommt zu sogenannten Synästhesien. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass unter LSD alle Hirnteile für einige Stunden funktionell stärker miteinander vernetzt werden: Wir haben diese erhöhte globale funktionelle Vernetzung mit der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRI) festgestellt. Ein reifes erwachsenes Gehirn ist sehr organisiert: Definierte Netzwerke sind in sich aktiv, aber nur wenig mit anderen Regionen verbunden. Wir sind organisiert: Nicht alles, was wir sehen, beeinflusst, was wir sagen. Erwachsene sind diesbezüglich anders als Kinder. Unter LSD lösen sich diese funktionellen Strukturen etwas auf. 

«Unter LSD staunt man wieder wie ein Kind.»

Die US-Entwicklungspsychologin Alison Gopnik stellte die Hypothese auf, dass man auf einem Trip die Welt wieder wie ein Kind erlebt.
Genau. Die Gehirnnetzwerke der Erwachsenen sind sehr organisiert. Dieses System wird durch LSD aufgelöst. Die Netzwerke funktionieren in sich schlechter, sind aber stärker untereinander vernetzt. Es ist ein Zustand, der dem kindlichen Erleben näher ist. Unter LSD staunt man wieder wie ein Kind. Vom phänomenologischen her hat das etwas von Alice im Wunderland. Auch das Magische, die Bildgewalt und das intensive Fühlen und Vermischen von Sinneseindrücken, etwa mit der Musik.

Angesichts der Tatsache, dass viele Menschen, die an einer Depression leiden, nicht auf die verfügbaren Medikamente ansprechen und dass Antidepressiva ihre Wirkung zu verlieren scheinen, ist die Erforschung von neuen möglichen Heilmitteln vordringlich.
Sie bringen die klassischen Argumente für neue Behandlungskonzepte vor. Psychische Krankheiten sind sehr relevant, weil sie extrem invalidisierend für die Beteiligten, für ihre Angehörigen und für die Gesellschaft sind. Depressive können oft nicht mehr arbeiten und jemand muss sich um sie kümmern. Depression ist eine grosse Belastung und sie betrifft viele junge Leute. Ich habe manchmal Mühe damit, dass wir heute die Krebsforschung stark hochstilisieren und die Forschenden dafür relativ problemlos Geld kriegen, obwohl da schon viel Pharmageld drin ist und man viel Geld mit den Behandlungen verdient. Und gleichzeitig sehe ich, dass psychische Krankheiten auch in der Forschung stigmatisiert sind. Es gibt relativ wenig Unterstützung, obwohl sie gesellschaftlich eine enorm wichtige Rolle spielen.

Welche Nebenwirkungen sind von einem ­Medikament auf Basis von LSD zu erwarten?
Wenn man LSD einnimmt, macht das körperlich nichts: Psychedelika machen nicht abhängig. Aber ein Trip kann psychologisch teilweise stark belastend sein. Ich erwarte nicht, dass es allen Leuten unter dieser Behandlung besser geht. Es gibt Risiken. Doch auch die meisten Medikamente, sagen wir Onkologika, haben zum Teil schwere Nebenwirkungen: Ein Grossteil der Patientinnen und Patienten sterben an den Nebenwirkungen der Krebsmedikamente und nicht an der Krankheit. Wenn ich ein Medikament wie Psilocybin jemandem mit einer schweren Depression gebe, jemandem, der nicht arbeiten kann, der keine Lebensfreude spüren kann, erwarte ich nicht, dass er nachher herumhüpft und es ihm perfekt geht. Das wäre dann ja ein Wundermedikament. Doch wenn es nur einem Teil dieser Patientinnen und Patienten besser geht, wäre das aus meiner Sicht ein Erfolg. Und ganz wichtig: Diese Substanzen muss man offenbar nur einige Male – kombiniert mit Psychotherapie – einnehmen. 

Sie werden oft von Medien angefragt. Wie erklären Sie sich die Faszination von LSD?
Es ist eine faszinierende Substanz. Und es ist für einen Teil der Gesellschaft eine sehr überzeugende Idee, dass diese Substanz wirksam sein oder eine Alternative zu anderen Behandlungsformen darstellen könnte. Ich würde sie ja nicht untersuchen, wenn ich nicht daran glaubte, dass hier Potenzial vorhanden ist. Ich sage nicht, dass LSD wirkt. Wir wissen es nicht. Ich gehe davon aus, dass wir fünf bis zehn Jahre brauchen, bis wir dies bei einzelnen Krankheiten sagen können. Natürlich, ich sage das aus der akademischen Perspektive: Vielleicht kann ich fünf bis zehn Millionen Franken einsetzen für diese Forschung. Das ist nicht dasselbe Budget, das eine Pharmafirma aufstellen kann. Sie könnte das 10- oder 100-Fache davon aufwenden.

Der Interviewpartner

Prof. Dr. med. Matthias Liechti ist stellvertretender Chefarzt an der Abteilung für Klinische Pharmakologie und Toxikologie des Universitätsspitals Basel. Seine Forschungsgruppe untersucht die Wirkung psychoaktiver Substanzen im Labor und im Menschen. Aktuell führt er verschiedene Studien mit LSD durch.