Macht Denken an Gott risikofreudig? Studie stellt Effekt infrage

Joël Frei
Forschung
Verband
Neigen wir zu riskantem Verhalten, wenn wir an ein höheres Wesen denken, das uns beschützt?

Im Jahr 2015 publizierten Forschende um die US-Psychologin Daniella Kupor eine vielbeachtete Studie, in der sie feststellten, dass Personen, die dazu gebracht wurden, an Gott zu denken, zu riskanten Entscheidungen neigten – unabhängig davon, ob sie religiös waren oder nicht.

An den insgesamt sieben Experimenten nahmen sowohl religiöse als auch nicht religiöse Testpersonen aus den USA teil. Sie wurden dazu angeregt, an Gott oder an ein nicht verwandtes Thema, wie etwa Astronomie, zu denken («Priming»). In den Experimenten mussten sie unter anderem durcheinandergebrachte Sätze ordnen, die entweder religiöse Begriffe (etwa «Seele» oder «göttlich») oder nicht religiöse Wörter enthielten. Die Teilnehmenden mussten dann angeben, wie wahrscheinlich es ist, dass sie sich auf ein riskantes Verhalten einlassen. Das Risikoverhalten reichte von ethischen Dilemmata (wie die Lorbeeren für die Arbeit eines anderen ernten), über Sicherheitsrisiken (Autofahren ohne Sicherheitsgurt) bis zu sozialen Risiken (Beginn einer Karriere in einem völlig anderen Berufsfeld mit Mitte dreissig).

Der Effekt des «Gott-Primings» schien klar zu sein: Diejenigen Personen, die dazu gebracht worden waren, an Gott zu denken, zogen signifikant häufiger Risikoverhalten in Betracht, solange sie keine ethische Grenzüberschreitung beinhalteten. Darüber hinaus nahmen sie bei all diesen Verhaltensweisen ein signifikant geringeres Risiko wahr, als ob das Denken an Gott das Gefühl der Bedrohung verringert hätte.

Nun liegt eine Replikationsstudie vor, die diesen Effekt infrage stellt. Forschende um den US-Psychologen Will Gervais wiederholten zwei der ursprünglichen Experimente genauestens, allerdings mit einem entscheidenden Unterschied. Die Forschenden rekrutierten wesentlich mehr Testpersonen, nämlich über tausend Probandinnen und Probanden. Mit dieser Stichprobe ist die Wahrscheinlichkeit gross, den «Gott-Priming»-Effekt zu finden, sollte es ihn geben. Doch ihre Studie erbrachte keinen Beweis dafür, dass das Denken an Gott zu riskanterem Verhalten führt.

Gervais, W., McKee, S., Malik, S.(2020). Do religious primes increase risk taking? Evidence against «anticipating divine protection» in two preregistered direct replications of Kupor, Laurin, and Levav (2015). Psychological Science. doi: 10.1177/0956797620922477

Publiziert im Psychoscope 1/2021

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