Männlichkeit neu denken

Aurélie Faesch-Despont
Forschung
Verband
Männer im Job, Frauen am Herd? Dieses Modell ist veraltet

Unser wirtschaftliches, soziales und kulturelles Umfeld wandelt sich, traditionelle Männerbilder sind überholt. Dass Leitbilder verloren gehen, kann verunsichern. Doch dieser Verlust bedeutet auch, dass Männer Spielraum für Kreativität erhalten.

David Jornod ist Hausmann und Vater. Vitor Andrade da Rocha arbeitet selbstständig als Geburtshelfer. Zwei Männer mit unterschiedlichen Laufbahnen, die eines gemeinsam haben: Sie üben eine Tätigkeit aus, die lange Zeit ausschliesslich mit Frauen in Verbindung gebracht wurde. Vor ein paar Jahrzehnten wäre ihre Berufswahl noch stigmatisiert worden. Heute bekommen sie grundsätzlich Rückendeckung.

Als David Jornod in seinem Umfeld ankündigte, dass er seinen Job aufgeben und Hausmann werden würde, war niemand sonderlich überrascht. «Ich bin ausgebildeter Pflegehelfer, wer mich kennt, weiss, dass mir solche Tätigkeiten liegen», erklärt er. Abgesehen von ein paar Nachbarn, die sich fragten, ob seine Frau «Kinder nicht mag», bekommt David Jornod eher positive Reaktionen. «Das hätte ich auch machen sollen», sagte ihm ein Freund sogar. Bereut hat der Neuenburger seine Entscheidung, sich Zeit für seinen kleinen Sohn zu nehmen, keine Sekunde. Weniger männlich fühle er sich deswegen nicht. Ab dem Sommer, nach der Geburt des zweiten Kinds, übernimmt seine Frau wieder die Haushaltsführung. 

Vitor Andrade da Rocha hat seine Ausbildung zum Pfleger in Porto absolviert. Bei der Wahl der Spezialisierung wandte er sich der Betreuung rund um Schwangerschaft und Geburt zu. Als er 2012 nach Lausanne zog, stellte er fest, dass sein Beruf in der Schweiz noch stark weiblich geprägt ist – viel stärker noch als in Portugal. Er fürchtete zwar, bei manchen Frauen auf Ablehnung zu stossen, liess sich davon aber nicht abhalten. Als erster Mann im Kanton Waadt machte er sich als Geburtshelfer selbstständig. Eine Tätigkeit, die ihn auch heute noch mit grosser Zufriedenheit erfüllt. Vitor Andrade da Rocha ist es ein Rätsel, warum sein Beruf so frauendominiert ist. «Wieso ist das bei Gynäkologen anders?», fragt er sich. «Die Liebe zum Beruf ist viel wesentlicher als Vorurteile. Wichtig ist, dass man sich in der Tätigkeit, die man ausübt, wohlfühlt.»

Es gibt so viele Männlichkeiten wie Männer
Laufbahnen wie die von David Jornod und Vitor Andrade da Rocha sind heute noch nicht üblich. Doch sie zeigen, dass sich etwas tut. Unser wirtschaftliches, rechtliches, soziales und kulturelles Umfeld wandelt sich. Althergebrachte Männerbilder werden hinfällig. «Die traditionellen Modelle der Männlichkeit sind nicht mehr repräsentativ. Es gibt heute so viele Männlichkeiten wie Männer», erklärt Gilles Crettenand. Der Westschweiz-Koordinator des Programms MenCare für den Verband männer.ch ist überzeugt, dass die Zeit fester Geschlechterrollen vorbei ist. 

«Menschen, die ein starkes Bedürfnis nach Orientierung haben, können dadurch verunsichert werden», fügt er an. Durch die Auflösung des Orientierungsrahmens werden Männer tatsächlich aus ihrer Komfortzone gedrängt. Kann ich ein Mann sein, wenn ich in meiner Arbeit keine Führungsposition habe? Bin ich noch ein Mann, wenn ich meinem Kind die Windeln wechsle? Wie ist es um meine Eigenschaft als Mann bestellt, wenn ich einen klassischen Frauenberuf ausübe? Um die eigene Männlichkeit zu definieren, müssen Männer in der Lage sein, sich den Zwängen der vorherrschenden Männerbilder zu entziehen, und sich bewusst machen, was zu ihnen gehört und passt. «Jeder muss Männlichkeit für sich selbst definieren und dabei auf sein Herz hören», erklärt Gilles Crettenand. «Aufgrund ihrer Erziehung sind Männer aber mit dieser inneren Dimension kaum vertraut. Dadurch fällt es ihnen schwerer, mit Emotionen und Empfindungen umzugehen. Entsprechende Fragen stellen sie sich daher oft erst in Krisensituationen, beispielsweise bei Burnout, Scheidung oder Arbeitsplatzverlust.» 

«Männer werden nicht darauf sozialisiert, sensibel zu sein.»

Immer mehr Beratungsangebote
«Traditionell werden Männer nicht darauf sozialisiert, sensibel zu sein, sondern darauf, ihre Emotionen zu beherrschen. Es ist unglaublich viel Arbeit, das alles unter Kontrolle zu halten. Aber weit kommt man damit nicht», meint Alexis Burger. Der Psychiater und Psychotherapeut aus Lausanne reist regelmässig mit Männergruppen in die Wüste, um mit ihnen den Begriff der Männlichkeit zu ergründen. «Die Arbeit in der Gruppe ist viel intensiver als im Einzelgespräch. Hier findet Aktualisierung statt. Die Gruppe bietet einen Raum, in dem auf das Bewusstwerden sofort das Handeln folgt.»

Alexis Burger zufolge sind immer mehr Männer bereit, ungewöhnliche Pfade einzuschlagen, Experimente zu machen, ihre Männlichkeit selbst zu definieren, statt gesellschaftlichen Normen und Rollen zu folgen (siehe nebenstehendes Interview). Entsprechend entwickelt sich das Angebot an Dienstleistungen für Männer, die Impulse zur Reflexion suchen. Die von Alexis Burger professionell angeleiteten Männergruppen sind ein Beispiel dafür. Es gibt noch weitere in Eigenverantwortung organisierte Angebote wie beispielsweise das ManKind Project (MKP) mit Seminaren für Männer, die mehr über sich selbst erfahren und ihre eigenen Grenzen ausloten möchten. männer.ch, der Dachverband Schweizer Männer- und Väterorganisationen, der sich für gerechtere Geschlechterverhältnisse einsetzt, ist ebenfalls ein wichtiger Akteur auf diesem Gebiet. Der Verband, der in der ganzen Schweiz aktiv ist, engagiert sich dafür, Normen möglichst schnell zu dekonstruieren. «Wir denken dabei besonders an die Zeit, in der aus Männern Väter werden. Das ist ein ganz wesentlicher Moment, denn damit werden sie Akteure von Pflege und Sorge für andere und öffnen sich ihrem Innenleben», sagt Gilles Crettenand. männer.ch ist nicht nur auf individueller Ebene aktiv, mit Vorträgen und Schulungen, sondern auch auf politischer.

Gesellschaftliche Veränderungen vorantreiben
Bei der Gleichstellung von Frau und Mann hinkt die Schweiz in vieler Hinsicht anderen Ländern hinterher oder schneidet schlecht ab. Damit Väter schon in den ersten Lebenstagen ihres Kinds präsent sein können, hat männer.ch eine Volksinitiative für vier Wochen Vaterschaftsurlaub eingereicht, die der Schweizer Bevölkerung bald zur Abstimmung vorgelegt werden soll. Der Text hat bereits zu hitzigen Diskussionen geführt. 

Dem Psychiater und Psychotherapeuten Alexis Burger zufolge ist es jedoch keineswegs so, dass sich nichts verändert. «Politik und Recht hinken immer der Entwicklung hinterher. Diskussionen finden statt, und langsam, aber sicher bewegt sich etwas. Vor 50 Jahren konnten Frauen ohne die Unterschrift ihres Mannes noch kein Bankkonto eröffnen», betont er. Doch eines ist sicher: «Nicht Institutionen treiben Veränderungen voran, sondern die Menschen, die neue, geeignete Lebensformen suchen und ausprobieren.» Heute gibt es unendlich viele Möglichkeiten. «Wer kreativ sein will, muss nicht mehr am Rand der Gesellschaft stehen. Paare bestimmen selbst, wie sie ihre Rollen und Aufgaben aufteilen, und berücksichtigen dabei ihre jeweiligen Bedürfnisse.» Eine Vielzahl neuer Lebensmodelle ist die Folge. Eines davon ist die «inklusive Familie», wie David Jornod sie lebt: Die Rollen von Frau und Mann werden immer wieder hinterfragt und neu definiert.


«Männer können neue Modelle erfinden»


Der gesellschaftliche Wandel zwingt uns, den Begriff der Männlichkeit zu hinterfragen. Ist das ein neues Phänomen? 
Nein, diese Fragen sind nicht neu. Alle wichtigen gesellschaftlichen Veränderungen machen es notwendig, gängige Geschlechtervorstellungen zu überdenken. Neu ist, dass die aktuelle «Krise der Männlichkeit» mehr positive als negative Aspekte hat. Männer können heute Hausmann sein oder einen typischen Frauenberuf ausüben. Sie können ausprobieren, entdecken und neue Modelle erfinden. Das ist eine riesige Chance. Ich denke schon, dass wir es hier mit einer Krise zu tun haben, würde sie aber nicht als Katastrophe bezeichnen. 

Was hat sich bei der Definition von Männlichkeit geändert?
Interessant ist, dass heute versucht wird, Männlichkeit zu definieren. Das gab es früher nicht. Bestimmte Kriterien mussten erfüllt sein, um als Mann anerkannt zu werden: Geld verdienen, ein Auto besitzen, einen guten sozialen Status haben und so weiter. Das sagte aber nichts darüber aus, was Männlichkeit bedeutet. Heute beginnt man, sich für das Erleben von Männern zu interessieren. Die Männer müssen selbst herausfinden, was Männlichkeit für sie bedeutet. Die Definition wird ihnen nicht mehr von aussen aufgedrängt, sondern kommt von Innen. 

Sollten wir Männer zu solchen Überlegungen ermutigen?
Wir können dieses Hinterfragen unterstützen, es aber nicht erzwingen. Althergebrachte Werte haben in der heutigen Gesellschaft keinen Sinn mehr. Wir reden von einer Krise, weil wir noch keine neuen Werte haben, die die alten ersetzen können. Die Männer werden aber neue finden. Manche Väter stellen ihre Karriere zurück, um für ihre Kinder da zu sein. Vor 30 Jahren wurde eine solche Entscheidung gesellschaftlich nicht akzeptiert. Die Männer müssen ihre neue Identität entdecken. Manche erleben die Veränderungen passiv, andere wollen aktiv mitgestalten. Sie gestalten die Transition mit und denken darüber nach, was sie wollen und wer sie wirklich sind.


Alexis Burger ist Psychiater und Psychotherapeut in Lausanne. Er geht das Thema Männlichkeit aus klinischer und soziologischer Sicht an. 2017 wurde sein Buch Le Défi Masculin im Favre-Verlag veröffentlicht. Er leitet regelmässig Männergruppen in der Wüste an (www.surladune.ch).

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