Maschinen, die uns verändern

Aurélie Faesch-Despont
Forschung
Verband
Die Beziehung zwischen Menschen und intelligenten Robotern ist eine der Herausforderungen der Psychologie des 21. Jahrhunderts.

Obwohl Roboter mit künstlicher Intelligenz und Empathie einen bedeutenden technischen Fortschritt darstellen würden, könnten sie die Beziehung zwischen Mensch und Maschine immer komplexer gestalten. Der französische Psychiater Serge Tisseron, der Autor von Petit traité de cyberpsychologie, lädt uns ein, darüber nachzudenken.

Wie kommt es, dass Sie sich für die Schnittstelle zwischen Psychologie und Robotik interessieren? 
Verbindungen, die wir mit Gegenständen des täglichen Lebens aufbauen, werden in der Psychologie stiefmütterlich behandelt. Dabei spielen sie eine wichtige Rolle bei der Konstruktion unserer Identität und Soziabilität. 1998 wollte ich mit der Veröffentlichung des Buchs Comment l’esprit vient aux objets diese Stille durchbrechen. Darin zeige ich, dass Menschen eine zutiefst affektive Beziehung zu Gegenständen unterhalten und nie aufgehört haben, eigene Fähigkeiten an sie abzugeben. Dabei ist von körperlichen Fähigkeiten die Rede, wie aus der Arbeit des französischen Ethnologen André Leroi-Gourhan hervorgeht. Es geht aber auch um psychische Fähigkeiten, beispielsweise wenn wir einen Gegenstand zum Hüter bestimmter Erinnerungen machen. Als ich entdeckte, dass in Wissenschaftskreisen Roboter mit «künstlicher Empathie» ein Thema sind, war ich zunächst empört. Wie konnten sie uns glauben lassen, dass Maschinen ähnliche Emotionen wie Menschen besitzen? Hinzu kam, dass ich seit 2006 eine Theateraktivität anbiete und weiterentwickle – anerkannt vom französischen Bildungssystem –, welche die Empathiefähigkeit der Kinder fördern soll. Also schrieb ich Le jour où mon robot m’aimera, vers l’empathie artificielle (Der Tag, an dem mein Roboter mich lieben wird – auf dem Weg zur künstlichen Empathie), um diese Lüge anzuprangern. Der Titel spielt auf Schöne neue Welt an, ein Roman des britischen Schriftstellers Aldous Huxley. Natürlich wird mich mein Roboter niemals lieben. Aber wenn ich eines Tags doch davon überzeugt bin, heisst das, dass ich den Lügen der­jenigen, die mir genau das einreden wollen, endgültig verfallen bin. Mit meiner Abhandlung zum Thema Cyberpsychologie gehe ich noch einen Schritt weiter. Ich möchte damit den Rahmen für die Psychologie des 21. Jahrhunderts abstecken. Den Begriff «Cyberpsycho­logie» habe ich in Anlehnung an den amerikanischen Mathematiker Norbert Wiener gewählt, Erfinder des Begriffs «Cybernetics».

Welchen Beitrag sollten Psychologinnen und Psychologen hierzu leisten?
Die Psychologie des 20. Jahrhunderts beschäftigte sich in erster Linie mit der Funktionsweise der menschlichen Psyche in zwischenmenschlichen Beziehungen. Im 21. Jahrhundert müssen die Beziehungen zwischen Mensch und Maschine verstanden werden. Ich unterscheide zehn durch den Technologiewandel erschütterte Bereiche: Identitätskonstruktion, Einstellung zum Warten, zu Privatsphäre und Einsamkeit, den Bezug zu Raum, Zeit, Trauer, Sexualität, Scham sowie Schuldgefühlen und das Aufkommen neuer Formen des Animismus, die darauf basieren, dass Maschinen Fähigkeiten zugeschrieben werden, die ihre wahren Möglichkeiten weit übersteigen.

Sollten wir lernen, mit Maschinen, die künstliche Intelligenz aufweisen, zu interagieren?
Die Interaktion mit Maschinen wird uns leichtfallen, denn sie sind entsprechend konzipiert. Niemals dürfen wir jedoch vergessen, dass es Maschinen sind. Sie empfinden nichts und leiden nicht. So manch einer wird damit seine Schwierigkeiten haben. Es wurde bereits aufgezeigt, dass viele Menschen zögern, den Computer auszuschalten, wenn er sie anfleht, dies nicht zu tun ...

Was unterscheidet das Aufkommen von künstlicher Intelligenz von früheren technologischen Veränderungen?
Die Technik prägt seit jeher zwischenmenschliche Beziehungen. Der Zeitgeist der Renaissance und der industriellen Revolution war von technologischen Umwälzungen geprägt. Die Neuerungen haben aber nie die Rollen von Mensch und Maschine infrage gestellt: Der Mensch befiehlt, die Maschine gehorcht. Die künstliche Intelligenz lässt befürchten, dass sich viele Menschen auf Entscheidungen der Maschinen verlassen werden. Zunächst wird es um untergeordnete Entscheidungen gehen, dann um immer wichtigere. Doch werden Maschinen jemals menschliche Interessen verstehen können?

Werden Maschinen mit künstlicher Intelligenz fähig sein, die Besonderheiten der einzelnen Menschen zu verstehen?
Der Mensch ist von Natur aus irrational. Maschinen hingegen sind konstruiert, rational zu sein. Wie soll eine rationale Maschine irrationale Verhaltensweisen verstehen können? Die Maschine wird die Menschen in Kategorien einteilen und alle, die einer Kategorie angehören, dieselben programmierten Antworten geben, die ihrem «Profil» entsprechen. Je mehr Kategorien es gibt, desto eher scheinen die Antworten auf den Einzelfall abgestimmt zu sein. Zu mehr werden die Maschinen aber nie in der Lage sein.
 

«Es ist zu befürchten, dass sich viele Menschen auf die Entscheidungen der Maschinen verlassen werden.»

Werden Maschinen dennoch unsere Art zu sein, zu denken und zu handeln verändern? 
Menschen wissen, dass sie Maschinen fabrizieren, unterschätzen aber, in welchem Masse sie selbst von Maschinen fabriziert werden. Mobiltelefone beispielsweise haben unsere Frustrationstoleranz reduziert. Kommt es so weit, dass wir eine besondere Beziehung zu einer programmierten Maschine unterhalten, die ständig zuhört und belohnt, laufen wir Gefahr, weniger Toleranz aufzubringen, wenn nicht sofort eine Belohnung erfolgt.

Ist zu befürchten, dass Roboter zu «besseren Menschen» werden? 
Da Roboter keine Menschen sind, können sie nie «bessere Menschen» werden als wir. Die positiven Eigenschaften von Robotern, wie Zuverlässigkeit, Leistungsfähigkeit und Gehorsam, könnten aber zum Vorbild für Menschen auf Identitätssuche werden oder auch für autoritäre Regierungen, die ihrer Bevölkerung ein entsprechendes Modell aufzuerlegen versuchen. Mit anderen Worten: Es ist nicht zu befürchten, dass Roboter menschenähnlich werden, sondern dass Menschen, durch den Kontakt zu ihnen, sich roboterähnlicher verhalten – sei es aus Zwang oder freiem Willen. Das könnte so weit gehen, dass manche Emotionen und Verhaltensweisen zeigen, die den Erwartungen des Gegenübers entsprechen, und sie sich dabei untersagen, persönliche Emotionen und Gefühle zu äussern. 

Intelligente Roboter können unsere Gefühle erkennen, entschlüsseln und darauf reagieren. Werden sie eines Tages in der Lage sein, eine Diagnose zu erstellen?
Es gibt bereits einen Roboter namens «Sensei», den die amerikanische Armee einsetzt, um bei Soldaten posttraumatische Belastungsstörungen und Depressionen zu diagnostizieren. Emotionen zu erkennen und zu entschlüsseln ist eine Sache, aber eine therapeutische Antwort darauf zu geben, ist eine ganz andere. Die künstliche Intelligenz wird es hingegen ermöglichen, alle Angehörigen einer bestimmten Bevölkerungsgruppe kostengünstig zu diagnostizieren. Was erhebliche ethische Probleme birgt.

Manchen Menschen fällt es leichter, sich einem Chatbot anzuvertrauen. Könnte dies die Psychotherapie revolutionieren?
Chatbots geben uns die Illusion, nie allein zu sein. Aber nicht das Alleinsein ist das Problem. Wir brauchen jemanden, der uns hilft, unseren eigenen Standpunkt zu relativieren und uns anderen Sichtweisen zu öffnen. Bei Chatbots besteht die Gefahr, dass Menschen glauben, ihre Vorstellungen und Gedanken seien immer richtig und allgemeingültig. Mit seinem künstlich programmierten Wohlwollen kann der Chatbot dieses Einheitsdenken verstärken. Die Nutzerinnen und Nutzer ziehen sich womöglich mehr und mehr in ihre persönlichen Interessengebiete zurück und drehen sich in ihrem Denken im Kreis. Oft hört man, wie Google und Facebook uns in Scheuklappen stecken und uns Informationen und Events anzeigen, die zu unserem Klickverhalten passen. Das ist aber noch gar nichts im Vergleich zu den mentalen Gefängnissen, in die uns Chatbots stecken könnten.

Wird die künstliche Intelligenz Psychologinnen und Psychologen dazu bringen, die Beziehung zu ihrer Klientel zu überdenken?
Diese Beziehung hat sich bereits mit der Entwicklung des Internets verändert. Patientinnen und Patienten, die mit Wikipedia und Social Media vertraut sind, wollen Therapien, die schnell wirken. Sie sind zudem weniger gewillt, zu warten und zu akzeptieren, dass es keine Antwort auf ihre Frage gibt. Sie erwarten mehr Gegenseitigkeit. Mit sogenannten Konsens-Chatbots, ich nenne sie «Nutella-Roboter», weil sie dem Ego genauso schmeicheln sollen wie Nutella dem Gaumen, werden sich die Erwartungen nochmals verändern. Manche Patientinnen und Patienten werden Widerspruch schlechter ertragen können. Wir müssen uns darum weiterentwickeln und der Gegenseitigkeit und Zusammenarbeit mit den Patientinnen und Patienten einen höheren Stellenwert einräumen.

Der Interviewpartner
Serge Tisseron ist ein französischer Psychologe, Psychiater und Psychoanalyst, Mitglied der französischen Académie des technologies, Präsident und Gründer des Instituts für die Erforschung der Mensch-Roboter-Beziehungen (Institut pour l’étude des relations homme-­robots, IERHR).
 

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