Menschenfreundliche Architektur

Urs-Ueli Schorno
Forschung
Verband
Architekturpsychologie gibt den Bedürfnissen der Nutzenden Raum. Erfahren Sie mehr zu diesem Thema in der neuen Psychoscope-Ausgabe.

In meiner Kindheit habe ich gerne Wände im Haus meiner Eltern  bemalt. Am liebsten mit grosszügigen Strichen, Kreisen und Figuren aus wasserfesten Stiften. Im Gang, in der Küche, im Wohnzimmer. Die Eltern hatten an meinem bunten, abstrakten Werk zunächst keine Freude. Doch nach dem ersten Schreck, eine Wand musste frisch gestrichen werden, fand sich eine Lösung: Ich durfte die Tür meines Zimmers nach meinen eigenen Vorstellungen bepinseln. Einige Jahre später, inzwischen ein pubertierender Jugendlicher, stellten die Behörden uns eine Unterführung der Autobahn zur Verfügung, sodass wir sie legal mit Graffiti besprühen konnten. In meiner ersten eigenen Wohnung war das natürlich nicht mehr möglich. Stattdessen klebte ich Poster von meinen Lieblingsfilmen an die Wand und stellte gerahmte Fotos meiner ersten Graffiti auf.
Wie wichtig es ist, dass wir unsere Umgebung mitgestalten dürfen, zeigt sich auch im Gesundheits-wesen. Die Bilder in dieser Ausgabe zeugen davon: Catherine und Pieter Versteegh liessen Patienten einer Klinik ihre eigenen Pflegeräume aus recycleten Materialien erschaffen. Die Ergebnisse unterscheiden sich stark davon, was wir heute oft in Spitälern oder Psychiatrien antreffen: Die Raumaufteilung ist nicht auf Effizienz ausgelegt, sondern darauf, dass Patientinnen und Patienten sich trotz Krankheit wohlfühlen. Freundlich statt klinisch. Damit verbunden ist auch die Hoffnung, dass solche Konzepte, die von den Nutzerinnen und Nutzern der Räume aus-gehen, auch in der Architektur immer mehr Eingang finden. Ich auf jeden Fall bin meinen Eltern dankbar, dass sie nach dem ersten Schock verstanden haben, wie wichtig es für mich bis heute ist, Räume mitzugestalten, in denen ich viel Zeit verbringe.

Publiziert im Psychoscope 1/2022
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    Psychoscope 1/2022

    Mitgestalten
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    Psychoscope 6/2021

    Geschlechtliche Identität
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    Psychoscope 5/2021

    Eltern werden
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    Psychoscope 4/2021

    Medienpsychologie

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