Mit Motivation statt Moral gegen das Rauschtrinken

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Empathisches Verhalten kann Jugendliche zu einem bewussteren Alkoholkonsum bewegen.

Immer wieder landen junge Erwachsene auf der Notfallstation, nachdem sie exzessiv mit Alkohol gefeiert haben. Gar zehn Prozent der Todesfälle von unter 24-jährigen Personen gehen auf Alkoholkonsum zurück. Die Notfallstation spielt dabei bei der Behandlung und Prävention eine wichtige Rolle – auch weil sich kaum ein Jugendlicher von sich aus in Therapie begibt. Studien über diese psychologische Arbeit in Spitälern gibt es allerdings nur wenige.

Eine davon kommt von einer Forschungsgruppe des Centre hospitalier universitaire vaudois (CHUV) in Lausanne. Sie testet sei vier Jahren eine Motivationstherapie gegen Alkoholsucht. Das Magazin Horizonte publizierte erste Resultate der bisher unveröffentlichten Studie und hat mit einem der Forschenden gesprochen. 

In motivierenden Kurzinterventionen versuchen die Fachkräfte, mit den Patienten ein Gespräch zu führen. Dabei geht es nicht um das Moralisieren des Trinkens, sondern darum, ob und wie die Patientin etwas an ihrem Lebenslauf ändern könnte. Bisher fehlten verlässliche Zahlen, wie diese Gespräche, die auf Empathie setzen, wirken. Jacques Gaume, Forscher am CHUV, hat deshalb zusammen mit Kollegen eine Studie entworfen, welche die Wirksamkeit dieser Kurzinterventionen erstmals systematisch prüfen will. 

Dazu mussten zunächst die Interventionen vergleichbar gemacht werden: In einer Variante wurde eine Standardbefragung entwickelt ohne empathische Elemente. Die zweite Variante ist als motivierende Kurz­intervention konzipiert. Dabei soll in drei Stufen zunächst das Vertrauen zwischen Fachperson und Patienten hergestellt werden, dann die persönliche Situation gemeinsam besprochen und schliesslich nächste Schritte geplant werden. Die Patienten haben auch die Wahl, ob sie den Betreuern nach ein paar Wochen telefonisch über die Situation und die Entwicklung Auskunft geben wollen. 

Zunächst wurde eine Vorstudie an zehn Patientinnen getestet, optimiert und das Studienprotokoll publiziert. Für die eigentliche Studie wurden 344 Patienten und Patientinnen ausgewählt, die in zwei Gruppen zufällig der Standardbefragung oder der motivierenden Kurzintervention zugewiesen wurden. 

Die vollständige Auswertung der Daten steht noch aus, doch Jacques Gaume sieht eine eindeutige Tendenz: «Es funktioniert. Wir konnten die Zahl der Episoden mit Rauschtrinken auf tieferem Niveau stabilisieren», sagt er gegenüber Horizonte. Mit Rauschtrinken ist gemeint, dass mehr als sechs Gläser Alkohol aufs Mal konsumiert werden. Im ersten Monat hatten Personen, bei denen das Standard-Interview durchgeführt wurde, im Schnitt 3,4 Episoden mit Rauschtrinken, die nach 12 Monaten wieder auf 5,1 anstiegen. Diejenigen jungen Erwachsenen, die das Motivationsgespräch absolviert hatten, tranken im Schnitt nach einem Monat 3,7-mal mehr als sechs Gläser Alkohol – allerdings stieg die Zahl bei dieser Gruppe bis im zwölften Monat nur auf 4,1. 
 

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