Nachhaltigkeit fördern

Luzia Lingg
Forschung
Verband
Umweltfreundliches Verhalten setzt voraus, dass eigene Abwehrmechanismen reflektiert werden.

Die Menschen wissen es schon lange und Forschende weisen unermüdlich darauf hin: Die schnelle Erd­erwärmung gefährdet unsere natürlichen Lebensgrundlagen sowie unsere körperliche und psychische Unversehrtheit. Die Auswirkungen des Klimawandels werden weltweit, etwa durch extreme Wetterereignisse, Naturkatastrophen oder eine Verringerung der Bio­diversität, immer deutlicher spür- und sichtbar. Der Klimawandel ist menschgemacht und lässt sich nicht mehr negieren. Er ist für uns Menschen eine existenzielle Bedrohung, doch der Klimawandel und die ökologische Krise werden von den meisten intuitiv unterschätzt. Obwohl diese Zusammenhänge wissenschaftlich gut belegt sind, fehlt es an wirksamen Gegenmassnahmen und politischer Unterstützung. 

Corona-Pandemie und Umweltzerstörung
Durch die Coronakrise erleben wir, wie Umweltzerstörung und menschliche Gesundheit miteinander zusammenhängen können. Gemäss Experten der Umweltschutzorganisation WWF sei dem Krankheitserreger der Sprung über die Artgrenzen hinweg aufgrund der Zerstörung natürlicher Ökosysteme, des Verlusts biologischer Vielfalt und des illegalen Wildtierhandels gelungen. Pandemien können demnach als Symptom eines kranken Planeten gesehen werden.
Mit der Corona-Pandemie und der Klimakrise haben wir es mit zwei hochkomplexen Krisen zu tun, sie unterscheiden sich jedoch darin, wie wir sie wahrnehmen. Aufgrund ihres evolutionären Erbes nehmen die Menschen eine Bedrohung wahr, wenn sie real, bekannt, hinsichtlich Zeit und Ort unmittelbar und mit absehbaren direkten negativen Konsequenzen verbunden ist. Die Corona-Pandemie ist momentan sehr präsent, wir kennen Virusinfektionen und schwere Erkrankungen aus eigener Erfahrung oder aus dem Bekanntenkreis. Nahestehende Menschen gehören zu Risikogruppen, die durch das Coronavirus unmittelbar gesundheitlich gefährdet sind. Obwohl die Massnahmen einschneidend sind, fallen hier vielen Menschen Verhaltensänderungen und konstruktives Handeln leichter. Wenn wir sehen, wofür wir unsere Freiheiten einschränken, sind wir bereit, angemessene politische Massnahmen einzuhalten – unter der Voraussetzung, dass sie für alle gelten und kein eigener Verlust droht. 
Bei der Klimakrise hingegen bleiben die Folgen für die meisten von uns hinsichtlich Ursache und Auswirkung sowie Zeit und Ort abstrakt. Der Klimawandel kommt schleichend daher – und obwohl er für uns Menschen viel bedrohlicher ist als das Coronavirus, löst er nicht dieselbe Art von Panikgefühl aus. 
Bei der Klimakrise zeigt sich zudem, dass der sogenannte Belohnungsaufschub dafür sorgt, dass Menschen ihr Verhalten nicht ändern können oder wollen. Denn um von der Verhaltensänderung einen langfristigen Nutzen zu haben, müssen kurzfristige Kosten in Kauf genommen werden, wie etwa der Umstieg vom Auto auf den öffentlichen Verkehr oder höhere Preise für nachhaltig angebaute Lebensmittel. Dazu kommt, dass bei der Klimakrise der langfristige Nutzen, im Vergleich zur Coronakrise, für viele unklar ist. Wenn von der Politik keine klar kommunizierten Massnahmen zur Bewältigung der Klimakrise ergriffen werden, wird den Menschen das Signal gesendet, dass keine akute Bedrohungslage vorliegt und die bisherigen individuellen und politischen Bemühungen ausreichen. 

Sich den Abwehrmechanismen bewusst werden
Wie können wir das Bewusstsein für die Klimakrise fördern und die dafür nötigen individuellen und gesellschaftspolitischen Änderungsprozesse rasch anschieben? Die Bewältigung dieser Krise erfordert Veränderungsprozesse, sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftspolitischer Ebene. Dazu gehört, dass den Menschen die Klimakrise und die psychologischen Mechanismen, die eine adäquate Wahrnehmung der Bedrohungslage erschweren, bewusst werden. Die Konfrontation mit bedrohlichen Informationen über die Klimakrise löst oft Gefühle der Angst, Ohnmacht, Kontrollverlust, Trauer, Wut, Schuld und Scham aus. 
Der Mensch kann sich mit kognitiven Abwehrmechanismen vor solchen unangenehmen Gefühlen schützen: Durch Distanzierung werden die Klimafolgen zeitlich und örtlich weit weg wahrgenommen. Die Gefahr löst dadurch nicht die nötigen Abwehr- und Flucht-Mechanismen aus. Bei dem Phänomen der kognitiven Dissonanz besteht ein Widerspruch zwischen einer Tatsache (es gibt zu viel CO2 in der Atmosphäre, die zur Klimakrise führt) und den Einstellungen und dem Verhalten eines Menschen (Fliegen, Fleisch essen, Autofahren und so weiter). Die mit kognitiver Dissonanz verbundene innere Anspannung kann mit Strategien wie Verleugnung («Den Klimawandel gibt es nicht»), Bagatellisierung («So schlimm ist doch alles gar nicht»), Rechtfertigung («Mein Nachbar fährt mehr Auto als ich», «es gab schon immer Klimaveränderungen») oder Verdrängung (man beschäftigt sich nicht damit) abgebaut werden. Weitere kognitive Abwehr­mechanismen sind die Gewöhnung gegenüber wiederholt angstauslösenden schlechten Nachrichten bis hin zu einer Art «Weltuntergangsmüdigkeit» sowie das Filtern von Informationen durch unsere professionelle und kulturelle Identität. Wir nehmen vor allem die Informationen wahr, welche zu unseren Wertvorstellungen passen und sich in unsere bisherige Weltanschauung einfügen lassen. Andere wichtige Fakten werden ignoriert oder gar geleugnet. 

Handlungsfähig werden
Die Klimakrise kann emotional besser verarbeitet werden, wenn wir wissen, wie wir handeln können. Seit 2019 haben sich Millionen von Menschen der globalen Klimabewegung angeschlossen und sich an Klimastreiks beteiligt. Durch das gemeinsame Handeln können Menschen Ohnmacht und Verdrängung überwinden, Selbstwirksamkeit erleben und ein Gefühl von Kontrolle und Einflussnahme wiedererlangen.
Die Klimafolgenforscherin Ilona Otto von der Humboldt-Universität Berlin hält fest, dass eine engagierte Minderheit von 10 bis 25 Prozent der Bevölkerung ausreicht, um die Mehrheit der Bevölkerung von klimafreundlichem Verhalten zu überzeugen. Individuelle Verhaltensänderungen und das Engagement von wichtigen Akteuren in der Gesellschaft (Produzentinnen, Energieerzeuger, Pädagoginnen, Finanzinvestoren, Bürgergruppen und so weiter) tragen dazu bei, dass sich das Bewusstsein in der Gesellschaft wandelt – eine Voraussetzung dafür, dass die Klimakrise bewältigt werden kann.  

Die Autorin
Luzia Lingg est psychologue spécialiste en psychothérapie FSP et travaille dans son propre cabinet à Lucerne avec des enfants, des adolescents et des adultes. Depuis février 2020, elle est membre du groupe régional de Psychologists for Future en Suisse centrale.

Literatur
Espen Stoknes, P. (2017). How to transform apocalypse fatigue into action on global warming. New York : TEDGlobal.
Otto, I. M., et al. (2020). Social tipping dynamics for stabilizing Earth’s climate by 2050. PNAS. doi : 10.1073/pnas.1900577117
Dohm, L.,  Peter, F., & Rodenstein, B. (2020). Warum die Klimakrise auch eine psychologische Krise ist. Psylife.de
La bibliographie complète est disponible auprès de l’auteure.

Informationen
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