19.12.2016

Dringender Handlungsbedarf bei der Versorgung psychisch Kranker

Unser Gesundheitssystem weist hohe Zugangshürden für psychisch erkrankte Personen auf, in bestimmten Bereichen existiert eine massive Fehl- und Unterversorgung. Dies zeigt eine heute vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) veröffentlichte Studie. Diese Missstände müssen rasch korrigiert werden – nicht behandelte psychische Störungen führen zu chronischen Leiden, belasten das Sozialsystem und wirken sich negativ auf das Umfeld der Betroffenen aus. Die Lösung liegt seit Jahren auf dem Tisch: der Wechsel vom Delegations- zum Anordnungsmodell bei der psychologischen Psychotherapie.

Die Studie identifiziert die grösste Zugangshürde zum Gesundheitssystem für psychisch Erkrankte bei den Finanzierungsmodalitäten. Die Grundversicherung übernimmt die Kosten nur dann, wenn die Psychotherapie von Psychologinnen oder Psychologen unter ärztlicher Aufsicht (delegierte Psychotherapie) oder von spezialisierten Ärztinnen oder Ärzten durchgeführt wird. Dieser Flaschenhals führt zu langen Wartefristen und Fehlbehandlungen und schränkt die Möglichkeit ein, die jeweils passende Therapieform zu wählen. Dabei ist bekannt: Je früher eine Behandlung einsetzt, desto wirksamer ist sie.

Die Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) fordert deshalb den Wechsel vom Delegations- zum Anordnungsmodell. Ein rascher Zugang zur psychotherapeutischen Versorgung hilft, Folgekosten zu minimieren.

Niederschwellige Zugänge

Zugangshürden existieren jedoch nicht nur aufgrund der Finanzierung: Der Gang zum Psychiater oder Psychiaterin fällt vielen schwer, die Psychiatrie ist stark stigmatisiert. Deshalb müssen psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten besser in das Gesundheitssystem eingebunden werden. Zusätzlich muss die psychotherapeutische Versorgung besser in das Gesamtsystem eingebunden werden.

Mit einem Anordnungsmodell, in welchem sowohl Haus- als auch Spezialärzte direkt psychotherapeutische Leistungen anordnen können, würden niederschwellige Zugänge zur Versorgung psychisch erkrankter Menschen geschaffen.

Bessere Einbindung psychologischer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten

Der fehlende Nachwuchs bei den Psychiaterinnen und Psychiatern wird aktuell durch ausländische Fachkräfte kompensiert. Dies führt zu sprachlichen Problemen in der Therapie, was den Therapieerfolg gefährden kann. Fachleute befürchten, dass sich dieser Engpass in den kommenden Jahren noch zuspitzen wird. Besonders deutlich zeigt die Studie eine Unter- und Fehlversorgung in den Angeboten für Kinder und Jugendliche.

Psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten müssen besser ins Gesundheitswesen eingebunden werden – sie sind sowohl fähig als auch willens, die psychotherapeutische Versorgung der Schweizer Bevölkerung sicherzustellen.