08.03.2017

Vom Labor in den Alltag

Die Aufgabe, daran zu denken, zweimal täglich ein SMS an jemanden zu versenden, erfüllten ältere Probandinnen problemlos. © Fotolia.com - De Visu.

Wie funktioniert das prospektive Gedächtnis im alltäglichen Leben älterer Personen?

Gesunde ältere Menschen erinnern sich nicht schlechter an Dinge, die sie sich vorgenommen haben, zu tun. Dies zeigen neue Forschungsresultate.


Von Matthias Kliegel und Nicola Ballhausen, publiziert im Psychoscope 2/2017

Werden wir im Alter vergesslicher? Diese Frage würden vermutlich die meisten von uns bejahen. In der Gesellschaft besteht bezüglich kognitives Alter ein eher negatives Bild des Älterwerdens. Die Assoziationen, die mit dem alternden Gehirn verbunden sind, reichen von der sogenannten Altersvergesslichkeit bis hin zu Orientierungslosigkeit aufgrund von Demenzerkrankungen. Dieses Bild führt oft zu einer diffusen Angst vor dem eigenen Altern. Aber was wissen wir wirklich über das alternde Gedächtnis?
Grundsätzlich kommt fast alles, was wir über alternde kognitive Ressourcen wissen, aus den Laboren von Psychologinnen und Neurowissenschaftlern. Diese Studien haben zwar viele äusserst wichtige Ergebnisse zum Verstehen des alternden Gedächtnisses geliefert. Allerdings wurden sich die Forschenden der kognitiven Gerontopsychologie in den letzten Jahren darüber klar, dass sie zwar immer mehr über die Funktionsweise des alternden Gedächtnisses wissen, sie in ihren Studien jedoch nur selten direkte Alltagsphänomene untersuchen. Mit anderen Worten: Wir wissen überraschend wenig darüber, wie gut die kognitive Leistungsfähigkeit im Alltag einer älter werdenden Person "funktioniert" und ob sie mit ihren - möglicherweise nachlassenden - kognitiven Ressourcen die im täglichen Leben anstehenden Herausforderungen nicht sogar mehr als angemessen meistern kann. Vor­ausgesetzt selbstverständlich, dass das Gehirn nicht von einer Demenzerkrankung befallen wird. Wenn man die übliche, aus einer Krankheits- und Labororientierung stammende Perspektive auf das geistige Altern einmal verlässt, fällt auf, dass die systematische Forschung zu den Verläufen und Mechanismen eines gesunden kognitiven Alterns im Alltagskontext noch in den Kinderschuhen steckt. Dies zu ändern, ist eines der zentralen Ziele der Forschung zum kognitiven Altern am Psychologischen Institut der Universität Genf.
Das erkenntnisleitende Interesse, das Potenzial des kognitiven Systems im Alltag älterer Menschen besser zu verstehen, hat Konsequenzen in mindestens vier Forschungsbereichen. Erstens bei der Ermittlung von Forschungsgegenständen: Welche Gedächtnisaspekte sind im Alltag besonders relevant? Zweitens bezüglich der untersuchten Phänomene: In welchen Situationen schneiden Ältere besonders gut ab und warum? Drittens bei den Forschungsstrategien: Wie kann man kognitive Prozesse im Alltag beobachten und messen? Und viertens bei den Forschungszielen: Wie kann man Leistungsfähigkeit erhalten und trainieren?
Unser zentrales Forschungsparadigma in Genf bezieht sich auf einen Bereich des Gedächtnisses, der als besonders alltagsrelevant erkannt und doch vom Mainstream der kognitiven Psychologie lange vernachlässigt wurde: das prospektive Gedächtnis (siehe Infobox). Wie vollzieht die kognitive Alternsforschung in Genf den Paradigmenwechsel "From Lab to Life"? (Vom Labor in den Alltag). Das prospektive Gedächtnis soll hierbei als Fallbeispiel herangezogen werden.
Forschende begannen vor etwa 30 Jahren, das prospektive Gedächtnis systematisch zu erforschen. Eine zentrale Frage war zunächst, ob sich das prospektive Gedächtnis genauso verschlechtert wie andere Gedächtnisarten, etwa das episodische oder das Arbeitsgedächtnis. Der kanadische Gedächtnisforscher Fergus Craik vermutete, dass gerade das prospektive Gedächtnis eine Herausforderung für ältere Menschen darstellen könnte, da sich die Personen selbstständig und ohne Hilfe aus der Umwelt an die geplanten Vorhaben erinnern müssten. Diese Vermutung bestätigte sich zunächst in vielen (Labor-)Studien, in denen sich die Testperson im Laufe des Experiments an bestimmte Aufgaben erinnern sollte, wie daran zu denken, eine bestimmte Taste zu drücken, sobald sie ein bestimmtes Bild auf einem Computerbildschirm sieht.


Ältere erinnern sich nicht zwingend schlecht

Die australische Psychologin Julie Henry zeigte jedoch in einer Metaanalyse, dass nicht alle Studien dieses Ergebnis bestätigen. In einigen Untersuchungen erbrachten die Jungen und Älteren die gleichen, manchmal die Älteren sogar bessere Ergebnisse. Dieser Widerspruch motivierte weitere Forschung zur Entwicklung des prospektiven Gedächtnisses im Alter, die ein erstaunliches Phänomen zu Tage förderte: das sogenannte "Altersparadox des prospektiven Gedächtnisses". Dieses Paradox forderte die kognitive Altersforschung besonders heraus. Entdeckt wurde es, als Forschende das prospektive Gedächtnis mit Hilfe von "natürlicheren" Aufgaben im Alltagskontext der älteren Personen analysierten, etwa daran zu denken, jemanden anzurufen. Während die Älteren im Labor im Allgemeinen schlechtere Leistungen erzielten als die Jüngeren, drehte sich das Bild im Alltagskontext um: Hier zeigten die Älteren bessere Ergebnisse als die Jüngeren. Es konnte also nicht einfach nur das sonst beobachtete Ausbleiben des bekannten Leistungsabfalls festgestellt werden. Studien unserer Arbeitsgruppe, die dieselben Testpersonen sowohl im Labor als auch im Alltag untersuchten und die Ergebnisse verglichen, bekräftigten diesen Befund.
Betrachtet man also nur Laborstudien, muss man zum Schluss kommen, dass das prospektive Gedächtnis im Alter abnimmt. Untersucht man die älteren Personen aber in ihrem Alltag, gibt man einer Probandin beispielsweise die Aufgabe, daran zu denken, zweimal täglich ein SMS an jemanden zu versenden, zeigt sich, dass Fähigkeiten des prospektiven Gedächtnisses im Alter erhalten bleiben. Und nicht nur dies: Möglicherweise verbessern sich diese Fähigkeiten sogar - das gilt auch, wenn andere damit zusammenhängende kognitive Funktionen wie Arbeitsgedächtnis oder exekutive Funktionen nachweisbar abnehmen.
Das Altersparadox des prospektiven Gedächtnisses erfordert folglich eine umfassendere Forschung. Einerseits sollte die Leistungsfähigkeit von jungen und älteren Personen im Alltag ermittelt werden. Andererseits müssten die Mechanismen und Prozesse, die den möglichen Verläufen der prospektiven Gedächtnisleistungen im Labor- und im Alltagskontext unterliegen, aufgedeckt werden.


Forschung nötig, die den Alltag berücksichtigt
Um auf die eingangs gestellte Frage zurückzukommen, ob wir im Alter vergesslicher werden, müssen wir unter Berücksichtigung des aktuellen Forschungsstands feststellen, dass wir diese Frage für zentrale Bereiche des Alltags noch nicht beantworten können, denn es fehlen hierzu einfach noch weitere systematische Studien aus dem Alltag der älter werdenden Personen. Wenn sich Tendenzen abzeichnen, so scheinen sie darauf hinzudeuten, dass das Gedächtnis im Alltag von gesunden älteren Menschen doch deutlich länger gut funktioniert als traditionelle Forschungsansätze nahelegen. In der Zukunft muss sich die kognitive Gerontopsychologie daher mindestens drei Forschungslinien widmen - und dies nicht nur im Bereich des prospektiven Gedächtnisses.
Erstens benötigen wir mehr Forschende, die sich vom Labor in das Alltagsleben wagen und die dabei nicht nur auf abstrakte und vorgegebene Aufgaben setzen. Stattdessen müssen zweitens Mess- und Analyseverfahren entwickelt werden, die kognitive Prozesse unbeeinflussend im Alltag objektiv, reliabel und valide beobachten. Diese Verfahren sollten drittens auch über traditionelle Zugänge zur Selbstbeschreibung, wie etwa Tagebucheinträge, hinausgehen.

 

Autor und Autorin

Matthias Kliegel ist Ordinarius für kognitive Alternsforschung am Psychologischen Institut der Universität Genf. Er ist ausserdem Direktor des Interfakultären Forschungszentrums für Gerontologie und Vulnerabilitätsforschung der Universität Genf. Seine Forschung widmet sich der kognitiven Entwicklung über die Lebensspanne.


Nicola Ballhausen ist Psychologin und arbeitet als Postdoktorandin am Lehrstuhl von Matthias Kliegel. Sie leitet dort die Arbeitsgruppe zur Erforschung kognitiver Kontrollprozesse und deren Entwicklung im Alter.

 

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