13.03.2017

«Ich lebe mein Leben intensiver»

Die Verantwortliche des Einsatzteams AGPsy-Police, Helena Casazza, leistete nach Terroranschlägen psychologische Nothilfe. © Aurélie Faesch-Despont.

In Katastrophensituationen greift die Notfallpsychologin Helena Casazza beherzt ein, um die Betroffenen zu unterstützen.

Von Aurélie Faesch-Despont, publiziert im Psychoscope 2/2017


Nach den Terroranschlägen in Brüssel, Nizza und Berlin im vergangenen Jahr mussten zahlreiche traumatisierte Personen psychologisch betreut werden. In solchen Fällen arbeiten Notfallpsychologen und Notfallpsychologinnen wie die Genferin Helena Casazza Hand in Hand mit der Polizei, um sich um die Zeugen, Opfer und deren Angehörige zu kümmern. "Auch wenn unsere Gesellschaft immer individualistischer wird, so sagen wir den Betroffenen in diesem Moment: Wir lassen euch nicht im Stich, wir sind da, um euch zu begleiten und zu unterstützen", erklärt die Verantwortliche des Notfallteams AGPsy-Police. Doch das Team beschränkt sich nicht auf Grosseinsätze, die in der Schweiz zum Glück relativ selten sind. Das Genfer Team rückte 2016 rund 120 Mal aus, um Opfern, deren Angehörigen und Zeugen von Angriffen, Überfällen oder gewaltsamen Todesfällen, wie durch Suizid, Ertrinken oder Verkehrsunfälle, beizustehen.
In der Schweiz ist die Notfallpsychologie keine Vollzeitbeschäftigung. Dies ist in Ordnung für die Notfallpsychologen, denn die Tätigkeit sei psychisch sehr belastend. Und Helena Casazza fügt an: "Aus ethischen Gründen können wir nicht auf traumatisierte Personen hoffen, um Geld zu verdienen." Das Genfer System sieht vor, dass die Psychologinnen und Psychologen regelmässig Bereitschaftsdienst leisten - ehrenamtlich. Nur Einsätze werden entschädigt. Und dies auch nur, wenn die Ereignisse im Kanton Genf vorfallen. Nach den Attentaten in Belgien und Frankreich unterstützte das Team von AGPsy-Police beispielsweise unentgeltlich diejenigen Genferinnen und Genfer, die die Ereignisse vor Ort miterlebt hatten und nach ihrer Rückkehr Unterstützung brauchten. "Wir arbeiten noch daran, dass auch solche Einsätze entschädigt werden", so die Notfallpsychologin.


Mit Katastrophensituationen umgehen
"Mir war schon immer klar, dass ich in der Notfallpsychologie arbeiten wollte", erinnert sich Helena Casazza. Bereits im zweiten Jahr ihres Psychologiestudiums an der Universität Genf absolvierte sie ein Praktikum bei der Dargebotenen Hand, dem Nottelefon 143. "Meine Aufgabe war es, den Anrufenden ein offenes Ohr zu bieten und zu versuchen, ihre Probleme zu lösen. Die Dringlichkeit war zwar manchmal relativ, doch von Zeit zu Zeit waren wir mit kritischen Situationen konfrontiert." Später arbeitete die junge Frau für die Kinder-Notrufnummer 147. Nach Abschluss ihres Studiums absolvierte sie ein Praktikum beim Genfer Roten Kreuz. In dieser Zeit liess sie sich beim Westschweizer und Tessiner Psychologenverband (farp) in Notfallpsychologie ausbilden. 2007 trat Helena Casazza dem Team von AGPsy-Police bei, parallel dazu arbeitete sie im Bereich Eingliederung und Berufscoaching für verschiedene Vereine.
Als im Januar 2013 eine Stelle bei der Genfer Kantonspolizei frei wurde, ergriff die heute 35-Jährige die Chance, beide Aspekte ihrer Arbeit unter einen Hut zu bringen. Sie kümmert sich um die polizeipsychologische Ausbildung und leistet Unterstützung bei Rekrutierung, Coaching und im Alltag der Genfer Polizei. Zugleich ist sie für das AGPsy-Police-Team verantwortlich. Neben der Personalverwaltung, der Koordination und Einsatzplanung beschäftigt sich Helena Casazza auch mit Aktionsplänen und bereitet mögliche Grosseinsätze vor, also Katastrophenszenarien in der Schweiz. "Wir haben gesehen, was die Menschen in unseren Nachbarländern erlebt haben. Es gibt noch viel zu lernen, auch aus der Vergangenheit." Die Notfallpsychologinnen und Notfallpsychologen können sich an der polizeilichen Struktur orientieren, um in eine chaotische Situation, in der Hunderte oder gar Tausende Menschen Unterstützung brauchen, wieder Ordnung bringen zu können. Über die Westschweizer Notfallpsychologie-Gesellschaft (CRPU) und das Nationale Netzwerk für psychologische Notfallhilfe
(RNAPU) steht Helena Casazza in Kontakt mit Kolleginnen und Kollegen in anderen Kantonen.
Das Genfer Notfall-Einsatzteam besteht aus 15 Psychologinnen und Psychologen, die im Turnus Bereitschaftsdienst leisten, um das ganze Jahr rund um die Uhr einsatzbereit zu sein. "Wir versuchen, immer zwei Linien offen zu haben. Eine Schicht dauert jeweils von Mitternacht bis Mittag, von Mittag bis 18 Uhr oder von 18 Uhr bis Mitternacht. In dieser Zeit müssen wir über ein Fahrzeug verfügen, telefonisch erreichbar sein und uns innerhalb von 30 Minuten an den Ort des Geschehens begeben können."


Betroffene in die Wirklichkeit zurückholen

Vor kurzem ist ein schwerer Verkehrsunfall passiert. Helena Casazza wird aufgeboten. Nachdem die Polizisten die Situation vor Ort aufgrund einer Checkliste einschätzen, entschliessen sie sich an diesem Abend dafür, das psychologische Einsatzteam anzurufen. Helena Casazza hat zu diesem Zeitpunkt Bereitschaftsdienst und erhält von der Zentrale bereits telefonisch erste Angaben zum Vorfall. Bevor sie ausrückt, ruft sie die Polizei am Einsatzort an, um die Situation genauer einschätzen zu können und zu erfahren, welche Personen es zu betreuen gilt. "Manchmal ist ein Einsatz vor Ort nicht erforderlich", weiss die Psychologin. Nach der ersten Einschätzung geht sie davon aus, dass sie sich wahrscheinlich um den fehlbaren Fahrzeuglenker und vielleicht um zwei Zeugen des Unfalls kümmern muss. Einmal am Unfallort angekommen, versucht sie, den Betroffenen dabei zu helfen, sich vom Bedrohungsgefühl zu befreien. "Ich betreue die Betroffenen nicht am Strassenrand", so Helena Casazza. Sie fragt die Person, ob ihre Anwesenheit erwünscht ist oder nicht. "Wir gehen davon aus, dass jeder Mensch über die Kompetenzen und Ressourcen verfügt, um selbst mit der Situation klarzukommen. Unser Ziel ist es, dass die Betroffenen alle Ressourcen mobilisieren können, um sich mit den Geschehnissen auseinanderzusetzen. Wir dürfen nicht die Funktion einer Krücke übernehmen."
Meistens wird die Unterstützung und Begleitung der Notfallpsychologinnen und Notfallpsychologen bereitwillig akzeptiert. Das Wichtigste ist, die Person in die Wirklichkeit zurückzuholen und den Schockzustand zu überwinden. "Anschliessend sind wir da, um auf die Bedürfnisse der Person einzugehen, damit sie sich nicht allein gelassen fühlt." Die Psychologin erklärt den Betroffenen dabei, welche natürlichen Reaktionen nach einem dramatischen Vorfall eintreten können, etwa Schlafstörungen, Reizbarkeit oder Appetitlosigkeit. Die Symptome sollten jedoch mit der Zeit abklingen. "Wir melden uns einige Tage nach dem traumatischen Ereignis bei den Betroffenen, um die Situation zu beurteilen und zu sehen, wie es ihnen geht." Bei Bedarf bietet die Notfallpsychologin ein Debriefing an. Im Anschluss daran kann ein drittes Treffen stattfinden. Damit ist die unentgeltliche psychologische Betreuung durch AGPsy-Police abgeschlossen. Sollten die Symptome andauern, werden die Betroffenen an eine Psychotherapeutin oder einen Psychotherapeuten weitergeleitet.


Ständig einsatzbereit sein

"Durch die Konfrontation mit solchen Situationen habe ich viel gelernt", meint Helena Casazza. "Sie erinnern mich daran, dass wir alle sterblich sind und wir jeden Tag geniessen sollten. Ich lebe mein Leben dadurch intensiver." Doch nicht alle können diesen Beruf ausüben. Denn er bedingt eine grosse Anpassungsfähigkeit, eine hohe Stressresistenz, viel Empathie und eine sehr gute psychische Verfassung. "Bestimmte Situationen können uns bis ins Mark durchschütteln, deshalb ist es sehr wichtig, seine eigenen Grenzen zu kennen." Die grösste Schwierigkeit liegt für Helena Casazza darin, zu jeder Zeit einsatzbereit sein zu müssen. Auch der abrupte Übergang von einem gemütlichen Moment mit der Familie in die grosse Not der Menschen ist nicht immer einfach. "Manchmal fällt es schwer, Zeuge des Moments zu sein, in dem das Leben einer Person aus der Bahn geworfen wird. Doch sobald ich vor Ort bin, geht es gut, die Arbeit verdrängt alles andere." Die Mitglieder von AGPsy-Police helfen einander gegenseitig und bieten den Kolleginnen und Kollegen, die schwierige Situationen durchlebt haben, regelmässig ihre Hilfe an.
Auch wenn sich das Einsatzteam auf zahlreiche erfahrene Psychologinnen und Psychologen stützen kann, die seit Jahren mit dabei sind, sind neue Mitarbeitende stets willkommen. Voraussetzung ist der Abschluss des ersten Moduls in Notfallpsychologie des farp. Interessenten können sich anschliessend für ein Praktikum bewerben, während dessen sie einen erfahrenen Psychologen respektive Psychologin bei den Einsätzen begleiten, bis sie bereit sind, eigenständig zu arbeiten. "Es ist eine ganz spezielle, aber auch schöne Tätigkeit. Wir teilen intime Momente mit den betroffenen Personen, die unsere Hilfe in Anspruch nehmen. Sie beweisen uns, dass sie über viel Kraft und Ressourcen verfügen", meint Helena Casazza. "Das ist eine wichtige Lektion fürs Leben."

 

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