10.03.2017

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Von Joël Frei, publiziert im Psychoscope 2/2017


Jim Lewis und Jim Springer treffen sich seit ihrer Trennung nach Geburt zum ersten Mal in ihrem Leben. Was sie bereden, scheint den eineiigen Zwillingsbrüdern "unheimlich, ja geradezu gespenstisch". Denn als Schüler hassten beide Rechtschreibung und hatten einen Hund namens Toy. Beide heirateten eine Frau namens Linda, liessen sich scheiden und gingen eine neue Partnerschaft ein - bei beiden heisst die Freundin Betty. Sie sind beide Kettenraucher, kauen Fingernägel und gaben das Schreinern als Hobby auf.
Selbst Fachleute sind verblüfft. Die "Jim Twins" motivieren eine gross angelegte Studie unter der Leitung des Psychologen Thomas Bouchard von der US-Universität Minnesota. Der Wissenschaftler findet 1990 hohe Erblichkeitswerte für diverse Merkmalsausprägungen wie Intelligenz und andere Eigenschaften einer Person.
Die Frage, wie wir die geworden sind, die wir sind, beschäftigt die Menschen seit der Antike. Sind es die Anlagen, die unser Sein ausmachen, oder bestimmt die Umwelt unsere Fähigkeiten, Merkmale und das Verhalten?
Wenn wir sagen, dass der "Apfel nicht weit vom Stamm fällt", implizieren wir, dass ein Kind, der Apfel, eben wie die Mutter oder der Vater ist. Der Stamm steht aber nicht nur für die Eltern und deren mitgegebenen Gene, sondern auch für die Einflüsse der Familie auf das Kind. Dazu gehören Familienklima, Erziehungsstil, Verwandte sowie die soziale Schicht.
Dem gegenübergestellt werden unter den Geschwistern nicht geteilte Umwelteinflüsse wie Schwangerschaftsverlauf, Unfälle, Krankheiten, die Beziehung zu den Eltern sowie die sozialen Kontakte des Kinds. Später, wenn der noch grüne "Apfel" heranreift, bildet die Umwelt einen sozialen Spielraum, der dem Heranwachsenden erstaunliche Entwicklungsmöglichkeiten bietet.
Trotz der starken Prägung unserer Persönlichkeit durch die Gene kann beispielsweise prosoziales Verhalten durch eine entsprechende Umwelt gefördert werden. Denn dieses Verhalten, positive Emotionalität und Gerechtigkeit wird von anderen belohnt und verstärkt. Wie der US-Psychiatrieprofessor Remi Cadoret 1983 in Adoptionsstudien zeigen konnte, wurden aus Kindern mit genetischer Belastung für kriminelles Verhalten, die aber in positiven sozialen Verhältnissen aufwuchsen, keine Gangster.
Das Sprichwort lässt sich aber aufgrund der vielen divergenten empirischen Befunden nicht vollständig dekodieren. Jedes Merkmal einer Person muss einzeln betrachtet werden, weil jeder Mensch einzigartig ist.

 

Dieses Sprichwort schickte uns Ruedi ­Bühlmann aus Zürich. Möchten auch Sie eine Redewendung mit Hilfe der Psycho­logie ergründen? E-Mail: redaktion@fsp.psychologie.ch