17.05.2017

Die Gärtnerin

Andrea Arnold arbeitet für die Agentur «Umsicht» in Luzern. Dort leitet sie Projekte, darunter den «Naschgarten». © Daniel Uhl.

Andrea Arnold vermittelt zwischen den Bedürfnissen des Menschen und den Bedürfnissen der Natur

Von Joël Frei, publiziert im Psychoscope 3/2017


Im Herzen ist sie eine Gärtnerin. «Es ist schön, wenn ich mit den Händen im Dreck bin», sagt Andrea Arnold und lächelt verschmitzt. Mit ihren Händen in der Erde graben, das kann die Umweltpsychologin in ihrem Berufsalltag nicht oft. Doch dies ist okay für sie, denn ihr gefällt der Ausgleich zwischen Kopf und Hand an ihrer Arbeit. Seit knapp vier Jahren arbeitet sie nun schon für die Umweltagentur «Umsicht» in Luzern. Dort leitet sie neben vielen anderen Projekten den sogenannten «Naschgarten». Die Idee dahinter ist, die Spielplätze und öffentlichen Orte der Stadt in grüne Inseln zu verwandeln, wo sich die Kinder Beeren und andere Früchte, aber auch Kräuter wie Goldmelisse nach Lust und Laune in den Mund stecken können. Althergebrachtes Wissen über die Natur soll den Kindern weitergegeben werden. Woher kommen unsere Früchte im Regal der Supermärkte? Wann reifen sie heran? Wann kann man sie ernten?
Der erste «Naschgarten» entstand letztes Jahr in Zusammenarbeit mit der Stadtgärtnerei Luzern auf einem Spielplatz im Maihofquartier, das an den Rotsee grenzt. Die Leiterin dieses Pilotprojekts pflanzte ihren Setzling sorgfältig ein. Sie sprach sich mit den verantwortlichen Stellen der Stadtverwaltung ab und lud die Menschen im Quartier zu einem Aktionstag ein. Im Herbst kam der grosse Tag: Andrea Arnold konnte die ersten Früchte ihrer Arbeit ernten. An einem kühlen Morgen im September kamen elf Familien mit ihren Kindern. Die Psychologin kniete sich mit den Kleinen auf die Erde und bepflanzte den Spielplatz mit über hundert Setzlingen. Wissbegierig beschrifteten die Kinder Täfelchen für die noch jungen Pflänzchen und halfen fleissig mit, Hecken der Lorbeerkirsche, ein Neophyt, zu roden.

Eine Vision zeichnet sich ab
Ein rötlicher Vogel öffnet seine Flügel und schmiegt sich an die Umweltpsychologin. Er baumelt sanft am Band um Andrea Arnolds Hals. In ihrer Kindheit spaziert das verträumte Mädchen mit seinen Eltern in den Wald, um die Eichhörnchen zu beobachten und die Kaulquappen und Molche im Weiher zu zählen. «Ich erlebte schöne Naturmomente und lernte, meine Umwelt wertzuschätzen», erinnert sich Andrea Arnold. Später kommt sie mit Menschen zusammen, die ihren Horizont erweitern: «Ich hatte viele Aha-Erlebnisse mit Leuten, die eine Vision haben.» Während des Studiums der Sozial- und Umweltpsychologie an der Universität Zürich und an Vorlesungen der Umweltwissenschaften an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ) lernt die junge Frau Studierende kennen, die aus Umweltgründen kein Fleisch essen und nicht Auto fahren. Als sie bei ihrer ersten Wohngemeinschaft aus- und in eine andere einzieht, packt sie ihre Siebensachen in einen Veloanhänger und fährt damit und mit Freunden durch die Strassen der Limmatstadt.
Obwohl sie mit vielen Naturcracks zwischen Bergen, in Wäldern und auf Seen unterwegs ist, stellt sie ihr Studium der Psychologie nie infrage: «Die Psychologie ist eine wunderbare Basis, um ein Feld zu bereiten für das harmonische Gleichgewicht zwischen den Bedürfnissen von Mensch und Natur.»

Der Messebesucher isst Wurst
Für ihre Forschungsarbeit reist sie nach Thailand, um die Situation bezüglich Hygiene und sanitären Anlagen in den städtischen Vororten von Bangkok zu erfassen. Die Studienzeit hinter sich, wird ihre Begeisterung für die Arbeit im Outdoorbereich stärker. Die Psychologin engagiert sich freiwillig in einem Kletterlager für Menschen mit geistiger Behinderung und arbeitet als Praktikantin für verschiedene Organisationen der Umweltbildung, darunter auch die Vogelwarte Sempach. Während vielen Sommernächten zählt sie im Rahmen einer Doktorarbeit Steinkäuze in Süddeutschland und stattet die Vögel mit Sendern aus.
In den Beruf der Umweltpsychologin steigt Andrea Arnold ein, als sie ein Praktikum bei der Kommunikationsagentur «Umsicht» beginnt, das später in eine Festanstellung mündet. Die Luzerner Agentur braucht Unterstützung bei der Ausarbeitung eines Erlebnispfads in Grindelwald. Dieser sensibilisiert Touristen und Wanderer für die Möglichkeiten und den Vorteil von erneuerbaren Energien. Andrea Arnold kann ihre im Psychologiestudium erlernten Fertigkeiten, wie die Vermittlung von komplexen Sachverhalten sowie das Wissen um das Verhalten und die Gewohnheiten der Menschen, gut einbringen.
Ihre Fähigkeiten ergänzen sich optimal mit dem fachlichen Hintergrundwissen der Geografinnen, Biologen und Pädagogen, die für «Umsicht» arbeiten: «Informationen transportieren zu können ist wichtig. Wir sollten die Menschen für Umweltthemen sensibilisieren, ohne den Mahnfinger zu heben», meint die Psychologin. Fachbegriffe wie «Suffizienz», «Food Waste» oder «Klimawandel» übersetzt sie vom Abstrakten in den Alltag der Menschen und fokussiert dabei auf das Wohlbefinden und die Motivation ihrer Klientinnen und Klienten. «Die Umweltpsychologie setzt bereits beim Problemverständnis ein. Es macht keinen Sinn, das Autofahren zu verbieten. Wir sollten stattdessen fragen: Warum brauchst du das Auto, um dich wohl zu fühlen und glücklich zu sein?»
Die Umweltpsychologin weiss, wovon sie spricht. An der Luga, der Zentralschweizer Frühlingsmesse, ist sie vor Ort. «Der typische Messebesucher fährt mit dem Auto hin, packt den Kinderwagen aus, isst seine Wurst und will ein Erlebnis konsumieren», meint Andrea Arnold. Sie steigt spielerisch in diese Konsumwelt ein, zeigt etwa Zeichentrickfilmchen oder auch Exponate, um ihre Message rüberzubringen. Ihre Erfahrungen, die sie während ihres Arbeitslebens und dank vielen menschlichen Begegnungen angesammelt hat, kommen einer Schatzkiste gleich, in die sie als umsichtige Projektleiterin greifen kann. Dabei gilt ihr besonderes Augenmerk der Sensibilisierung der kleinsten unter den Erdenbürgern.

Der Sohn erkennt den Vogel am Himmel
Während des Psychologiestudiums in Zürich absolviert Andrea Arnold ein Praktikum in der Kinder- und Jugendpsychologie. Später, als Mutter eines Sohnes und einer Tochter, lernt sie, wie sie Wissen so vermitteln kann, dass die Schönheit der Natur auf sinnlicher Ebene fassbar wird. Im Winter geht sie mit ihren Kindern in den Wald, um Tierspuren zu finden oder Feuer zu machen. Sie spaziert mit ihnen an die Sihl und schaut, wie das Eis schwimmt. Sie bildet ihre Kinder nicht bewusst in Umweltthemen. Die Mutter zeigt ihnen aber vieles, auch die Vögel, sobald diese die Winterstarre abschütteln oder aus dem Süden zurückfliegen, um ihre Schwingen im Frühlingswind auszustrecken. «Als mein dreijähriger Sohn das erste Mal ‹oh, schau! Ein Rotmilan!› ausrief, fand ich das sehr schön. Er kennt schon viele Tiere und hat ein Gespür für sie», sagt Andrea Arnold und strahlt.
Doch nicht nur die Vögel hat die Umweltpsychologin in ihr Herz geschlossen. Zurzeit ist sie in einer Weiterbildung in systemischer Erlebnispädagogik. Alle zwei, drei Monate ist sie nomadisch unterwegs. Zehn Tage steuerte sie ein Kanu vor der Meeresküste Griechenlands. Bei minus 20 Grad übernachtete sie im luzernischen Entlebuch unter dem freien Winterhimmel. Im Fokus der Weiterbildung stehen die Ressourcenförderung, Gruppendynamik und das prozessorientierte Begleiten der Teilnehmenden. Die Psychologin könnte sich vorstellen, in Zukunft Menschen mit geistiger Behinderung in der Natur zu begleiten. Es wäre eine Weiterentwicklung ihres freiwilligen Engagements für die Kletterlager auf dem Sustenpass, wo sie ihren Mann, einen Bergführer, kennenlernte. Die Liebe zur Natur und die Liebe zum Menschen, sie schliessen sich nicht aus. Wie oft im Leben ist die Liebe ein Sowohl-als-auch.

 

Name: Andrea Arnold
Beruf: Umweltpsychologin
Kompetenzen: Zuhören und verstehen, draussen unterwegs sein, kreative und offene Art der Wissensvermittlung

 

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